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Ist das Kunst – oder kann das weg?

Nicht nur in Kamenz sind sie ein Problem: Warum Schmierereien entstehen und wie man sich vor ihnen schützen kann.

© Matthias Schumann

Von Julemarie Vollhardt & Reiner Hanke

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Kamenz. In den vergangenen Wochen gab es in Kamenz vermehrt Anzeigen wegen Sachbeschädigung durch Graffiti-Schmierereien. Die SZ ist dem kriminellen Massenphänomen der heutigen Zeit nachgegangen:

Kann man Graffiti als eine Kunstform bezeichnen?

Ja. Mancher weiß, dass es Graffiti bereits seit über 3 000 Jahren gibt. Ihre Anfänge nahm die Kunstform im alten Ägypten. Damals waren es kleinere Inschriften an Tempelwänden, gemeint als Botschaften von anonymen Privatleuten an das Volk. Das moderne Graffiti entstand erst Ende der 70er-Jahre. Als Teil der urbanen Subkultur Hiphop etablierte sich das sogenannte Graffiti-Writing weltweit.

Gibt es bestimmte Regeln beim Sprühen?

Mehr oder weniger. Es gibt sogenannte Szeneregeln unter den Sprayern, die allerdings auf dem Respekt vor Dingen oder Menschen beruhen. Kirchen sind meistens tabu, genauso wie private Pkw. Man darf auch keinen „Tag“, also eine Art Künstlersignatur, von einem anderen Sprayer kopieren. Wenn der Künstler durch Qualität oder Quantität heraussticht, steigt er innerhalb der Szene auf. Ruhm bekommt man auch durch das Besprühen von besonders schwer erreichbaren Flächen, da die Gefahr größer ist, erwischt zu werden. Das perfekte Graffiti ist also zum Beispiel ein qualitativ unschlagbares „piece“ (Werk), das an eine „wall“ (Fläche) mit viel Publikum gesprüht wurde.

Wie steht die Stadt Kamenz zu den Schmierereien?

Zu recht kritisch. Nicht nur kommunales Eigentum (Stadtmauer, Bänke) ist betroffen, auch privates, das der Ewag oder die Klosterkirche St. Annen. Die Straftäter beschmieren vom Straßenschild über Skulpturen bis hin zu Spielplätzen alles. Das Stadtbild wird auf diese Weise verunstaltet. Vieles ist hässlich und kostet bei keiner erfolgreichen Ermittlung alle Betroffenen viel Geld. Stadtsprecher Thomas Käppler: „Wir appellieren an alle Bürger, jede Straftat zur Anzeige zu bringen.“ 

Wie kann man den Schmierereien vorbeugen?

Zuerst einmal sollte man eine solche Sachbeschädigung sofort der Polizei melden. Anschließend ist es ratsam, das Graffiti schnell zu entfernen. Denn eine unvollständig besprayte Wand lockt nachgewiesenermaßen neue Täter an. Für die Entfernung gibt es zahlreiche Mittel und Wege. Aber auch, um neuem Ärger vorzubeugen, kann man zum Beispiel eine Schutzbeschichtung auftragen. Ein Geheimtipp sind auch Bewegungsmelder, die die Sprayer möglicherweise abschrecken.

Was hat die Polizei zu den jüngsten Sachbeschädigungen ermittelt?

Die Polizei wird nur auf Anzeige der Geschädigten hin tätig. Wie Pressesprecher Thomas Knaup aus der Polizeidirektion in Görlitz mitteilt, sind allein in Kamenz seit Anfang des Jahres mehr als 20 Meldungen eingegangen, die geschätzt einen Schaden von mehreren Tausend Euro umfassen. „Es ist auffällig, dass die Täter impulsartig zuschlagen. So werden viele Anzeigen auf einmal gestellt und danach herrscht wieder eine ganze Weile Ruhe.“ Die Ermittlungen dauern für gewöhnlich länger, da der Polizei Ansätze zu den Tätern zumeist fehlen. Durch Zeugenhinweise, schnelle Alarmierung oder durch Tags, die einer bestimmten Person zuzuordnen sind, könne die Aufklärung beschleunigt werden. „In Kamenz lassen sich etwa zehn verschiedene Tags festmachen.“ Bisher habe man allerdings gerade Mal einen näheren Tatverdächtigen, gegen den ermittelt werde. Insgesamt seien die aktuellen Schmierereien keiner Graffitiszene zuzuordnen, sondern erfahrungsgemäß fragwürdig sozialisierten und sich ausprobierenden Kindern oder Jugendlichen. „Dem Problem kann langfristig nur gesamtgesellschaftlich entgegengewirkt werden.“

