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Jaroslav Rudiš rät zu Wasserleichen

Der neue Roman des tschechischen Autors ist eine tragikomische tolle Reise durch den Osten.

Jaroslav Rudiš schreibt erstmals einen Roman auf Deutsch -  und erzählt gekonnt.
Jaroslav Rudiš schreibt erstmals einen Roman auf Deutsch - und erzählt gekonnt. © Peter von Felbert

Wenn der alte Winterberg ins Erzählen kommt, ist er nicht mehr zu bremsen. Dann rollt er bergab wie ein schwerer Güterwagen, der sich gelöst hat. Dann reiht er eine historische Schnurre an die nächste mit all den mehr oder weniger friedlichen Mitwirkenden. Dann ereignet sich ein Geschichtenvulkanausbruch. So beschreibt der tschechische Schriftsteller Jaroslaw Rudiš die Titelfigur seines neuen Romans „Winterbergs letzte Reise“. Als Autor neigt er selbst zu solchen Vulkanausbrüchen und kann einen besoffen reden beim Pilsner in seiner Prager Stammkneipe. Ein Tourist würde sich nie dorthin verirren zwischen die feuchten schweren Holztische. Ein postkartengroßes Farbfoto an der Wand erinnert an den prominentesten Gast, den dichtenden Politiker Vaclav Havel. Die Biertrinker legen die Ellbogen aneinander unter einer Glocke aus Lärm.

In solchen Lokalen sammelt Rudiš seine Stoffe. Er ist ein höchst produktiver Autor. Vielleicht schreibt er so schnell, wie er spricht. Voriges Wochenende hatte in Bautzen sein Stück „Böhmisches Paradies“ Premiere. Jetzt arbeitet er an einem Auftragswerk für das Staatsschauspiel Dresden, wo schon „Nationalstraße“ mit großem Erfolg lief. Die Uraufführung ist für die nächste Spielzeit geplant.

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Das Stück "Böhmisches Paradies" von Jaroslav Rudiš feierte gerade in Bautzen Premiere. 
Das Stück "Böhmisches Paradies" von Jaroslav Rudiš feierte gerade in Bautzen Premiere.  © Miroslaw Nowotny


Doch egal, welches Thema der 46-Jährige anpackt: Die Geschichte von „Knödelmitteleuropa“ spielt darin mit und die Eisenbahn. Denn eines kann man vom anderen gar nicht trennen, sagt er. Diesen Zusammenhang  bebildert sein neuer Roman, ein schillerndes Roadmovie. Die Reise führt von Berlin nach Sarajevo. Zunächst sieht es wie eine Reise in den Tod aus. Der 99-jährige Wenzel Winterberg ist schon auf dem Weg. Seine Tochter engagierte mit Jan Kraus einen professionellen Sterbebegleiter. Der Tscheche, der 1986 aus seiner Heimat floh, trifft auf den Sudetendeutschen, der aus seiner Heimat vertrieben wurde. Solche Biografien sind mit verwegenen Geschichten verbunden. Das Erinnern und Erzählen bringt Winterberg ins Leben zurück. Gibt es einen überzeugenderen Beweis für die Kraft des Wortes?

Tanz zwischen den Gräbern

Jaroslav Rudiš hantiert mit dem Wort wie ein Jongleur mit zwei Dutzend Bällen, Tellern und Ringen. Nichts fällt runter. Es wirkt alles sehr unangestrengt. Nach einer kleineren Fingerübung ist es der erste große Text, den Rudiš auf Deutsch schreibt. „Die Traurigsten waren immer die, die beide Sprachen gesprochen haben“, sagt Winterberg. Mit seinem Begleiter ist er sich einig: „Als Böhme ist man zur Melancholie verdammt.“ Und so mischt sich in das überbordende Fabulieren etwas Schwermut. Denn das ist Rudiš auch: ein großer Tragikomiker. Einmal lässt er den alten Winterberg zwischen den Gräbern seiner  Großväter tanzen, die in der Schlacht bei Königgrätz als Feinde gegeneinander kämpften. Diese Szene gehört in jedes Geschichtslehrbuch. Die Toten steigen nach oben, denn: „Das ganze Europa ist ein einziges nasses, tiefes Grab, das doch nicht so tief ist, wie man denkt.“

