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Ist das der Auftakt zu einem Handelskrieg?

Nachdem US-Präsident Trump Strafzölle erhoben hat, bleibt den Europäern nur noch der Befehl zu Gegenmaßnahmen.

© dpa/Guido Kirchner

Von Michael Donhauser und Ansgar Haase

Washington. Nach zwei Schonfristen ist es so weit: Die USA verhängen gegen einige ihrer engsten Verbündeten, darunter auch Deutschland, Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe von Stahl und zehn Prozent auf Aluminium. Handelsminister Wilbur Ross verkündete die Botschaft, wenige Minuten später versandte das Weiße Haus eine entsprechende Proklamation von Präsident Donald Trump. Inhaltlich geben sich die USA zugeknöpft – was wohl Spielraum für weitere Verhandlungen lassen soll.

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Warum verhängen die USA die Zölle?

Das übergeordnete Ziel von US-Präsident Trump ist es, das enorme Handelsdefizit der USA zu verringern. Er will mehr Produkte im eigenen Land fertigen lassen. Außerdem wirft er den Europäern vor, eigene Handelsschranken aufzubauen, nicht zuletzt durch Datenschutz. Dies ist vor allem für die großen und mächtigen US-Datenunternehmen wie Google oder Facebook ein Thema. Offiziell ist die Begründung: Die hohe Exportquote bei Stahl und Aluminium gefährde die nationale Sicherheit der USA – ein Argument, das viele Experten für vorgeschoben halten.

Ist das das letzte Wort der USA?

Das scheint nicht der Fall zu sein. Handelsminister Ross verweigerte am Donnerstag auf mehrmaliges Nachfragen eine Antwort auf die Frage, was man denn eigentlich konkret von den Europäern fordere. Dies gehöre an den Verhandlungstisch, nicht in eine Pressekonferenz, sagte er. Es gebe einige weitere Themen, die diskutiert werden müssten. Die EU-Kommission hatte erklärt, dass sie nur zu Verhandlungen bereit sei, wenn Europa von den Zöllen ausgenommen werde. „Diese Bedingung wollten wir nicht akzeptieren“, sagte Ross und fügte vorbeugend hinzu: „Wenn jemand Vergeltung übt, heißt das nicht, dass man nicht verhandeln kann.“

Sind damit die angedrohten Zölle auf deutsche Autos vom Tisch?

Die besonders in der Bundesrepublik mit sehr viel Argwohn beäugten Äußerungen von Donald Trump über Einfuhrbeschränkungen für Autos nutzt der US-Präsident als Faustpfand. Auch Ross ließ durchblicken, Autos beinhalteten ja auch Stahl und Aluminium. Gerüchte machten die Runde, Trump wolle etwa Autos von Daimler ganz vom US-Markt ausschließen. Einen Beleg dafür gibt es bisher nicht.

Wie wird die EU jetzt reagieren?

Mit Vergeltungszöllen. Sie sollen unter anderem auf US-Produkte wie Whiskey, Erdnussbutter, Motorräder, Jeans und Tabakprodukte erhoben werden. Auch amerikanische Stahlerzeugnisse, Schiffe und Boote wären betroffen. Der geplante Zusatzzollsatz auf all diese Produkte würde 25 Prozent betragen. „Die USA lassen uns keine andere Wahl“, kommentierte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Wie schnell geht das?

Frühestens ab 20. Juni. Das liegt daran, dass die EU die möglichen Vergeltungszölle erst am 18. Mai bei der Welthandelsorganisation WTO angemeldet hat. Wenn sie sich an die Regeln halten will, muss sie danach eine 30-Tage-Frist abwarten. Vor der Einführung der Vergeltungszölle soll es noch Konsultationen der Mitgliedstaaten geben.

Wie funktionieren Vergeltungszölle?

Die möglichen EU-Zusatzzölle wurden so konzipiert, dass sie in etwa den Schaden ausgleichen würden, der der EU durch die US-Zölle entstehen dürfte. Unter dem Strich geht es nach EU-Berechnungen um 1,6 Milliarden US-Dollar.

Wie wurden die Produkte ausgewählt?

Auch wenn es offiziell niemand bestätigt: Es geht um politischen Druck. So finden sich auf der Vergeltungszoll-Liste Produkte, die für die Wahlkreise von Unterstützern von Präsident Trump wirtschaftlich interessant sind. So hat der Harley-Davidson-Hersteller seinen Sitz in Wisconsin und damit in dem Bundesstaat, aus dem der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, stammt. Bourbon-Whiskey wird vor allem in Tennessee sowie in Kentucky produziert – der Heimat des einflussreichen Republikaners Mitch McConnell, Mehrheitsführer im Senat.

Was ist außer Gegenzöllen denkbar?

Zusätzlich will die EU-Kommission sicherstellen, dass die US-Strafzölle nicht dazu führen, dass nun Dumping-Stahl aus China den EU-Markt überflutet. Bei einem entsprechenden Anstieg der Importe will sie Schutzmechanismen vorschlagen. Zudem sollen bei der Welthandelsorganisation WTO schnellstmöglich Konsultationen zur Streitbeilegung beginnen.

Kommt jetzt der Handelskrieg?

Die EU-Staaten dürften vor der Einführung der Vergeltungszölle versuchen, Trump zum Einlenken zu bewegen. Gelegenheit dazu gibt es beim G7-Gipfel Ende kommender Woche in Kanada. Die Erfolgsaussichten dürften gering sein, weil Trump einen Gesichtsverlust befürchten müsste.

Was sagt die deutsche Industrie zu Trumps Entscheidung?

Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt vor massiven Folgen. „Mit der Eskalation in einem von ihm selbst initiierten Zollstreit riskiert US-Präsident Trump einen Rückschlag der transatlantischen Partnerschaft um viele Jahrzehnte“, sagte Präsident Dieter Kempf. „Sein Vorgehen ist kurzsichtig und selbstzerstörerisch.“ Trump gefährde unterm Strich eine Vielzahl von Arbeitsplätzen in den verarbeitenden Industrien und verteuere Produkte für amerikanische Bürger. Kempf mahnte aber gleichzeitig auch zur Besonnenheit seitens der EU. Für den Autoverband VDA erklärte Präsident Bernhard Mattes: „Dass ausgerechnet die USA als Land der Freiheit bei einem ihrer wichtigsten Partner jetzt auf Abschottungsinstrumente setzen, ist unverständlich und passt nicht in die Zeit der Globalisierung.“ Die deutsche Stahlindustrie in Deutschland hat die Einführung von Strafzöllen auf EU-Exporte von Stahl und Aluminium in die USA scharf kritisiert.

Wird der Handelstreit Auswirkungen auf die Verbraucher in Europa haben?

Wenn die EU die Vergeltungszölle verhängt, könnten die betroffenen US-Produkte teurer werden – also beispielsweise Motorräder und Whiskey. Wer sich also den Traum von einer Harley Davidson erfüllen will oder ein großer Fan von Bourbon-Whiskey ist, könnte gut beraten sein, jetzt einzukaufen. (dpa)