Ist das aktuelle Graffiti-Problem nur auf Kamenz beschränkt?
Keineswegs. Auch in Pulsnitz zum Beispiel zeigt der Dynamofankult seine negativen Auswüchse. Bevorzugt an Schaltkästen der Enso, aber auch an Technik von Telekom-Unternehmen und Wänden. Städtische Gebäude seien ebenfalls betroffen, so Ordnungsamtsleiter Heiko Hirsch. Die Enso beziffert ihre Ausgaben allein im Raum Bautzen/Kamenz auf etwa 5 000 Euro im Jahr für die Beseitigung der Schäden. Bei politischen Inhalten werde sofort gereinigt und Anzeige erstattet. „Andere Schmierereien gehen wir schrittweise an“, so Enso-Sprecherin Claudia Kuba. Mit einem Graffiti-Projekt wollen Stadt und Enso den Schmierereien gemeinsam beikommen.

Was haben eigentlich bestimmte Motive zu bedeuten?

Die häufigsten Motive sind „SGD“ (Sportgemeinschaft Dynamo Dresden) und „ACAB“ (all cops are bastards – eine Auflehnung gegen die Polizei und Beleidigung dieser). Dass die Schriftzüge im Zusammenhang miteinander stehen, kann man schon allein an der identischen Schriftfarbe, -form und -größe erkennen. Fans des Fußballvereins trugen auch T-Shirts mit der Aufschrift „ACAB“ bei Spielen und provozierten damit Polizisten. Dynamo Dresden hat, mehr noch als andere Fußballvereine in Sachsen, eine Fankultur, die Anhänger zu weit treiben. Erst im vergangenen Jahr bei einem Auswärtsspiel in Karlsruhe waren die Fans für 25 Verletzte verantwortlich, die vor allem in den Reihen der Ordnungskräfte zu beklagen waren.

Welche Strafen drohen Sprayern, wenn sie erwischt werden?
Das illegale Sprühen von Graffiti auf Eigentum jeglicher Art wird strafrechtlich als Sachbeschädigung verfolgt. Wenn die Täter gestellt werden, können sich die Strafen von einer Geldstrafe bis hin zum zweijährigen Freiheitsentzug erstrecken. Viele Sprayer wissen nicht, dass sie bis 30 Jahre nach der Tat noch strafrechtlich belangt werden können. Ein paar Bewegungen mit der Sprühflasche können einem also noch lange danach auf die Füße fallen.

Wie würden Sprayer selbst das Problem angehen?

Für Tobias Kiefer – der Name wurde auf Wunsch geändert – bietet das Sprayen nicht nur einen Weg, zur Ruhe zu kommen und sich kreativ auszuprobieren. Auch die Szene mit vielen jungen Menschen in gleichzeitiger Verbindung von Musik, Tanz und Malerei fasziniert ihn. „Graffiti machen die graue Welt bunter und lebendiger“, sagt er. Die Frage nach der Abgrenzung von Graffiti von Schmierereien ist schwierig, da die Szene weitgreifend und die Kunst schwer einzugrenzen ist. Trotz aller Mühen werden die Straftaten nicht ganz verschwinden. Die Motive der Schmierer sind Leichtsinn, Hass, zu wenig Aufmerksamkeit und Fankult. Die Schmierer machten stillen Protest, setzten keine Tags wie die Szene, sondern blieben anonym. Der Pädagoge schlägt vor, dass die Stadt Workshops zur Prävention anbieten könnte. Kinder und Jugendliche würden durch den Austausch mit Älteren mehr Know-how erlangen. Gleichzeitig könnte man sie dafür sensibilisieren, welche Wege es neben den illegalen noch gibt. Um den Tätern zu zeigen, dass sich die Stadt für ihre Beweggründe interessiert und sie vor allem akzeptiert, könnten Wände zur Verfügung gestellt werden. Die Stadt würde legal bunter und lebendiger.