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Jeder Schüler hat einen Lehrer

Zum ersten Mal unterrichten an der Oberschule die Zehnt- die Fünftklässler. Der Effekt erstaunt sogar die Schulleiterin.

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© Dietmar Thomas

Von Cathrin Reichelt

Leisnig. Etwas schüchtern setzen sich Lydia, Leny, Elmar und Kevin an den Tisch. Einen Tag lang werden die Fünftklässler von Zehntklässlern unterrichtet. Die nehmen zwischen den Jüngeren Platz. Es ist ein Experiment, das letztendlich einen Effekt für alle hat. Bereits zum Ende der neunten Klasse haben sich die Älteren auf das generationsübergreifende Projekt in den Fächern Geschichte und Geografie vorbereitet. Sie erhielten die Themen, die sie den Fünftklässlern vermitteln sollen. Das „Wie“ wurde den Schülern überlassen.

Dass sie mit dem Projekt anfänglich Schwierigkeiten hatten, geben die heutigen Zehntklässler zu. Manche hatten Probleme, aufeinander zuzugehen. Denn die Gruppen, in denen sie arbeiten, konnten sie nicht selbst auswählen. Sie wurden von den Lehrern bestimmt. „Letztendlich haben sie sich aber zusammengerauft und eine klare Aufgabenverteilung festgelegt“, sagt Geschichtslehrerin Katrin Schulze.

Jede Gruppe hat ganz individuell entschieden, wie sie den Fünftklässlern das Thema vermitteln will. Die einen nutzen den Computer, andere zeigen ein Video, Dritte verdeutlichen den Stoff an der Tafel. Die Gruppe um Emie-Josefine Dehmelt hat ein Plakat und Arbeitsblätter vorbereitet. Mit denen sollen die Jüngeren den Epochen- und Lebenszeitstrahl kennenlernen.

Bei diesem besonderen Unterricht wird aber nicht nur Lehrstoff vermittelt. Die Zusammenarbeit der Großen und Kleinen soll auch Berührungsängste abbauen. Und das funktioniert. Die anfängliche Schüchternheit der Fünftklässler weicht schnell. Sie antworten nicht nur verlegen auf Fragen. Sie stellen auch welche und kommen mit den Älteren ins Gespräch. Die machen es den Jüngeren leicht, helfen beim Ausschneiden von Symbolen und dem Finden von Formulierungen. Jeder Fünftklässler hat sozusagen seinen eigenen Lehrer. Das kommt an. Lydia findet das Basteln besser, als immer so viel mitschreiben zu müssen. Und Leny meint: „Die Lehrer sind nett, aber die Zehntklässler sind netter.“ Emie-Josefine Dehmelt versteht nun die Lehrer besser, die ab und an um Ruhe bitten. „Uns nervt es jetzt auch, wenn es laut ist“, meint die 15-Jährige. In der letzten Stunde werden die Zehntklässler von Mitgliedern des Heimatvereins abgelöst, die das Thema noch einmal in Bezug auf die Leisniger Geschichte betrachten.

Schulleiterin Kristin Dorias-Thomas freut sich nicht nur darüber, dass das Experiment geglückt ist, sondern auch über einen ganz besonderen Effekt: „Drei der Zehntklässler wollen jetzt Grundschullehrer werden.“ Außerdem hofft die Schulleiterin, dass sich die Älteren und die Jüngeren mehr respektieren und auch außerhalb dieser Schulstunden aufeinander zugehen. Diese sollen nicht nur im kommenden Jahr wiederholt werden. Kristin Dorias-Thomas kann sich vorstellen, dass die Großen die Kleinen auch im fächerverbindenden Unterricht „an die Hand nehmen“.