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Mal ehrlich, ist das wirklich von hier?

Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen und Testkäufer Hans-Wolfgang Mögel lassen sich von Rewe-Fleischer Andreas Schack beraten. Der Markt in Dresden bezieht seine frischen Schweinefleischprodukte von der Firma Dürrröhrsdorfer. © Thomas Kretschel

Irritation an der Wursttheke. Warum stammt Sächsischer Leberkäse aus Zerbst und darf Flensburg mit dem Zwinger werben? Bericht eines Testkäufers.

Hans-Wolfgang Mögel aus Dresden steht vor dem Kühlregal einer Kaufland-Filiale und schaut ratlos auf eine Packung Wurst. „Das ist ein Sächsischer Leberkäse, aber die Firma heißt Zerbster. Zerbst liegt in Sachsen-Anhalt. Was gilt denn nun?“, fragt er. Mögel kauft gern regionale Produkte, findet es aber oft nicht leicht, sie zu erkennen. Die Sächsische Zeitung hat ihn mit Lebensmittelexpertin Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen beim Einkaufen begleitet. Gemeinsam wollen sie prüfen, wie Fleisch und Wurst gekennzeichnet sind und ob immer Region drin ist, wo Region draufsteht.

„Die Angaben sind auf dem ersten Blick widersprüchlich“, sagt Verbraucherschützerin Brendel. Sie erklärt, dass sich die regionale Zuordnung in diesem Fall auf die Rezeptur bezieht und nicht auf das Bundesland. Ist ein Leberkäse sächsisch, enthält er traditionell Schweineleber. Ein bayerischer muss das nicht. „In Bayern leitet sich der Name von Leiberl ab, von der Form des Fleischkäseleibes“, sagt sie. Echte Leber hat so ein bayerischer Leberkäse nie gesehen. „Ich finde das verwirrend“, sagt Mögel.

Beim Blick auf das Kleingedruckte verstärkt sich die Irritation. Laut Gesetz muss auf der Verpackung von Wurst und Fleisch lediglich die Adresse des Herstellers oder des In-Verkehr-Bringers stehen. „Leider sagt die meist nur etwas darüber aus, wo sich der Hauptfirmensitz befindet, nicht aber, wo das Produkt wirklich erzeugt wurde“, sagt Brendel. Mögels Leberkäse wurde unter dem Markennamen „Zerbster“ aber von der Chemnitzer Wurstspezialitäten GmbH produziert. Vom Herstellungsort und der Rezeptur her ist er also doch ein Sachse. Aber woher die Rohstoffe dafür stammen, geht aus der Verpackung nicht hervor. Rein theoretisch könnten sie aus jedem Land der Welt zugekauft sein.

Eine Nachfrage beim Hersteller schafft Klarheit: Das Unternehmen bezieht die Schweine überwiegend vom Schlachthof Weißenfels. „Der wiederum kauft das Schlachtvieh zu 90 Prozent im Umkreis von 150 Kilometern ein“, sagt Unternehmenssprecher André Vielstädte. Das deckt weite Teile Sachsen-Anhalts, Thüringens, Brandenburgs und auch Sachsens ab.

Für Hans-Wolfgang Mögel ist das in Ordnung. Der Sächsische Leberkäse geht für ihn als regionales Produkt durch, selbst wenn das Schwein, das dazu verarbeitet wurde, in Mecklenburg geboren und in Brandenburg gemästet worden wäre. Der 75-Jährige definiert den Begriff Regionalität zwar meist in Bezug auf das Bundesland Sachsen, ordnet aber auch Erzeugnisse darunter ein, die in Ostdeutschland hergestellt wurden. „Das sehen viele Leute in der Altersklasse so, während für die Jüngeren ,regional‘ tatsächlich das Umland ihrer Stadt oder eine geografische Region wie das Erzgebirge oder die Lausitz umschreibt“, sagt Brendel.

Rentner Mögel isst wenig Fleisch, gelegentlich ein Schnitzel oder Beefsteak. Dann achtet er auf Qualität und gibt auch gern etwas mehr dafür aus. „Gehacktes kaufe ich bei meinem Fleischer in Dresden, denn der gibt die Fleischstückchen vor den Augen der Kundschaft in den Fleischwolf. Das verleiht mir ein beruhigendes Gefühl“, sagt er. Dass die Rohstoffe tatsächlich von Tieren aus der Region kommen, setzt er voraus. Bei der Verbraucher- und Marktstudie „Wie regional is(s)t Sachsen?“, die das sächsische Landwirtschaftsministerium im Oktober veröffentlicht hat, gaben praktisch alle befragten Fleischer an, zumindest teilweise ihre Schlachttiere, Fleisch oder Fleischwaren aus dem Freistaat zu beziehen. Sei man unsicher, wie das der eigene Fleischer handhabe, solle man ihn einfach ansprechen, rät Brendel.

