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„Je weniger wir arbeiten, desto effektiver arbeiten wir“

Die Schweden proben den Sechs-Stunden-Arbeitstag – bei vollem Lohn. Und so geht es:

© plainpicture/Folio Images/Jonas

Von André Anwar, SZ-Korrespondent Stockholm

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Während gewerkschaftliche Forderungen nach Lohnerhöhungen gesellschaftlich relativ akzeptiert sind, werden deutliche Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohn noch immer misstrauisch betrachtet. Da ist dann von „Bezahlung für’s Nichtstun“ und Faulenzern die Rede. Derzeit kämpft auch die IG Metall in Deutschland um Arbeitszeitverkürzungen. Vielerorts in Schweden wird seit geraumer Zeit die Reduzierung der Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden bei vollem Lohn getestet. Während Linke dabei von einer gerechteren Verteilung der Firmengewinne sprechen, führen bürgerliche Kräfte an, dass es viel zu teuer ist und die Konkurrenzfähigkeit beschädigt. Letzteres kann, muss aber nicht der Fall sein, zeigen die Beispiele mehreren Branchen in Schweden.

Eine Toyota-Werkstadt in Göteborg hat vor 14 Jahren den 6-Stundentag zu vollem Lohn eingeführt, weil die Nachfrage nicht mehr ohne lange Wartezeiten zu bewältigen war. Es gibt seitdem zwei Schichten. Eine von 6 Uhr bis 12 Uhr, eine von 12 bis 18 Uhr. Die Werkstatt konnte so ihre Öffnungszeiten von acht auf zwölf Stunden erhöhen. Die Werkstatt auszubauen und mehr Leute gleichzeitig acht Stunden lang arbeiten zu lassen, wäre teurer gewesen und man hätte schlechter auf die zeitlich schwankende Auslastung reagieren können, so Werkstatt-Chef Martin Banck. „Die Arbeit ist sehr schwer, und wir wussten, dass unsere Leute ohnehin nicht mehr als sechs Stunden effektiv arbeiten“, sagt Banck. Studien hätten ergeben, dass dies auch in anderen Branchen der Fall sei. Der Gewinn der Werkstatt sei trotz Mehrkosten im ersten Jahr um 25 Prozent angestiegen, die Krankschreibungen seien gesunken, so Banck. Auch die Werbeagentur „Till Oss“ in Visby hat den 6-Stundenarbeitstag 2016 eingeführt. „Als ich 1998 anfing, gab es mehr natürliche Pausen. Alleine den Computer anzuschalten, dauerte fünf Minuten. Nun passiert alles blitzschnell mit neuer Technologie. So bekommen auch die Kunden viel mehr Leistung pro berechneter Arbeitsstunde als noch vor zwölf Jahren“, sagt Agenturchefin Julia Brendelin. Mehr als sechs Stunden könne man ohnehin nicht „frisch im Kopf bleiben“. Das erste Geschäftsquartal nach der Einführung war das „beste überhaupt“, sagt sie.

Im staatlichen und halbstaatlichen Sektor hat vor allem die Stadt Göteborg den 6-Stundentag getestet. Auch in Schweden steht die Qualität in der Pflegebranche in der Kritik, die Arbeit gilt als sehr hart. Die rund 60 Pflegekräfte eines Göteborger Altenheims durften auch deshalb von 2015 bis 2017 sechs statt acht Stunden bei vollem Lohn arbeiten. 14 neue Kräfte wurden eingestellt. Die Mehrkosten lagen bei zehn Millionen Kronen (1 Mio. Euro). „Die Arbeitsverhältnisse verbesserten sich laut Studie deutlich, das Personal hatte mehr Energie, Krankenstände wurden niedriger, die alten Leute wurden auf einmal viel besser betreut“, sagt der Göteborger Vizebürgermeister Daniel Bernmar von der Linkspartei. Bürgerliche Stadtpolitiker werfen ihm Wunschdenken vor, das sei alles zu teuer. „Die Hälfte der zusätzlichen Kosten verschwinden, wenn man Kostensenkungen an anderer öffentlicher Stelle mitrechnet. Arbeitslosen- und Sozialhilfe etwa, weil zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch der Krankenstand sinkt, und weniger Überstunden müssen bezahlt werde“, entgegnet Benmar. Und da seien nicht mal indirekte volkswirtschaftliche Vorteile einbezogen, so Benmar: Zum Besipiel wird es einfacher, für 6-Stundenarbeitsplätze Fachkräfte zu finden. Mehr Personen würden sich für bislang wenig populäre Berufe ausbilden lassen. „Zudem ist ja bekannt: Je weniger wir arbeiten, desto effektiver arbeiten wir“, so der Vizebürgermeister.

„Davon, dass Arbeitszeitverkürzungen den Arbeitgeber mehr kosten, kommt man in den meisten Fällen nicht weg“, gibt Benmar trotz aller Vorteile zu. Letztlich handle es sich aber um eine uralte Wertefrage.