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Jeder dritte Sachse hat Rückenschmerzen

Mehr Fehltage, mehr Notfälle, mehr stationäre Behandlungen: Der DAK-Gesundheitsreport alarmiert.

© imago

Rückenschmerz ist in Sachsen die zweithäufigste Ursache für eine Krankschreibung - gleich hinter akuten Atemwegsinfektionen. Jeder siebzehnte Beschäftigte war 2017 mindestens einmal wegen dieser Diagnose krank zu Hause. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport für Sachsen hervor, der am Donnerstag in Dresden vorgestellt worden ist. "Dabei meldet sich der Großteil der Betroffenen noch nicht einmal krank", sagte Christine Enenkel, Leiterin der Landesvertretung der Krankenkasse. Tatsächlich holen sich nur 16 Prozent einen Krankenschein - Männer häufiger als Frauen, so der Report.

Insgesamt haben mehr als 1,4 Millionen erwerbstätige Sachsen Rückenschmerzen, knapp 60.000 von ihnen sogar chronisch. "Sie plagen sich drei Monate oder länger mit Schmerzen. Viele leiden so stark, dass sie direkt ins Krankenhaus statt zum ambulanten Arzt gehen", sagte sie. Damit sich die Menschen besser versorgt fühlen, plädierte sie für einen Ausbau der medizinischen Versorgungszentren, der teilstationären Versorgungsangebote und einen verbesserten Terminservice bei den niedergelassenen Ärzten. Um die viel zu vielen Krankheitstage mit Rückenschmerzen einzudämmen, bleibe Prävention das zentrale Ziel, so Enenkel. Betriebe sollten ihre Beschäftigten dazu ermutigen.

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Die DAK hat für die Studie die Krankschreibungen ihrer bundesweit 63.000 erwerbstätig Versicherten ausgewertet, Unternehmen befragt und eine repräsentative Forsa-Umfrage bei 5224 Beschäftigten im Alter von 18 bis 65 Jahren durchgeführt. Zudem wurden umfangreiche Krankenhausdaten hinzugezogen.

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Die Betroffenen

Die Auswertung zeigt: Rückenschmerzen sind in jedem Alter und bei beiden Geschlechtern sehr weit verbreitet. Insgesamt leiden in Sachsen 73 Prozent der Beschäftigten mindestens einmal im Jahr darunter. Je älter die Befragten sind, desto heftiger sind die Schmerzen. Dennoch versucht die große Mehrheit, zunächst allein zurechtzukommen. Nur jeder Vierte war nach eigenen Angaben beim Arzt. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Dauer der Krankschreibung. Blieben Jüngere im Durchschnitt fünf Tage wegen Rückenschmerzen zu Hause, waren es bei Älteren 16 Tage. So sind 2017 durch Rückenleiden bundesweit mehr als zwei Millionen Ausfalltage zusammengekommen. Das sind 10,1 Prozent aller Krankheitstage - etwas mehr als im Jahr zuvor. In Sachsen waren es pro 100 Versicherte 109 Fehltage. Das toppen nur die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern (135), Sachsen-Anhalt (131) und Thüringen (114). Der DAK-Bundesdurchschnitt lag im vergangenen Jahr bei 87. In Hamburg waren es nur 56 Fehltage.

Die Krankheiten

Rückenleiden gehören zu den Muskel-Skeletterkrankungen, haben aber kein einheitliches Krankheitsbild. Nur etwa 20 Prozent lassen sich spezifisch diagnostizieren und sind auf unterschiedliche Krankheiten der Knochen, Gelenke, des Bindegewebes, der Muskeln oder Nerven zurückzuführen. Das können beispielsweise Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliose), Entzündungen der Wirbelkörper und Bandscheiben (Spondylitis) oder Bandscheibenschäden sein. 80 Prozent der Fälle gelten als "unspezifisch", das heißt, dass keine körperlichen Ursachen gefunden werden können. Die große Mehrheit der Betroffenen leidet unter Schmerzen an der Lendenwirbelsäule (71 Prozent). Über Probleme mit der Halswirbelsäule klagen 44 Prozent, 15 Prozent haben Schmerzen im Brustwirbelbereich. Manche hatten in mehreren Bereichen Beschwerden.

Die Ursachen

Rückenschmerzen können von vielen Faktoren ausgelöst werden, unter anderem von den Bedingungen am Arbeitsplatz. So verrichtet ein Teil der Betroffenen körperlich harte Arbeit, hebt und trägt schwere Lasten oder arbeitet in ungünstigen Kör-perhaltungen. Zu ihnen zählen Altenpfleger, Metallurgen, Gärtner oder Gebäudereiniger. Auch psychosoziale Faktoren wie Unzufriedenheit mit der Arbeit, eingeschränkte Handlungsspielräume oder Konflikte mit Kollegen können dem Bericht zufolge Rückenschmerzen begünstigen. "Es gibt eine höhere Arbeitsdichte und mehr Druck", sagt Dr. Beate Gruner von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie. Das erzeuge eine höhere allgemeine Anspannung, die sich in Rückenschmerzen äußere. Auch Status spielt eine Rolle: Je höher der Mensch in der Arbeitshierarchie stehe, desto seltener leide er unter Rückenproblemen, so der Report. Laut Bundesärztekammer sind Rauchen, Infektionen, schwerwiegende Traumata wie Autounfälle oder Tumore weitere Faktoren. Zudem bewege sich ein Großteil der Sachsen viel zu wenig.

Die Behandlung

Das Standardrezept war auch 2017 die Verordnung einer Physiotherapie. In 86 Prozent der Fälle hat der Arzt seinen Patienten diese Behandlung verschrieben - oder empfohlen. 39 Prozent erhielten ein Schmerzmittel, 16 Prozent Schmerzspritzen. Eine Schmerzberatung gab es für 22 Prozent der Betroffenen. Der Zusammenhang zwischen Stress und Rückenschmerzen ist nur in sechs Prozent der Fälle thematisiert worden. "Dieser Aspekt sollte stärker bei Diagnose und Behandlung berücksichtigt werden", forderte Enenkel.


Die Notfälle

Obwohl kein Patient eine Überweisung ins Krankenhaus erhalten hat, haben die Krankenhausfälle seit 2007 um 80 Prozent zugenommen. 12.700 Sachsen sind im vergangenen Jahr wegen Rückenproblemen in einer Klinik behandelt worden. Mit 46 Prozent ist fast die Hälfte als Notfall aufgenommen worden, die meisten wegen Rückenschmerzen und Bandscheibenschäden. "Insbesondere die Notfälle können durch eine kontinuierliche ambulante Versorgung vermieden werden", so Enenkel.

Die Vorsorge

Bewegung und Muskelkräftigung helfen gegen Rückenbeschwerden. Mindestens 150 Minuten "Bewegung mit moderater Intensität" empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation pro Woche, um die Ausdauer zu stärken, etwa mit Radfahren oder Joggen. Viele Kassen bieten onlinebasierte Trainingsprogramme für den Rücken. Bei der DAK heißt es beispielsweise "Rü[email protected]", bei der AOK "Rücken aktiv" und bei der Barmer "Online-Kurs Rückengesundheit".