merken
PLUS Politik

Irland als Negativ-Beispiel für Deutschland

Kürzlich lag die Inzidenz in Irland noch bei 41, jetzt bei 942. Grund sind Lockerungen und die Virusmutation. Was Deutschland daraus lernen sollte.

In Deutschland schaut man fassungslos auf die Lage in Irland. Die Zahl der Corona-Infektionen ist dort in die Höhe geschossen.
In Deutschland schaut man fassungslos auf die Lage in Irland. Die Zahl der Corona-Infektionen ist dort in die Höhe geschossen. © Brian Lawless/PA Wire/dpa

Von Fabian Löhe

Vom Musterschüler im Kampf gegen Corona zur höchsten Rate an Neuinfektionen – und das in nur einem Monat: In Irland sind die Corona-Zahlen regelrecht explodiert, die Kurve der Neuinfektionen steigt nahezu senkrecht. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 942 pro 100.000 Einwohner.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Andere Staaten stehen deutlich besser da:

  • In Tschechien liegt die Inzidenz bei 853
  • In Großbritannien bei 630
  • In Portugal bei 549
  • In Deutschland bei nur 175
  • In Griechenland bei nur 43
  • In Finnland liegt die Inzidenz bei gerade mal 33

Wie konnte Irland das passieren? Noch am 10. Dezember wies das Land eine Inzidenz von nur 41 auf. Vorausgegangen war diesem damaligen Best-Wert innerhalb von Europa ein sechswöchiger Lockdown. Doch dann lockerte Irland die Beschränkungen in dem fatalen Irrglauben, einen Anstieg des Virus über Weihnachten trotzdem eindämmen zu können. Somit zeigt das Beispiel Irland, wie gefährlich eine schnelle Lockerung sein kann.

Kurz vor Weihnachten hatte sich die Inzidenz bereits in etwa verdoppelt, zu Heiligabend dann verdreifacht. Das gesellige Beisammensein in den heimischen Wohnungen war über die Feiertage wieder erlaubt, Restaurants und Gastro-Pubs wurden geöffnet. Und genau dann trat die wahrscheinlich leichter übertragbare Virusvariante aus Großbritannien auf: Diese neue Variante taucht inzwischen laut der britischen Zeitung „Guardian“ bei 45 Prozent der Virusproben auf. Vor einer Woche waren es demzufolge aber erst 25 Prozent. Und in der Woche über den Jahreswechsel bis zum 3. Januar lediglich neun Prozent.

„Es war rücksichtslos“

Just seit Silvester aber schießt die Neuinfektionskurve in die Höhe wie noch nie zuvor in Europa. Das Coronavirus rast regelrecht über Irland hinweg. Eine Entwicklung, die selbst Worst-Case-Szenarien noch in den Schatten stellt. Die Iren zeigen sich schockiert: Mittlerweile sind gut 3.000 von 100.000 Menschen infiziert. In Deutschland liegt die Vergleichszahl bei 2.300.

Seit Silvester schießt die Neuinfektionskurve in Irland in die Höhe wie noch nie zuvor.
Seit Silvester schießt die Neuinfektionskurve in Irland in die Höhe wie noch nie zuvor. © Government of Ireland and Ordnance Survey Ireland

Seán L'Estrange, Sozialwissenschaftler am University College in Dublin, macht für die Horror-Zahlen dezidiert die Entscheidung der Regierung verantwortlich, die Beschränkungen zu Weihnachten zu lockern und nicht mir härteren Maßnahmen gegenzusteuern. Demnach deuten Ergebnisse von Probenahmen darauf hin, dass die Situation bereits außer Kontrolle geraten war, bevor sich die englische Variante durchsetzte.

„Es war rücksichtslos“, sagte L'Estrange dem „Guardian“. Selbst der britische Premierminister Boris Johnson habe letztlich eine Kehrtwende hingelegt und Weihnachten in England doch noch abgesagt. „Aber unsere Regierung steckte sich die Finger in die Ohren.“

In Deutschland schaut man fassungslos nach Irland

Irlands Premierminister Micheál Martin verteidigte die Öffnungspolitik. „Wir akzeptieren unsere Verantwortung, aber wir haben zu jeder Zeit effektiv auf die Wellen reagiert, die aufgetaucht sind“, sagte er dem Radiosender „Newstalk“. Konkreter wurde er dabei nicht.

In Deutschland schaut man fassungslos auf die Lage in Irland. Der Schluss für Kanzlerin Angela Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun ist klar: Es darf keineswegs zu früh gelockert werden, zudem wird mit Sequenzierungen bundesweit nun bei positiven Corona-Tests auch nach der Mutationsvariante B117 gesucht.

Und zum zweiten kommt dem Impfen eine noch größere Bedeutung zu, um aus der Spirale der Lockdowns herauszukommen, es ist der einzige Schlüssel dafür. Doch bei allen Nachbestellungen und zusätzlichen Produktionskapazitäten wie von Biontech im früheren Novartis-Werk in Marburg: Das wird alles nicht mehr Verfügbarkeit in dem heiklen ersten Quartal bringen, aber dann danach.

Erste Kliniken sind überlastet

Das irische Gesundheitssystem gerät zunehmend an die Belastungsgrenze: Fast 1.600 Covid-19-Patienten liegen in den Spitälern, davon rund 150 auf Intensivstationen. Die Akutkrankenhäuser geraten in eine noch nie da gewesene Krise.

Das Universitätskrankenhaus von Letterkenny in der Grafschaft Donegal beispielsweise war am Sonntag kurzzeitig so überlastet, dass Patienten in einer Krankenwagen-Schlange auf die Einlieferung warten mussten. Und laut der Irish Hospital Consultants Association verdoppelt sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen jede Woche.

Weiterführende Artikel

Sachsen: Gericht kippt Ausgangs-Beschränkungen

Sachsen: Gericht kippt Ausgangs-Beschränkungen

Gekippte Regeln ab Montag bereits gestrichen, Mehrheit steht hinter Corona-Maßnahmen, fast alle Kreise in Sachsen unter Inzidenz 100 - unser Newsblog.

Diese Corona-Regeln sollen ab Montag in Sachsen gelten

Diese Corona-Regeln sollen ab Montag in Sachsen gelten

Sachsen hat die Eckpunkte für die neue Corona-Verordnung vorgestellt. Der Lockdown wird verlängert, aber es soll auch Öffnungen geben. Ein Überblick.

Lockdown-Verschärfungen zeichnen sich ab

Lockdown-Verschärfungen zeichnen sich ab

Die Corona-Lage bleibt angespannt, vor allem die Virus-Mutationen machen der Politik Sorgen. Die nächsten Bund-Länder-Beratungen sollen vorgezogen werden.

Noch liegt Irland trotz des Anstiegs der positiven Tests bei der Zahl der Covid-19-Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weit hinter den meisten anderen Ländern zurück. Fast 14 von einer Million Menschen in Großbritannien starben in der vergangenen Woche täglich an der Krankheit, in Irland waren es etwa zwei.

Mehr zum Thema Politik