Teilen: merken

Integration zahlt sich mittelfristig aus

Die Bildungsintegration von Migranten und Flüchtlingen ist teuer. Doch die Ausgaben lohnen sich, wenn auch wohl nicht kurzfristig. Der Bildungsbericht 2016 weist der deutschen Politik manche Wege.

© dpa

Von Werner Herpell

Berlin. Die Eingliederung Hunderttausender Flüchtlinge ins deutsche Bildungssystem wird sich aus Expertensicht in frühestens in zehn Jahren „rechnen“ - bei sinnvoller Weichenstellung dann aber nachhaltig. Allein für den Asylbewerber-Andrang 2015 sollten bis zu 44 000 Lehrer und Erzieher neu eingestellt werden, heißt es in dem am Donnerstag vorgestellten Bericht „Bildung in Deutschland 2016“.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Das Phantom der Oper

Der Musical-Erfolg mit Weltstar Deborah Sasson und Musical Star Uwe Kröger sowie Axel Olzinger (Phantom) und mit ...

Die Bildungsinvestitionen für diese Flüchtlinge werden auf zusätzlich 2,2 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Eine „Rückzahlung“ ergebe sich mittelfristig „in direkten Beiträgen zur Wertschöpfung ebenso wie in der Vermeidung von Sozialkosten“.

Sprachliche Bildung von Asylsuchenden sei „eine ebenso vordringliche wie kontinuierliche Aufgabe und erfordert in allen Bereichen verstärkte Anstrengungen sowie zusätzliche personelle Ressourcen“, so die Forderung der Autoren des Reports unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). „Die Lage ist dadurch gekennzeichnet, dass gegenwärtig rund 30 Prozent der gestellten Asyl-Erstanträge auf Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren entfallen und jeweils rund 25 Prozent auf 18- bis 24-Jährige sowie Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren.“

„Bildung in Deutschland 2016“

MEHR BILDUNG BEI FORTBESTEHENDER UNGLEICHHEIT:

So lautet eine der Kernthesen der Studie des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Dessen Wissenschaftler Prof. Kai Maaz sagt: „Der Trend zu mehr Bildung ist ungebrochen.“

Aber er beklagt auch „sehr ungleiche Voraussetzungen“ beim Erwerb von Bildung. „Soziale Herkunft, Migrationshintergrund und zunehmend auch regionale Rahmenbedingungen üben einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg aus.“ Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz verweisen auf hohe Investitionen nach dem PISA-Schock.

So seien die Ausgaben je Schüler von 4900 Euro (2005) auf 6500 Euro (2013) gestiegen. (dpa)

BESSERE KITA-BILANZ:

Im Jahrzehnt seit dem ersten Bildungsbericht von 2006 gab es in dieser Altersstufe eine Chancenangleichung, auch deutlich mehr Kinder mit Migrationshintergrund gehen in Kitas. Doch immer noch ein Viertel der Fünfjährigen hat Sprachförderbedarf in Deutsch - dieser Anteil blieb seit einigen Jahren in etwa konstant.

„Insbesondere Kinder aus Elternhäusern mit niedrigem Schulabschluss sowie mit nicht deutscher Familiensprache werden vermehrt als sprachförderbedürftig diagnostiziert“, schreiben die DIPF-Autoren. Auch hier sieht sich die Bildungspolitik auf gutem Weg: So habe der Personalstand in Kindertageseinrichtungen mit 515 000 pädagogisch Beschäftigen 2015 einen neuen Höchststand erreicht. (dpa)

GERINGE QUALIFIKATION NACH DER SCHULZEIT:

Trotz der vom DIPF festgestellten „Bildungsexpansion“ schaffen noch zu viele junge Menschen gerade mal den Hauptschulabschluss oder starten ohne echte Qualifikation ins Berufsleben - zuletzt wieder mit steigender Tendenz.

Dabei verlassen ausländische Jugendliche schon jetzt mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Hauptschulabschluss, und sie erreichen viel seltener die Hochschulreife. Es gelte weiterhin, „die Anzahl gering qualifizierter Menschen zu reduzieren“, fordert Prof. Maaz. „Es ist mühselig“, räumt Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) ein - trotz vieler gut gemeinter Programme. (dpa)

WENIGER EXTREM LEISTUNGSSCHWACHE:

Verbesserungen gibt es seit der ersten PISA-Erhebung des Jahres 2000 vor allem bei Jugendlichen aus ärmeren Elternhäusern, etwa in puncto Lesekompetenz.

Die Risikogruppe der leseschwachen 15-Jährigen verkleinerte sich von 23 auf 15 Prozent. Und auch die Quote der jungen Menschen, die nicht mal einen Hauptschulabschluss vorweisen können, ging zurück - auf 6 Prozent. (dpa)

NICHTSTAATLICHE SCHULEN AUF DEM VORMARSCH:

Freie und kirchliche Schulträger stellen bundesweit fast elf Prozent des Angebots. Besonders in Ostdeutschland gibt es hier einen starken Anstieg, etwa in Mecklenburg-Vorpommern auf den Bundesländer-Höchstwert von 18 Prozent.

