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Jubel

Am Anfang war das Zählen

Redakteur Tilo Berger schreibt seit 1980 die SZ-Geschichte mit. Und erlebte in vier Jahrzehnten einen Wandel nach dem anderen.

Heute haben wir an allen Arbeitsplätzen Internet. Es kann quasi in Echtzeit berichtet werden.
Heute haben wir an allen Arbeitsplätzen Internet. Es kann quasi in Echtzeit berichtet werden. © www.wolfgang-wittchen.de

Es war vor fünf Jahren . Wahrscheinlich hätte ich selbst gar nicht dran gedacht, aber dann erhielt ich ein Glückwunschschreiben vom Geschäftsführer der DDV-Mediengruppe. Er gratulierte mir zu 35 Jahren Betriebszugehörigkeit, gerechnet ab dem Tag, an dem damals im Herbst 1980 mein Volontariat in der Lokalredaktion Radebeul begann. Dreieinhalb Jahrzehnte - eine in jeder Hinsicht bewegte Zeit. Und inzwischen sind es noch einmal fünf Jahre mehr

Damals war es noch die normalste Sache der Welt, dass die Redakteure ihre Manuskripte mit der Hand schrieben. Eine Sekretärin tippte die Texte dann ab. Jeden Tag wurde eine Lokalseite produziert, nicht wie heute sechs oder acht. Nur ganz wenige Redakteure hatten in ihrem Zimmer eine mechanische Schreibmaschine stehen und erfassten ihre Texte selbst.

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Dafür gab es spezielles Manuskriptpapier, auf dem schon die Spaltenbreite der SZ angegeben war. So konnte nichts schiefgehen, wenn der Chef sagte: 80 Zeilen. Theoretisch. Doch ein von Hand geschriebenes Manuskript ergab auf der Maschine dann plötzlich doch 75 oder etwa 85 Zeilen. "Eine Zeitungsseite ist nicht aus Gummi", pflegte der Lokalchef in Radebeul zu sagen. Wenn das eine Manuskript also etwas länger wurde, musste ein anderes zusammengestrichen werden. Daran hat sich in der Sache nichts geändert. Auch heute sind Zeitungsseiten nicht aus Gummi. Doch mit dem Computer geht alles wesentlich flinker.

Das Volontariat dauerte zwei Monate, dann rief die Armee

Seinerzeit aber mussten die Setzer und Drucker nehmen, was ihnen in den frühen Abendstunden vorgelegt wurde. Das war ein Packen Manuskripte, dazu die Fotos, die in der Dunkelkammer belichtet wurden. All das musste bei meinem Start in Radebeul spätestens gegen 17 Uhr fertig sein. Dann fuhr jemand aus der Redaktion nach Dresden und brachte alles ins Haus der Presse. Hier wurden alle Texte praktisch noch einmal abgeschrieben - von den Setzern, die aus lauter kleinen Blei-Buchstaben und Foto-Platten das zusammensetzten, was später in die Druckerei ging und am nächsten Tag in den Briefkästen steckte. Wie die Seite aussehen sollte, entnahmen die Setzer dem sogenannten Spiegel. So hieß das Blatt Papier, auf dem der diensthabende Redakteur möglichst genau aufzeichnete, wo welcher Text und welches Foto stehen sollte.

Das Volontariat in Radebeul dauerte nur zwei Monate, dann rief die Armee. 18 Monate später setzte ich ab Mai 1982 meine Probephase im Haus der Presse fort, genauer im Ressort Innenpolitik/Leserbriefe. Da standen auf den Tischen der Sekretärinnen neue, elektrische Schreibmaschinen, und es gab auch anderes Papier dafür. Nur auf diesem extrem weißen Papier durften die druckfertigen Manuskripte stehen, damit die automatische Setzmaschine in der Druckerei sie erkennen konnte. Autoreader hieß das teure Stück, welches jetzt das abendliche Setzen der einzelnen Texte übernahm. "Vergreif dich besser nie an so einer Schreibmaschine", warnten ältere Kollegen. "Du darfst auf einer A-4-Seite nicht mehr als drei Rechtschreibfehler haben, sonst muss die ganze Seite neu geschrieben werden." Aber ich probierte es doch. Nur einmal musste ich eine Seite ein zweites Mal schreiben.

"Ein Redakteur schreibt nicht in den Fernseher"

Im September 1982 ging ich zum Studium an die Leipziger Universität. Als ich drei Jahre später für ein Praktikum zur SZ zurückkehrte, standen in den Zimmern der Sekretärinnen Computer. Der Chef redakteur hatte sich nämlich in der BRD angesehen, wie eine Redaktion mit Computern arbeitete. Jetzt also standen die Wunder der Technik aus Hamburg in den Redaktionszimmern. Texte ändern, kürzen und verlängern war auf einmal ganz einfach. Was für ein Spaß.

