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Jetzt vertrocknet schon die nächste Ernte

Die Landwirte im Kreis fahren die schlechtesten Erträge seit Jahren ein. Und die Aussichten sind nicht besser.

Von Jana Ulbrich und Steffen gerhardt

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

So etwas hat Joachim Häntsch als Landwirt in seinem ganzen Berufsleben noch nicht gesehen: Dass ihm der Raps fürs nächste Jahr auf dem Feld vertrocknet. Der 63-Jährige ist raus zu diesem 25-Hektar-Schlag bei Neundorf gefahren. Jetzt hockt er in den Reihen und lässt den staubtrockenen Boden durch die Hände rieseln. Und ungläubig schüttelt er den Kopf. Das Rapsfeld müsste jetzt normalerweise in sattem Grün stehen. Aber die Saat, die die Mitarbeiter der Berthelsdorfer Agrargenossenschaft Ende August in den Boden gebracht haben, ist größtenteils gar nicht erst aufgegangen. So eine Trockenheit, sagt Häntsch, der zudem Vorsitzender des Bauernverbandes Oberlausitz ist, hat er noch nicht erlebt. Selbst in einem halben Meter Tiefe finden die Wurzeln der Pflanzen kein Wasser mehr. Da helfen auch die paar Regentropfen in diesen Tagen nicht. 100 Liter mindestens müsste es jetzt schön gleichmäßig regnen, um die Rapsernte fürs nächste Jahr vielleicht noch zu retten, schätzt der Chef ein.

In diesem Jahr haben die Berthelsdorfer die schlechteste Ernte seit vielen Jahren eingefahren: 20 Prozent weniger Getreide und nur halb so viel Mais wie sonst. Damit steht der Betrieb im Kreisvergleich aber noch gut da. Weiter nördlich auf den sandigeren Böden sind die Ertragsverluste noch viel größer, weiß Rainer Peter, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, beim Getreide sogar um bis zu 50 Prozent.

Das bestätigt Hans-Günter Schleuder. Er führt die Agrargenossenschaft Nieder Seifersdorf. Der Vorsitzende spricht von Ausfällen von bis zu 40 Prozent. „Diese zeigen sich besonders bei Getreide, Mais und Raps. Aber auch andere Kulturen sind betroffen.“ Zudem hat die Agrargenossenschaft noch 400 Milchkühe plus Nachzucht in den Ställen stehen. „Wir füttern unsere Tiere mit eigenem Grünfutter. In diesem Jahr mussten wir welches zukaufen, um über die Runden zu kommen“, so Schleuder. Auf 60 Hektar bauen die Nieder Seifersdorfer Grünfutter und Zwischenfrüchte an.

Aber auch der Fleischverkauf ist für die Landwirte derzeit ein großes Verlustgeschäft. „Die Preise sind absolut im Keller“, sagt Häntsch. „Die Schlachthöfe wissen ja auch, dass die Landwirte in Not sind.“ 1,30 Euro bekommen die Bauern im Moment für das Kilogramm Schlachtfleisch. Wenigstens 1,50 Euro müssten es sein, um kein Verlustgeschäft zu machen, auskömmlich wären erst 1,70 Euro bis 1,80 Euro. Auch der derzeitige Milchpreis ist mit 34 Cent pro Kilogramm nicht auskömmlich für die Landwirte, sagt Joachim Häntsch. Diesen Betrag bekommt auch Hans-Günter Schleuder ausgezahlt. „Ein Preis, der nicht mal die Herstellungskosten deckt.“

Weil das alles zusammenkommt, wollen sowohl die Nieder Seifersdorfer als auch die Berthelsdorfer die Dürrehilfe vom Land beantragen. Joachim Häntsch holt tief Luft. „Das wird ein Heidenaufwand“, ahnt er. Er muss nachweisen, dass der Betrieb, alle Feldfrüchte zusammengenommen, mehr als 30 Prozent weniger geerntet hat als im Durchschnitt der letzten Jahre. Er muss auch nachweisen, dass die Genossenschaft die Verluste nicht aus eigenen Rücklagen decken kann. Alle Mitarbeiter, die auch Genossenschaftsmitglieder sind, müssen zudem ihr privates Einkommen offenlegen. „Von wegen unbürokratische Hilfe“, seufzt Häntsch.

Die Wiedereinrichter sind ebenso hart getroffen, bestätigt eine nicht genannt sein wollende Landwirtin aus dem Raum Reichenbach. Auch sie will die Dürrehilfe beantragen. „Aber dafür müssen wir alles offenlegen“, graut ihr schon. Darauf verzichten kann sie nicht. „Uns fehlen dieses Jahr zwei Schnitte Grünfutter für unsere Mastbullen“, nennt sie nur ein Beispiel für die Verluste. Bei den Feldfrüchten sieht es nicht anders aus. Sie weiß, dass die Landwirtschaft nun mal mit dem Wetter lebt. Aber noch so ein Jahr, das dürfe nicht noch einmal passieren.