Gerade in ländlichen Regionen ersetzen Schulen in freier Trägerschaft teilweise das rückläufige Angebot öffentlicher Schulen - laut DIPF ein Hinweis, dass die Bildungsinfrastruktur den Ansprüchen vieler Eltern nicht mehr gerecht wird. (dpa)

ÜBERALL ERHÖHTE CHANCEN MIT DUALER AUSBILDUNG:

Die Übernahmequoten nach Abschluss einer betrieblichen Lehre sind laut Bildungsbericht nun auch „in den ostdeutschen Ländern gestiegen und nähern sich denen in Westdeutschland immer mehr an“. Allerdings bleibt die hochgelobte duale Ausbildung in Deutschland insgesamt ein Problemkind:

Viele Betriebe klagen, dass sie keine „passenden“ Lehrlinge finden, viele Stellen bleiben unbesetzt - doch genau danach suchen zugleich viele Jugendliche mit niedrigem oder ohne Schulabschluss vergeblich. (dpa)

AUSBILDUNG VERSUS STUDIUM:

„Der Trend, dass junge Erwachsene nach dem Schulabschluss vermehrt ein Hochschulstudium anstreben, hält an“, stellt der DIPF-Report fest.

Die Kehrseite: „Der Anteil derer, die ins duale System gegangen sind, ist in den vergangenen 15 Jahren um 100000 Personen gefallen“, sagt Prof. Maaz. Ministerin Wanka verweist auf große zusätzliche Anstrengungen der Politik, die Bereitschaft zu einer betrieblichen Ausbildung zu stärken. (dpa)

FLÜCHTLINGE ALS HERAUSFORDERUNG UND CHANCE:

Der Report würdigt im Zehnjahresvergleich „die vielfältigen Bemühungen um die Integration“. Allein für die 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge seien, vom frühkindlichen Bereich bis zur beruflichen Bildung, „zusätzliche Kosten in Höhe von etwa 2,2 bis 3 Milliarden Euro notwendig“.

Allein für den Flüchtlingsandrang des Vorjahres sollten bis zu 44000 Lehrer und Erzieher neu eingestellt werden. KMK-Präsidentin Claudia Bogedan schockt diese Zahl nicht: Damit sei die DIPF-Berechnung nicht weit weg von den Personalplanungen der Bundesländer. (dpa)

1 / 8

Der Bildungsbericht 2016 stellt die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf das deutsche Bildungswesen in einen engen Zusammenhang mit der langjährigen Debatte über Chancengerechtigkeit. Die Wissenschaftler stellen grundsätzlich fest, dass jüngere Menschen ausländischer Herkunft im Zehnjahresvergleich zwar verbesserte Rahmenbedingungen vorfänden - gleichwohl blieben „ausgeprägte“ Unterschiede.

„Die letzten zehn Jahre Migration im deutschen Bildungswesen lassen sich als eine Geschichte von Licht und Schatten, von Fortschritten in der Bildungsbeteiligung und den Bildungsergebnissen, aber auch von weiter bestehenden Bildungsungleichheiten bilanzieren.“

So habe es seit dem ersten Bildungsbericht (2006) eine Angleichung vor allem im Kindergartenalter gegeben. „Stärkere Ungleichheiten in der Bildungsbeteiligung haben sich im Schulbereich erhalten.“ Insbesondere an Gymnasien seien Kinder aus Migrantenfamilien unterrepräsentiert. „Auch beim Übergang in eine vollqualifizierende berufliche Ausbildung zeigen sich eklatante Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen“, heißt es.

Deren Anteil an Hochschulbildung sei ebenfalls unterdurchschnittlich. Das Problem der Benachteiligung „dürfte sich im Zuge der neuen Zuwanderung intensivieren“, warnen die DIPF-Autoren.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hob hervor, die Bildungsbeteiligung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund habe sich angenähert, „besonders in der frühen Bildung und bei den jungen Erwachsenen. Auf diese Erfolge können Bund und Länder stolz sein.“

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), betonte, der Anteil der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss gehe weiter zurück. „Nichtsdestotrotz müssen wir auch künftig unseren Blick verstärkt auf die Gruppe der gering oder nicht Qualifizierten richten.“

Die Bundes-Migrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD) nannte es erfreulich, „dass sich die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sowohl im Grundschul- als auch im Sekundarbereich verbessert haben“. Dennoch lebten solche Kinder überproportional oft mit dem Risiko von Armut oder Erwerbslosigkeit.

DGB-Vize Elke Hannack hob auf den „Kraftakt“ der Integration von Flüchtlingen ab: „Wir müssen sie schnell in Kitas, Schulen und berufliche Ausbildung integrieren. Damit das gelingt, brauchen wir einen gesellschaftlichen Bildungsaufbruch.“ Notwendig seien „massive Investitionen“ und mehr Möglichkeiten zur Hilfe für den Bund. (dpa)