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Jubel

Lieber im Knast als ein Verräter

Heinz Fiedler kam 1948 als Volontär zur SZ. Mit über 90 Jahren schreibt er heute immer noch regelmäßig.

Er ist der älteste und dienstälteste Reporter der Sächsischen Zeitung: Heinz Fiedler (88) aus Freital.
Er ist der älteste und dienstälteste Reporter der Sächsischen Zeitung: Heinz Fiedler (88) aus Freital. © Peter Kuner

Man nennt ihn den Reporter auf Lebenszeit, den Grandseigneur unter den Lokaljournalisten. Noch mit über 90 Jahren fährt Heinz Fiedler alle zwei Wochen aus seiner Heimatstadt Freital ins Haus der Presse nach Dresden, um in der Redaktion Feuilleton einer Sekretärin seine legendären "Zelluloid-Erinnerungen" zu diktieren. Jeder im Haus weiß, dass er weder Computer noch Schreibmaschine benutzt, stattdessen seine Texte in Schreibschrift notiert und sie mit sonorer Stimme ansagt, danach korrigiert und kürzt, bis alles passt.

Das ist, zart ausgedrückt, sehr alt modisch. Das darf und macht, deutlich ausgedrückt, seit Jahrzehnten eigentlich niemand mehr. Eigentlich. Außer Heinz Fiedler. Er darf das. Denn er ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil er der älteste und dienstälteste Reporter der gesamten Sächsischen Zeitung ist und ihr reifster immer noch aktiver Mitarbeiter.

Seit 60 Jahren arbeitet er für dieses Blatt. Nicht, dass es in seinem Alltag nur die SZ gäbe; die Schlagzeile "Ein Leben für die Zeitung" würde auf ihn nicht wirklich passen. Aber seine Freiheit, die hat Heinz Fiedler tatsächlich einmal eingesetzt - und verloren. Weil er als Journalist und Kollege nicht zum Verräter werden wollte.

Ganz am Anfang seiner Karriere war das, in Großenhain, wo der 1927 bei Freital geborene Heinz Fiedler frühe Spuren hinterlässt. Obwohl er nach dem Krieg eigentlich zum Rundfunk will, macht er seine ersten journalistischen Schritte in der Lokalredaktion als Volontär. "Eine angenehme Stadt. Bissel hintendran. Das Militär prägte Großenhain, und die Mädels hatten alle einen Liebsten von dort." Heinz Fiedler ist 23 Jahre jung, er logiert "in einem ,hochherrschaftlichen‘ Zimmer überm Textil geschäft von Luise Truöl, schräg gegenüber der damaligen Kreisredaktion auf der Meißner Straße 9."

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Heinz Fiedler wird verhaftet

Viele seiner Themen kann er sich selbst aussuchen. Er berichtet etwa darüber, dass Anfang 1952 die Papierfabrik Primavesi in die Vereinigung volkseigener Betriebe Papier Heidenau übergeht. Und dass eine zahnärztliche Abteilung der Poliklinik auf der Turnstraße mit Dr. Wiedemann eröffnet. Sein Thema ist auch die Ankündigung des Umbaus der "Krone" zu einem Theater oder die Rückkehr der Hirsche auf den Dianabrunnen im März 1952.

Doch am Eröffnungstag der neuen Redaktionsräume am 10. Juni 1952 geschieht Unerwartetes: Heinz Fiedler wird verhaftet. "Zwei Leute holten mich ab und sagten, wir müssen mal was in der Stadtverwaltung klären", berichtet er. Doch dann wird er in ein Auto gesteckt und ab nach Dresden auf die Schießgasse gefahren. Die Staatssicherheit hat ihn in ihren Fängen. Grund der Verhaftung: "Mein Mitvolontär Benno Schröder", sagt Fiedler, "wir kannten uns schon seit der Hitlerjugend in Freital." Schröder hat einen kritischen Beitrag über wirtschaftliche Probleme im Osten veröffentlicht, den die SZ als SED-Bezirksorgan aber nicht drucken wollte. Doch der junge Journalist setzte sich mit dem Fahrrad nach Westdeutschland ab - und veröffentlichte seinen Artikel dort. Heinz Fiedler hat sein Wissen um die Pläne Schröders für sich behalten. Er ist kein Denunziant.