Aber wie ist das bei den Wurst- und Fleischtheken in Supermärkten? Wir erkundigen uns bei Rewe in Dresden. „Alle Schweinefleischprodukte, die wir hier verkaufen, beziehen wir von Dürrröhrsdorfer aus der Sächsischen Schweiz“, sagt Fleischer Andreas Schack. Tatsächlich finden sich entsprechende Schildchen direkt an der Ware in der Frischetheke. Woher die Fleischerei ihr Schlachtvieh bezieht – darauf gibt es keinen Hinweis. Auch hier hilft die Nachfrage beim Erzeuger weiter: „Unsere Fleischprodukte in den Theken stammen zu 100 Prozent aus der Region“, sagt Stephanie Ehrentraut von Dürrröhrsdorfer. Die Firma kauft die Schweine von sächsischen Mastbetrieben und die Rinder vom Stolpener Landhof.

Ein bisschen Salz ändert alles

Birgit Brendel inspiziert die Fleisch-Auslagen bei Rewe. „Hier gibt es viele freiwillige Angaben“, sagt sie und deutet auf ein eingelegtes Rindersteak. Ein Fähnchen verrät, dass das Fleisch aus Irland kommt. Diese Information müsste der Markt gar nicht geben. Zwar muss seit der BSE-Krise auf dem Fleisch von Rindern und Kälbern – egal, ob verpackt oder lose – gekennzeichnet sein, in welchem Land das Tier geboren, gemästet und geschlachtet wurde. Aber das gilt nur für unverarbeitetes Fleisch. Das ändert sich schlagartig, sobald das Fleisch mariniert oder gewürzt wird. Dann sind gar keine Herkunftsangaben mehr vorgeschrieben. „Es reicht schon aus, dass jemand etwas Salz darüber streut“, sagt Brendel. Bei frischem, gekühlten oder eingefrorenem verpacktem Fleisch von Schwein, Schaf, Ziege oder Geflügel muss das Geburtsland des Tieres nicht genannt werden, wo es aufgezogen und geschlachtet wurde hingegen schon. Komplett im Dunkeln darf die Herkunft bleiben, wenn das Fleisch unverpackt ist – wie in der Frischetheke – oder verarbeitet wurde, zum Beispiel zu Leberkäse. Hinweise auf regionale Erzeugung sind nicht vorgeschrieben.

Vielen Kunden ist das zu wenig transparent. Um ihnen mehr Gewissheit zu geben, reagieren manche Firmen und Handelsketten mit freiwilligen Angaben, die über die gesetzliche Deklarationspflicht hinaus gehen. Aldi Nord zum Beispiel hat den Transparenzcode ATC eingeführt. Wir finden ihn auf einem „Wildkräuter-Lendchen“ der Firma „Lecker Lausitz“. Das Logo verspricht ein regionales Produkt. Der Code, gescannt mit dem Smartphone, verrät, dass das Lendchen von einem deutschen Schwein stammt, das in Bochum geschlachtet und zerlegt und in Weißwasser verarbeitet wurde. Regional ist in diesem Fall der letzte Schritt der Produktionskette. Immerhin.

Wir schauen weiter. Im Frischeregal von Netto wirbt die Firma „Gut Ponholz“ mit dem Spruch „So schmeckt die Heimat“. Das Kochfleisch vom Rind wurde aber in Nordrhein-Westfalen verpackt. Die im thüringischen Schmölln ansässige Firma „Wolf“ verspricht auf ihrem Kochschinken „Bestes von uns daheim“. Gehört das alles noch zur Region? Die Verbraucherschützerin sieht das kritisch. „Bei diesen Werbesprüchen assoziiert man eine regionale Herstellung. Kunden erwarten, dass die Produkte aus ihrem Umland stammen und werden damit oft in die Irre geführt. Rechtlich sind die Slogans jedoch in Ordnung.“ Schmölln liegt 119 Kilometer von Dresden entfernt. Für Mögel gehört es durchaus zur Region. Kauft er abgepackte Wurst, greift er gern zu den Erzeugnissen dieser Firma.

Sein Verständnis endet aber beim nächsten Produkt, einem Dosen-Ragout fin der Firma „Sachsenkrone“, gefunden bei Netto. Der Hersteller schmückt seinen Namen mit einem stilisierten Abbild des Kronentors des Dresdner Zwingers. Ein Blick auf das Kleingedruckte lässt ihn verblüfft auflachen. „Das gibt es ja nicht!“, sagt er. Das Produkt wurde in einer Fabrik in Flensburg hergestellt. Weiter weg von Sachsen kann man sich in Deutschland kaum befinden. „Ist das Verbrauchertäuschung?“, will Mögel wissen. „Nein. Das ist eine Wort-Bild-Marke, die vom Markenrecht geschützt ist“, erklärt Brendel. Der Name des Ortes, der in der Marke verwendet wird, müsse nicht zwangsläufig etwas mit der Herstellung oder Vermarktung des Produktes zu tun haben. Die Sachsenkrone von der Nordsee mag zwar Verbraucher an der Nase herumführen, bricht aber kein Recht.

Fazit:

Der Testkauf zeigt: Die Herkunftsangaben, zu denen die Hersteller verpflichtet sind, reichen bei Wurst und Fleisch nicht aus, um Regionales klar zu identifizieren. Das lässt Kunden oft ratlos zurück.

Im nächsten Teil lesen Sie: Wie viel Region steckt wirklich in Brot und Brötchen?

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