Jaroslav Rudiš schickt die zwei Männer auf eine Reise durch ihre eigene Vergangenheit und durch die gemeinsame Geschichte von Tschechen, Ungarn, Österreichern und Deutschen. Als Reiseführer gibt er ihnen ein Buch mit, das ihm ein Freund geschenkt hat. „Das hat mich überhaupt erst auf die Idee zu dem Roman gebracht“, sagt Rudiš. Der Baedeker stammt von 1913. Da schien die Welt noch in Ordnung zu sein und das Zusammenleben unterschiedlicher Völker unter einem Dach möglich. „Aber ich will das nicht verklären.“

Endlich mal Lob für die Bahn

Unterwegs liest Winterberg aus dem Buch vor und vergleicht den Text mit der Realität von heute. Mal gewinnt das eine und mal das andere. Das Kalbsbeuschel ist nicht mehr das, was es mal war unter Kaiserin Sisi. Jaroslav Rudiš rät zu Wasserleichen. Sie sind ein Geheimtipp und stehen nicht auf der Speisekarte. Man braucht einigen Mut für die kalten, bleichen Würste, die wochenlang in Essig lagen. Zumal der Roman nicht nur wirkliche Wasserleichen kennt, sondern Brandleichen, Schnapsleichen, Strangleichen, Freitodleichen, Fenstersturzleichen, Kopfschussleichen, Bratpfannenleichen – und nur die Moorleichen sind wirklich schön, weil sie wie richtige Menschen aussehen.

So hat es Winterberg von seinem Vater gelernt. Er leitete in Reichenberg, dem heutigen Liberec, das erste Krematorium Österreichs. Architekt der Feuerhalle war Rudolf Bitzan. Der Name dürfte manchem architekturinteressierten Sachsen bekannt sein. Bitzan baute die Kreuzkirche in Görlitz, die Villa Thiele in Neugersdorf, die Siedlung in Dresden-Reick und vor allem all die prächtigen neoklassischen Bauten in Freital, die heute das Stadtbild prägen. Sein Nachlass liegt im Dresdner Staatsarchiv. Im Roman von Jaroslav Rudiš spielt Rudolf Bitzan vor allem eine Rolle als Hauptprojektant im Dresdner Architekturbüro Lossow & Kühne. Dort war er am Entwurf des Leipziger Kopfbahnhofs beteiligt.

Jaroslav Rudiš erzählt von dem Architekten Rudolf Bitzan, der neben anderen Bauten in Freital auch das Rathaus in Freital-Döhlen entwarf.
Jaroslav Rudiš erzählt von dem Architekten Rudolf Bitzan, der neben anderen Bauten in Freital auch das Rathaus in Freital-Döhlen entwarf. © Wikimedia


Für Bahnhöfe, Züge und Gleisanlagen kann sich Rudiš begeistern. Bahnfahren bedeutet für ihn: Entschleunigung. Er erzählt von seinem Großvater, der als Weichensteller in Böhmen arbeitete, und dass er selbst Lokführer werden wollte. „Aber meine Augen sind zu schlecht. Es reichte nicht mal zum Straßenbahnführer.“ Diesen Job gibt er nun Wenzel Winterberg, zusammen mit der dickrandigen Brille und der Leidenschaft für den Schienenbetrieb. Der Roman lässt sich auch als Liebeserklärung lesen für Tunnel- und Brückenbauer. Man kann das Rattern der Züge hören, wenn Winterberg zu einer neuen Suada ansetzt und die Zuhörgeduld seines Begleiters Jan Kraus strapaziert mit dem, was er seinen „historischen Anfall“ nennt. Manche Sätze wiederholen sich in Variationen wie Leitmotive. Das ist typisch für die Texte des Autors.

Das Geheimnis, das er seinen Hauptfiguren mitgibt, enthüllt sich erst nach und nach. Beide tragen eine Schuld mit sich herum. Jan Kraus hat durch seine Flucht aus Tschechien einen Freund verloren und den Lebensweg seiner Eltern zerstört. Wenzel Winterberg hat seine große Liebe Lenka verraten. „Man schleppt die Geschichte mit sich wie ein Seil zum Erhängen“, sagt er. Weil aber Jaroslav Rudiš nicht nur ein großartiger Realist ist, sondern als Erbe tschechischer Erzähltradition auch dem Geisterhaften vertraut, kann er beide Männer auf märchenhafte Weise erlösen. Sein Roman gilt als Favorit für den Preis der Leipziger Buchmesse. Das mag eine Referenz sein an Tschechien als Gastland der Messe. Doch dieses geschichtssatte, lebensweise Erzählen hat jeden Preis verdient.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise. Luchterhand Verlag, 544 Seiten, 24 Euro

Lesung am 10. Mai, 19 Uhr, im Schloss Hoyerswerda

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