Die Staatssicherheit steckt ihn wegen Mitwisserschaft 32 Wochen in Einzelhaft. Die ersten zwei Monate verbringt er in totaler Isolation. "Das war schlimm", erinnert sich Fiedler. "Auch nachts brannte in meiner Zelle das Licht und schien mir genau ins Gesicht. Und die ganze Nacht bellte ein Hund." Freigang gibt es natürlich nicht. Seine Eltern darf der junge Mann nicht informieren, man lässt sie in quälendem Unwissen. Schließlich wird Heinz Fiedler zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Verhandlung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Im Anschluss drohen ihm fünf Jahre Sühnemaßnahmen, inklusive Berufsverbot. Zwei Jahre sitzt Heinz Fiedler ab, in Waldheim und im "Gelben Elend" in Bautzen. Hat er sein Verhalten da bereut? "Ist doch lächerlich", kontert der gestandene Redakteur heute. "Man hat mir Bandenverbrechen vorgeworfen." Den Bruder von Benno Schröder verschleppte man sogar ins Lager nach Sibirien.

Fiedler bleibt ein fleißiger Journalist

Nach Heinz Fiedlers Haftentlassung Ende 1954 kommt er nicht mehr nach Großenhain. Dennoch erinnert er sich bis heute gern an die Arbeit, seine Kollegen, Überlandfahrten im Auto des Fotografen, Mittagessen im Ratskeller. Das fünfjährige Berufsverbot trifft ihn hart. Umso mehr hängt er an seiner Heimat Freital, der er sich fortan im privaten Sinne journalistisch widmet: "Hainsberg am Mikrofon" heißt seine Veranstaltungsreihe mit Prominenten des lokalen Lebens. Das machte Heinz Fiedler so gut, dass ein SZ-Redakteur sich für ihn verwendet und das Berufsverbot schließlich aufgehoben wird.

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Eine feste Anstellung bekommt er zwar niemals, doch sein Leben bleibt rappelvoll. Er schreibt über seine Stadt, deren Menschen, über Geschichte, über Kultur. Und moderiert weiter. "Mit der Staatskapelle unterwegs" hieß eine 70-teilige Veranstaltungsreihe im Klubhaus der Edelstahlwerker in Freital, "Der prominente Gast" eine andere. Die machte Heinz Fiedler 114-mal. Und mit welchem Besuch! Armin Müller-Stahl kommt zu ihm, Manfred von Ardenne, Helga Hahnemann, Schlagersänger Fred Frohberg … Außerdem ist er stolze 33 Jahre lang Präsident im Elferrat beim Hainsberger Fasching und schreibt Schlager.

Trotzdem bleibt Heinz Fiedler ein fleißiger Journalist. Gerne spießt er mit dem Stachel der "Elbmücke" kleine Alltagsabsurditäten auf. Als "Zoobummel"-Autor sieht er fünf Direktoren kommen und gehen. Seine größte Leidenschaft aber fließt in die "Zelluloid-Erinnerungen". Seit 1994 verfasst er für die SZ-Leser alle zwei Wochen diese kleinen schriftlichen Denkmale aus Worten und Gedanken über Ufa-Filmstars der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre. Über Legenden wie Henny Porten, OW Fischer, Marika Rökk oder Albrecht Schoenhals. Nicht nur bei sächsischen oder deutschen Ufa-Filmfreunden sind die Zelluloid-Erinnerungen sehr beliebt: Im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen bekommt Heinz Fiedler auch schon mal Leserbriefe aus Italien oder Kanada.

Ebenfalls anders als bei vielen Schicksalsgenossen sind die Jahre der Haft für ihn eine Episode ohne dauerhafte Folgen geblieben. Und es spricht für sich, wenn Heinz Fiedler sich beim Zurückdenken an jene dunkle Zeit vor allem an eines erinnert, das ihm die Haftzeit genommen hat - und sagt: "Die 1 000-Jahrfeier 1954 in Großenhain, die hätte ich schon gerne mit erlebt." (SZ/krü, th, jös, or)

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