Merken

Insel unter Ausnahmezustand

Rügen. Nach anfänglichen Pannen hat der Kampf gegen die Seuche in aller Breite begonnen.

Teilen
Folgen

Von Martina Rathke

Nach dem Ausbruch der Vogelgrippe herrscht im Urlauberparadies Rügen Ausnahmezustand. Wer die Ostseeinsel über den Rügendamm verlassen will, kann dies seit gestern Nachmittag nur noch über Seuchenmatten tun. Speziell ausgebildete Bundeswehrsoldaten der ABC-Abwehr überwachen den Fahrzeugfluss an der Brücke. Feuerwehrtrupps eilen über die Insel und suchen nach weiteren toten Wildvögeln. Vorsorglich hat der Landkreis nach Absprache mit der Landesregierung die Tötung von Haustieren wie Hühnern, Enten, Gänsen und Puten in besonders gefährdeten Regionen der Insel angeordnet.

Gefährliche Journalisten

Nach zum Teil haarsträubenden Pannen zu Beginn des Seuchenausbruchs auf Rügen beginnt sich das Räderwerk zu drehen. Doch hungrige Möwen, die sich an Kadavern möglicherweise infizierter Schwäne laben, machen deutlich, dass längst nicht alle Infektionswege abgeschnitten werden können. „Die Lage ist ernst“, musste so auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern nach Gesprächen mit Vertretern des Krisenstabes in Bergen feststellen. Am Sonnabend hatte sich bereits Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) über die Situation auf der Insel informiert.

Polizisten riegelten am Sonntagvormittag betroffene Höfe ab. Fernsehteams können nur noch aus der Ferne die Ställe filmen, in denen nun die vorsorgliche Tötung von tausenden Hühnern, Enten und Puten beginnt. Die Arbeit der Medien war in Kritik geraten. „Das Problem ist, dass Journalisten sehr nahe an die toten Tiere herangehen und auch das Aufsammeln der Kadaver filmen, teilweise bis in die Kadaversäcke hinein“, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit, Thomas Mettenleiter. „Anschließend gehen die Kamerateams mit ihrer kontaminierten Ausrüstung und Kleidung unmittelbar in die Geflügelbestände hinein. Das ist völlig unverantwortlich und genau das, was wir verhindern wollen.“

Das gefährliche H5N1-Virus wurde bisher bei 59 Wildvögeln auf der Insel nachgewiesen. Das Loeffler-Institut auf der Ostseeinsel Riems konzentrierte seine Untersuchungen auf tote Wildvögel vom Festland. Gestern bereits wurden die ersten mit dem hoch ansteckenden Virus H5N1 infizierten Tiere auf dem Festland gefunden: in Ost- und in Nordvorpommern.

„Damit es schnell geht“

Der Geflügelhof Kliewe in Mursewiek ist einer der Höfe, der seine Tiere töten muss. Er habe zu viele Besucher gehabt, zu viele Journalisten, sagt Agrarminister Till Backhaus (SPD) in Schwerin. „Wir unterstützen die vorsorgliche angeordnete Tötung der Tiere“, erklärt Martin Häger, Schwiegersohn des Hofbesitzers Holger Kliewe, am Telefon. Am Vormittag haben er und seine Mitarbeiter alle 2 000 Hühner und Enten zusammengetrieben. „Damit es möglichst schnell geht“, sagt Häger mit stockender Stimme.

Wie es weiter gehen soll, weiß bisher niemand. „Wir sind unsicher, ob wir überhaupt Entschädigungsleistungen erhalten,“ sagt der Hofbesitzer. Drei Millionen Euro habe die Familie seit 1991 in die Sanierung des Hofes gesteckt, 20 Arbeitsplätze geschaffen. Die Existenz des Betriebes sei nun akut in Gefahr. Backhaus versprach, dass Betriebe, die alle Schutzmaßnahmen ordnungsgemäß umsetzen, den Tierschaden ersetzt erhalten. (dpa)