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"Ganz schön verschätzt!"

Kati Wenzel ist die erste Frau im Jonsdorfer Chefsessel und eine der jüngsten Bürgermeister überhaupt. Sie hat mit vielem gerechnet - aber nicht mit so etwas.

Seit einem Jahr ist Kati Wenzel Bürgermeisterin des Gebirgsortes Jonsdorf.
Seit einem Jahr ist Kati Wenzel Bürgermeisterin des Gebirgsortes Jonsdorf. © Matthias Weber

Und? Hast du's schon bereut? Die Frage kommt am Abendbrottisch von Kati Wenzels Mann. Es ist der 1. Dezember, und die 39-Jährige ist gerade erst ziemlich fertig von der Arbeit nach Hause gekommen. Es war mal wieder einer dieser langen, anstrengenden Tage im Amt, an denen ihre Söhne viel zu lange auf die Mama warten müssen. Theo, vier Jahre, und Willi, gerade erst vier Monate, müssen sich dran gewöhnen.

Auf den Tag genau vor einem Jahr, am 1. Dezember 2019, hatte Kati Wenzel ihren ersten Arbeitstag als neu gewählte Bürgermeisterin im Jonsdorfer Gemeindeamt. Ihr neuer Job ist einer im Ehrenamt, weil der 1.500 Einwohner-Ort für eine hauptamtliche Bürgermeister-Stelle zu klein ist.

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"Bereut?" Kati Wenzel blickt ihren Mann kurz an und lächelt dann verschmitzt: "Nee, noch nie", sagt sie, ohne lange überlegen zu müssen. "Stoßen wir an?" Irgendwie scheint diese kleine, quirlige Frau mit dem frechen Kurzhaarschnitt überhaupt nie müde zu werden. Und kleinzukriegen gleich gar nicht.

Zum Glück. Denn das, was da in diesem ersten Jahr ihrer Amtszeit auf die junge Frau zugekommen ist, das, sagt Kati Wenzel, habe sie nicht im entferntesten geahnt. "Da hab ich mich wohl ganz schön verschätzt!", gibt sie zu, als sie am nächsten Morgen schon wieder in ihrer Amtsstube sitzt. Es ist eine trockene Feststellung. Mehr nicht.

Kati Wenzel hat in dieser Amtsstube gehörig gelüftet. Nicht nur optisch: Die Wand hinterm Schreibtisch leuchtet jetzt in warmem Rosenholz, die gegenüber im Vorzimmer in frischem Blau. Neben dem Schreibtisch steht ein Kinderbettchen. Ab und zu muss Baby Willi mitkommen ins Amt. Gut, dass das Kind, das nicht geplant war, so pflegeleicht ist.

Eine Familienentscheidung

An diesem Morgen ist der kleine Willi bei den Großeltern. Im Terminkalender der Bürgermeisterin steht eine für Jonsdorf vielleicht lebenswichtige Videokonferenz mit dem Landrat. Da kann sie nicht nebenbei ihr Kindchen wiegen. Leider nicht!

Aber in die Elternzeit teilt sich ja zum Glück die ganze Familie. "Sonst könnte ich die Arbeit hier nicht machen", sagt die Bürgermeisterin. Mit ihrem Amtsantritt hat sie ihren Job als Bankkauffrau bei einem Zittauer Finanzdienstleister gekündigt. "Mir war von Anfang an klar, dass man Bürgermeister nicht mal so nebenbei sein kann", sagt die 39-Jährige, die keine halben Sachen mag. "Wenn ich etwas mache, dann richtig", fügt sie hinzu, betont aber im gleichen Atemzug: "Es war eine Familienentscheidung."

Eine Entscheidung, die überhaupt nicht auf dem Plan stand. Kati Wenzel wollte sich eigentlich nur für den Gemeinderat bewerben. "Ich wollte mich irgendwie einbringen, die Interessen der jungen Eltern vertreten", erzählt sie. Irgendwann habe ihr Vorgänger Christoph Kunze sie zur Seite genommen und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Bürgermeisterin zu werden. Zuerst sei sie perplex gewesen, erzählt sie heute. Aber viele im Ort hätten ihr zugeredet.

Dabei war sie da erst seit drei Jahren Jonsdorferin. Der Einheimische in der Familie ist ihr Mann. Und dennoch: Bei der Wahl mit einem Gegenkandidaten stimmen drei Viertel der Jonsdorfer für sie. Ein Vertrauensvorschuss, der ihr "großen Respekt einflößt", wie sie das ausdrückt.

Respekt musste sich Kati Wenzel aber auch selber erst einmal erarbeiten: Sie ist keine Einheimische. Sie ist eine Frau - noch dazu eine so junge. Große kommunalpolitische Erfahrung hat sie auch nicht. Aber dafür unglaublich viel Elan, eine verblüffende Offenheit und ziemlich viel Überzeugungskraft.

Eine Mammutaufgabe

Die braucht sie auch für diesen Job: Schon der erste große Plan ihrer Amtszeit platze ohne Verschulden der Gemeinde: Eigentlich wollten die Jonsdorfer die Turnhalle sanieren - doch kaum war der erste Gemeinderatsbeschluss, unter den sie ihre Unterschrift gesetzt hat, gefasst - war der Fördertopf, der für das Vorhaben gebraucht wurde, auch schon leer.

Und dann das Problem mit der Eishalle, die die Finanzkraft der Gemeinde überfordert - ein Problem, dass die Bürgermeister und Gemeinderäte vor ihr schon jahrelang vor sich hergeschoben haben - und das jetzt eine Lösung braucht. Es ist eine Mammutaufgabe, die Kati Wenzel da auf ihre schmalen Schultern gehievt bekommen hat. Sie schiebt sie nicht irgendwie weiter, sie geht sie an. An einem zukunftssicheren Konstrukt, bei dem der Landkreis und die Nachbargemeinden gemeinsam mit Jonsdorf in einem Boot sitzen, wird schon gearbeitet. Gleich beginnt die Videokonferenz mit dem Landrat.

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