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Jubel

„Als Journalist kann man helfen“

Großenhains OB Sven Mißbach fragt Catharina Karlshaus: Macht der Job noch Spaß? Und was sollte zur Schlagzeile werden?

Catharina Karlshaus ist für die SZ-Redaktion in Großenhain verantwortlich. Im Rathausbüro traf sie auf Oberbürgermeister Sven Mißbach (parteilos), der schon einige Fragen
vorbereitet hatte.
Catharina Karlshaus ist für die SZ-Redaktion in Großenhain verantwortlich. Im Rathausbüro traf sie auf Oberbürgermeister Sven Mißbach (parteilos), der schon einige Fragen vorbereitet hatte. © Norbert Millauer

Ein wenig seltsam ist es schon. Seit 30 Jahren gewohnt, mit Stift, Notizbuch oder Aufnahmegerät den Menschen Antworten zu entlocken, sind nun die Rollen anders verteilt: Großenhains OB Sven Mißbach trifft als Interviewer auf Großenhains Redaktionsleiterin Catharina Karlshaus.

Liebe Frau Karlshaus, zunächst herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag der SZ! Ist das für Sie und Ihre Kollegen eher ein Anlass, wehmütig zurückzuschauen oder gespannt nach vorn?

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Herr Mißbach, herzlichen Dank! Das ganze Team von Großenhain freut sich sehr darüber! Was Ihre Frage anbetrifft: Ich glaube, das ist ein wenig so wie im wahren Leben auch: 75 Jahre sind einerseits ein Alter, das dankbar und demütig macht, es überhaupt erreichen zu dürfen. Andererseits ist man wohl geneigt, voller Tatendrang nach vorn zu schauen. Und so ergeht es uns auch!

Unser Team vor Ort ist bereits seit Jahrzehnten im Beruf. Wir genießen es, uns gemeinsam erinnern zu können, wie Zeitung noch Anfang der 1990er Jahre gemacht worden ist, haben aber auch Spaß daran, mit der neuen Technik zu experimentieren. Wir lieben alle noch immer das, was wir tun und freuen uns auf all das, was kommt.

Macht es heute überhaupt noch Spaß, Journalist zu sein?

Ja, das tut es! Vielleicht nicht in jeder Stunde und nicht an jedem Tag. Das ist in unserem Beruf so wie in anderen sicherlich auch. Aber ich betrachte es tatsächlich als Privileg, von mir sagen zu können, dass ich es nie bereut habe, Journalistin geworden zu sein. Mir macht es wirklich immer noch Freude, ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen und Geschichten über sie oder bestimmte Ereignisse zu schreiben.

Hinzu kommt, dass es möglich ist, als Journalist manche Dinge auf den Weg bringen oder hilfreich unter die Arme greifen zu können. Gerade jetzt in der Zeit der Corona-Pandemie ist es auch für mich schön, wenn wir als Zeitung helfen können. Wenn dann, wie im Falle des Großdobritzer Gasthofes, ein Unternehmen auf den letzten Metern gerettet werden kann, hat sich jede Anstrengung gelohnt und erweist sich, dass der Beruf noch immer der Richtige ist.

Aber ist Lokaljournalismus in einer globalen und digitalen Welt überhaupt noch wichtig?

Aus meiner Sicht wichtiger denn je! In einer Welt, in der die Menschen es gewohnt sind, beispielsweise die Temperatur für einen Ort in Hinterposemuckel minutengenau abfragen zu können, möchten sie erst recht wissen, was unmittelbar vor ihrer Haustür passiert. Nicht zuletzt durch die momentane Situation, die uns regelrecht dazu zwingt, uns im engeren Radius zu bewegen, ist das Geschehen in der Heimatstadt oder dem Dorf, in dem jemand lebt, noch einmal mehr viel wichtiger geworden.

Durch Beiträge über städtebauliche Vorhaben, wie in Großenhain etwa die Entwicklung des Industriegebietes auf dem Flugplatz, können sich die Leser informieren. Sie können eine kulturelle Veranstaltung im Schlosspark Zabeltitz noch einmal miterleben, bei einem sportlichen Wettkampf mitfiebern oder sich freuen, dass Oma Melbert im Seniorenheim ihren hundertsten Geburtstag feiert.

