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Eilantrag soll Umweltschule retten

© Sven Ellger

Viele Eltern und Leser fragen sich, ob die Bildungsagentur bei staatlichen Schulen genauso prüft. Politiker hingegen fordern eine Lösung - und der Rechtsanwalt des Schulträgers geht in die Offensive.

Von Kathrin Kupka-Hahn

Das drohende Aus der Natur- und Umweltschule hat in der Stadt eine heftige Debatte ausgelöst. Derweil kämpft Rechtsanwalt Martin Sträßer um deren Erhalt. Er vertritt den Träger der Schule, den Verbund Sozialpädagogischer Projekte (VSP). Gegen die Aussagen von Anja Stephan, der Leiterin der Bildungsagentur, will Sträßer nun rechtlich vorgehen. Sie hatte bei einem Pressegespräch geäußert, dass an der Natur- und Umweltschule das Kindeswohl gefährdet sei. Für den Juristen ist das eine fatale Aussage. Denn schlimmstenfalls könne bei einer solchen Gefährdung das Jugendamt den Eltern die Kinder wegnehmen, sagt er.

Parallel dazu wird Sträßer in den kommenden Tagen einen Eilantrag stellen, damit der Betrieb an der Natur- und Umweltschule im August weitergehen kann. Der Jurist rechnet damit, dass eine Entscheidung dazu bei der Gerichtsverhandlung am 4. Juni fällt. Der Träger der Schule hatte gegen die vorläufige Genehmigung durch die Bildungsagentur geklagt und fordert eine dauerhafte ein. Zudem ist der Anwalt von der Vorgehensweise der Bildungsagentur entsetzt. „So ein Fall ist mir noch nicht untergekommen“, sagt er. Seit 1990 vertritt Sträßer Schulen in Freier Trägerschaft in mehreren Bundesländern, darunter auch die Freie Alternativschule in Dresden.

„Staat entscheidet mal so mal so“

Auch viele Dresdner können die Entscheidung der Sächsischen Bildungsagentur nicht nachvollziehen. Trotz der Mängelliste. Einige halten diese sogar für vorgeschoben. Andere wiederum zeigen Verständnis für das harte Durchgreifen der Behörde. Umso wichtiger ist es für Grünen-Stadträtin Ulrike Caspary, die auch bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist, dass eine Lösung in dem Konflikt gefunden wird. „Wir fordern die Sächsische Bildungsagentur auf, sich mit der Natur- und Umweltschule an einen Tisch zu setzen, um die Weiterführung des Schulbetriebes zu gewährleisten. Gleichzeitig fordern wir die Schule auf, sich an diesen Gesprächen konstruktiv zu beteiligen“, so die Politikerin. Für Dresden sei es wichtig, dass es Schulen gibt, die Natur und Umwelt sowie die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Fokus haben. Deshalb unterstützen die Grünen freie Schulen und ihre alternativen Unterrichtskonzepte.

Stadtrat Thomas Blümel von der SPD hält die Reaktion der Bildungsagentur, die Schule schließen zu wollen, für überzogen. Er war selbst jahrelang Elternvertreter und kennt den Träger der Schule VSP. „In seinen Einrichtungen war die Qualität immer gut. Es würde mich wundern, wenn das jetzt anders wäre“, sagt er. Zudem würde in Dresden jeder Grundschulplatz gebraucht, denn die anderen, staatlichen Schulen sind randvoll. Den Vorwurf, dass unqualifizierte Kräfte an der Natur- und Umweltschule lehren, kann er nicht nachvollziehen. „Warum entscheidet der Staat mal so und mal so?“, fragt Blümel. In Kitas sollen schließlich ja auch Assistenzkräfte zur Betreuung und Bildung der Kinder eingesetzt werden. Die weiteren Vorwürfe der Bildungsagentur sieht der Stadtrat als sehr rufschädigend. Deshalb erachtet er es als besonders wichtig, dass Behörde und Umweltschule miteinander reden. Stadträtin Annekatrin Klepsch von den Linken findet es sehr fragwürdig, wie die Sächsische Bildungsagentur durch ihre Vorgehensweise Tatsachen schafft. „Es ist zu klären, ob die SBA die gleichen Maßstäbe an alle Freien Schulen bei der Zulassung anlegt“, sagt sie.

Auch die Leser unserer Zeitung beteiligen sich rege an der Diskussion um die Natur- und Umweltschule. Viele ziehen Vergleiche zu den Schulen ihrer Kinder. Der Nutzer namens Andreas kritisiert bei SZ-Online, dass die Bildungsagentur bei freien Einrichtungen deutlich genauer hinschaut, als bei staatlichen: „Hat die Schule meiner Kinder auch so viele Kontrollbesuche hinter sich? Nötig wär’s!“ Missstände gäbe es dort genügend, schreibt er. Dazu zählen für ihn unter anderem Defekte an der Sportraumausstattung und im Treppenhaus. Diesen Gefahren werde nicht nachgegangen. Leser Peter geht sogar noch weiter in seiner Kritik: „Unser Regelschulsystem ist höchst selektiv. Die SBA bangt zu Recht um ihre zunehmend schlechter laufenden Lehranstalten. So ist es natürlich bequemer, den bösen Peter bei anderen zu suchen und Innovation möglichst zu unterbinden“. Unter dem Synonym Alternative meldet sich eine Pädagogin zu Wort, die mehrere Schulsysteme kennengelernt hat. „Die Kindeswohlgefährdung ist an Regelschulen weitaus höher. Denn leider steht der Leistungsgedanke bei vielen Eltern an erster Stelle, und eben nicht das Wohl des Kindes“, schreibt sie.