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„Internet erhöht den Wert des Hauses“

Eh 550 Kilometer Glasfaserkabel in die Erde kommen, muss das Projekt erst durch den Kopf.

© Kristin Richter

Großenhain. Unlängst diskutierte Staatsminister Thomas Schmidt im Großenhainer Kulturschloss über die digitale Zukunft auf dem Land. Denn die ist nicht nur eine Frage der technischen Voraussetzungen, sondern auch eine Sache des Kopfes und der Entscheidung jedes Einzelnen, sich darauf einzulassen. Genau das beschäftigt nun auch die Stadt ganz praktisch. Die SZ fragte dazu Oberbürgermeister Sven Mißbach.

Herr Mißbach, die Stadt will in alle Ortsteile schnelles Internet bringen. Was, wenn zum Beispiel die alleinstehende Oma abwinkt, weil sie damit gar nichts anfangen kann?

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Das ist genau unsere große Sorge, die uns jetzt umtreibt. Wie viele Bürger lassen sich das Glasfaserkabel wirklich ins Haus legen. Denn eins ist klar: Wer den Gestattungsvertrag nicht unterschreibt, bei dem endet das Kabel definitiv vor dem Grundstück.

Wäre denn das so schlimm?

Auf den ersten Blick nicht. Aber jetzt besteht natürlich die Riesenchance, sich kostenlos anzuschließen, weil Bund, Land und Kommune das komplett bezahlen. Wenn jetzt jemand sagt, das brauche ich nicht – gut. Dann schließt er eben persönlich keinen Vertrag über die Nutzung des Internets ab – aber das Kabel ist da. Denn wenn irgendwann das Haus verkauft oder vererbt wird, fragen die jüngeren Leute auf alle Fälle nach schnellem Internet. Kein Wohnstandort lässt sich heute mehr anbieten, wenn das nicht gegeben ist. Das ist genauso wichtig wie die Kita, der Arzt oder Einkaufsmöglichkeiten. Wahrscheinlich noch wichtiger, weil sich viele Dinge entwickeln werden, die für uns heute noch gar greifbar sind, obwohl alle wissen, dass es sie gibt. Ich sage nur Telemedizin. Wenn die Voraussetzungen da sind, werden sich auch die Angebote dazu sprunghaft entwickeln. Aber wer die flächendeckende Erschließung jetzt verpasst, ist dann abgekoppelt – und er mutet späteren Hauseigentümern zu, dass sie dann auf eigene Kosten einen Anschluss legen müssen. Das wird den Verkaufspreis mit Sicherheit drücken.

Wissen Sie schon, welche Orte zuerst drankommen?

Nein, das wird davon anhängen, wie viele Anschlussverträge das ausführende Unternehmen bekommt und wie die örtlichen Gegebenheiten sind. Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein. Die Vergabe der Aufträge wollen wir im Sommer durchführen.

Apropos, Baubeginn. Wenn jetzt alle Kommunen Tiefbauarbeiten vergeben wollen – gibt es denn überhaupt so viele Firmen, wie angesichts dieses Ansturms gebraucht werden?

Wir haben Angebote, so viel kann ich an der Stelle schon sagen. Generell sehen wir das auch als Problem. Deshalb wurde ja das Zeitfenster für das Bauende vom Bund schon von Ende 2019 auf Ende 2020 verschoben. Aber das ist für die Kommunen nur die eine Seite der Medaille.

Und die andere Seite ist welche?

Die Bürokratie. Die ist ein klassisches Gegenbeispiel für die Vereinfachung von geförderten Maßnahmen. Allein die Dokumentationspflicht ist unglaublich. Die Nebenbestimmungen umfassen für sich zehn Seiten. Selbst die Anzahl der veröffentlichten Worte zu diesem Vorhaben ist entsprechend der Fördersumme festgelegt. Ständig kommen neue Fördervorgaben, die dann wieder mit allen Fachämtern besprochen werden müssen. Da ist noch kein Meter Kabel verlegt. Kleinere Gemeinde können das fachlich gar nicht leisten. Ich könnte mir vorstellen, dass es hier in der interkommunalen Zusammenarbeit noch Hilfe geben muss, sonst bleiben im Landkreis Meißen einfach weiße Flecken.

Das Gespräch führte Birgit Ulbricht.