Und die Leser, gleich nun, ob sie die Zeitung gedruckt in den Händen halten oder auf dem Tablet lesen, dürfen Anteil nehmen an Ereignissen, die in ihrer Umgebung stattfinden. Dass die Einzelhändler auf dem Großenhainer Frauenmarkt inzwischen frustriert ums Überleben kämpfen und Schulkinder von Priestewitz bis Thiendorf seit Monaten zuhause ermattet am Küchentisch lernen, schafft ein Gefühl von Gemeinschaft. Lokaljournalismus ist auch immer ein Stück des guten Gefühls, nicht allein zu sein.

Seit Ende der 90er Jahre sind die Abozahlen der SZ stark gesunken. Wie lässt sich das erklären und wie will man dem entgegenwirken?

Da haben Sie leider recht! Bei diesem deutschlandweiten Trend unterscheidet sich die Sächsische Zeitung nicht von der Entwicklung bei anderen namhaften Zeitungen. Die verkaufte Gesamtauflage der Tageszeitungen in Deutschland betrug 2020 rund 12,5 Millionen Exemplare und lag damit knapp eine Million Exemplare unter dem Vorjahreswert. Wenn man bedenkt, dass die Gesamtauflage 1991 noch satte 27,3 Millionen Exemplare betragen hat, ist der Abwärtstrend klar ersichtlich.

Zum einen liegt es sicherlich daran, dass jene Leser, die noch an die gedruckte Zeitung als solche gewöhnt waren, immer älter werden. Und zum anderen eine Generation herangewachsen ist, die lieber im Internet die Neuigkeiten abruft, als zur Zeitung zu greifen. Das Internet deshalb als Feind zu erklären und ihm die kalte Schulter zu zeigen, ist nicht die Lösung.

Die Sächsische Zeitung hat sich dieser digitalen Herausforderung gestellt und produziert seit Ende 2019 auch den Großenhainer Lokalteil digital first. Praktisch bedeutet das, dass ab morgens 5 Uhr bis zum Abend nahezu stündlich Nachrichten aus der Region auf sächsische.de veröffentlicht werden.

Welche SZ-Geschichte ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Zum einen ist es das Schicksal der inzwischen 18 Jahre alten, schwer kranken Victoria Lenuweit. Ich habe das Mädchen, bei der erst 2019 ein sehr seltener Gendefekt diagnostiziert werden konnte, vor zehn Jahren kennengelernt. Seitdem begleite ich gewissermaßen ihr Heranwachsen.

Unvergesslich sind aber auch all die Begegnungen mit Menschen, die man sonst nicht jeden Tag in Großenhain auf der Straße trifft! So war es ganz toll, einmal bei den Dreharbeiten der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ dabei sein zu dürfen. Was bei mir als junger Reporterin ziemlich aufgeregt mit Schauspiellegende Terence Hill angefangen hat, führte über die Jahre hinweg zu vielen Künstlern und Politikern bis hin zu Barack Obama.

Schön bei allen Begegnungen war dabei übrigens die wunderbare Erkenntnis, dass wir alle nur an dieser oder jener Stelle unseren Job tun. Und den haben wir als Großenhainer Team beispielsweise im September 2018 ganz hervorragend gemacht, als es uns gelungen ist, eine Premiere des Films „Grüner wird‘s nicht“ im Kulturschloss zu organisieren.

Sie saßen damals in der ersten Reihe und werden mir sicherlich recht geben, es war ein unglaublicher Moment, als es mir vergönnt war, Buchautor, Hauptdarstellerin, Produzent und sogar den oscarprämierten Regisseur auf der Bühne begrüßen zu dürfen. Das sind Erinnerungen, die zaubern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht!

Welche Schlagzeile über Großenhain würden Sie gern einmal schreiben?

Im Moment wäre es am schönsten, wenn wir vermelden könnten, dass auch die Menschen im Großenhainer Land unbeschadet aus der unheimlich nervenzehrenden Coronakrise herausgekommen sind!

Dass in die Einkaufsstraßen der Röderstadt das bunte Leben zurückgekehrt ist, auf Schloss Schönfeld endlich wieder Fußballabende stattfinden, der Laubacher Wein mit Preisen überhäuft wird, Amazon kräftig am Lampertswaldaer Standort investiert, man in Zabeltitz unbeschwert heiratet und Dumperfahrer durch Adelsdorf knattern.

Und mit Sicherheit ist Ihnen, Herr Mißbach, eine fette Schlagzeile sicher, wenn sie gemeinsam mit Tesla-Chef Elon Musk feierlich die neue Fabrik im Großenhainer Industriepark eröffnen! Garantiert!

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