Damals hatte noch nicht jeder Redakteur einen Computer. Eigentlich war das Schreiben an der neuen Technik nach wie vor den Sekretärinnen vorbehalten. Aber mehr und mehr Kollegen wollten selbst an den Computer. Wir Jungen sowieso. Was nicht immer auf Begeisterung stieß. "Ein Redakteur schreibt nicht in den Fernseher", stand für einen älteren Kollegen fest.

Als ich nach dem Studium 1986 zur SZ zurückkehrte, wurde die Lokalredaktion Görlitz mein erster Einsatzort. Da standen die gleichen Computer wie im Haus der Presse in Dresden, zwei an der Zahl - für jede Sekretärin einer. Sie gewöhnten sich aber schnell daran, dass wir Redakteure immer häufiger auf ihre Stühle wollten. Sie hatten auch so genug zu tun. Texte und Fotos mussten bis gegen 16.30 Uhr fertig sein. Dann stand der Kurier in der Tür. Das war ein freundlicher, älterer Herr, der sich ein paar Mark zur Rente hinzuverdiente. Ihm drückten wir außer den Fotos und dem sogenannten Spiegel auch eine Diskette in die Hand. Auf der kleinen Scheibe waren alle Texte für die Lokalseite des nächsten Tages gespeichert. Der Kurier kam auch noch, als wir später die Texte als Datei durch die Telefonleitung nach Dresden senden konnten. Da mussten nur noch Fotos bis 16.30 Uhr fertig sein.

Wo steht euer Telefax-Gerät?

Immer mehr Redakteure im Haus der Presse und in den Lokalredaktionen von Görlitz bis Riesa schrieben inzwischen ihre Texte selbst in die Computer, deren Zahl bald nicht mehr ausreichte. Also wurden neue gekauft. Inzwischen war die SZ nicht mehr auf Importe angewiesen, sondern es gab jetzt Computer "made in GDR", aus dem Hause Robotron. Die Bildschirme waren etwas kleiner als bei der West-Technik, aber in puncto Leistung standen die Robotron-Geräte den Hamburgern nicht nach. Datenfernübertragung der Texte per Telefonleitung war inzwischen überall Alltag, nur die Fotos mussten nach wie vor mit dem Zug nach Dresden geschickt werden. Aber nicht mehr mit dem Kurier, der wurde eingespart. Stattdessen musste zur Nachmittagszeit jemand aus der Redaktion eine Tasche mit den SZ-Fotos der Bahnpost übergeben.

All das bestimmte meinen Alltag ab Herbst 1987 auch in der Lokalredaktion Zittau, meinem neuen Arbeitsort , wo irgendwann jeder Redakteur einen Computer zur Verfügung hatte. Das war auch nötig. Denn spätestens ab 1990 waren statt einer Lokalseite täglich zwei oder drei und später ein ganzes Lokalbuch zu gestalten.

Zwei Redakteure der Südwest-Presse aus der Zittauer Partnerstadt Villingen-Schwenningen staunten nicht schlecht, als sie im Frühjahr 1990 unsere Redaktion betraten und die Computer sahen. Mit dieser Technik hatten sie nicht gerechnet. Mit einer anderen Frage wiederum konnten wir nichts anfangen: Wo steht euer Telefax-Gerät? Kurze Zeit später stand auch in jeder SZ-Lokalredaktion so ein Fax.

Mitte der 1990er-Jahre gibt es die SZ in Farbe

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In der Dresdner Druckerei hatte der alte Bleisatz längst ausgedient. Die Zeitungsseiten wurden inzwischen wie ein großes Bild belichtet. Auch die Robotron-Computer hatten ausgedient, auf jedem Schreibtisch stand inzwischen ein nagelneues Gerät von einem thüringischen Hersteller.

Ab Mitte der 1990er-Jahre - mein Schreibtisch stand inzwischen in Bautzen - bekam die SZ Farbe. Neue Computer und PC-Programme hielten Einzug. Sie ermöglichten, dass wir ab sofort Texte, Fotos und Seiten direkt auf dem Bildschirm spiegeln konnten. Und es waren auch keine Buchstaben in Überschriften mehr zu zählen - das Programm erkannte, ob eine Zeile passte oder nicht. Da alle Zwischenschritte entfielen, die einst zwischen Redaktion und Druckmaschine lagen, war es fortan möglich, praktisch bis zum Redaktionsschluss an der Zeitung für den nächsten Tag zu arbeiten. Das macht sich bei Sportereignissen oder Wahlen bezahlt, wo die Entscheidungen erst spät am Abend fallen.

Und es macht auch Spaß, abends von einem Termin zu kommen und den Leser noch aktuell zu informieren. Jetzt, im digitalen Zeitalter, geht das praktisch in Echtzeit. Kaum ist etwas passiert, können wir es im Internet verbreiten. Wieder einmal macht die Arbeit als Redakteur einen Wandel durch. Aber das kenne ich ja nicht anders aus den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten .

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