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„Der Reporter ist draußen, der Editor drinnen“

Normalerweise interviewt der Chef der SZ-Elblandredaktion Ulf Mallek den Meißner Landrat Ralf Hänsel. Jetzt haben die beiden mal die Rollen getauscht.

Ein Gespräch beim Rollentausch mit Abstand: Meißens Landrat Ralf Hänsel (l.) befragt den Chef der Meißner Elblandredaktion Ulf Mallek im DDV Lokal in der Elbstraße. Vor einigen Tagen sind die Redaktion und der Regionalverlag dahin umgezogen.
Ein Gespräch beim Rollentausch mit Abstand: Meißens Landrat Ralf Hänsel (l.) befragt den Chef der Meißner Elblandredaktion Ulf Mallek im DDV Lokal in der Elbstraße. Vor einigen Tagen sind die Redaktion und der Regionalverlag dahin umgezogen. © HUEBSCHMANN

Warum sind Sie Journalist geworden?

Ehrlich gesagt, weil ich als Jugendlicher gern geschrieben habe. Kurzgeschichten vor allem, meist in Richtung Sci-Fi, so würde man heute sagen. Aber ich war auch am Zeitgeschehen interessiert, neugierig auf andere Menschen und wollte immer gern etwas herausbekommen. Meine journalistische Karriere startete ich in der SZ-Jugendredaktion.

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Was war Ihr bisher spannendstes und/oder schönstes Interview?

Das kann man so zusammenfassen: Mein spannendstes und schönstes Interview liegt schon sehr lange zurück. Ich war junger Journalist und wollte unbedingt den Schriftsteller Erwin Strittmatter interviewen, was sich als schwierige Aufgabe erwies.

Strittmatter wollte nicht mit mir sprechen. Erst als ich beiläufig erwähnte, dass meine Großmutter die literarische Vorlage für das Kindermädchen der Bäckerfamilie in Strittmatters Laden-Romanen war, ließ er das Interview zu.

Eine Kostprobe: „Ich träume davon, jeden Augenblick, den ich durchlebe, also das Jetzt, sogleich, wenn es auftaucht, zu poetisieren. Das ist fast wie Licht in einen Sack stecken, aber nicht so unmöglich.“

Diese beiden Sätze, finde ich, sind ein großartiges Credo für einen kreativen Menschen. Natürlich kann man es auch kritisch sehen. In Richtung Selbstvermarktung. Der Beitrag, der mich am meisten berührt hat, war das Gespräch mit der Familie Riße nach der Ermordung ihrer Tochter Anneli.

Was genau ist Ihre Aufgabe als Regionalleiter Elbland der Sächsischen Zeitung?

Mit einem Team von Journalisten und weiteren Mitarbeitern die tägliche Produktion von vier Lokalteilen der Sächsischen Zeitung sowie von lokalen News rund um die Uhr auf unserer Webplattform sächsische.de organisieren. Das ist die Hauptaufgabe. Nebenher produzieren wir auch regionale Bücher oder liefern Beiträge für andere Auftraggeber zu.

Wie ist die Sächsische Zeitung im Landkreis Meißen strukturiert?

Wir haben vier SZ-Lokalredaktionen: Meißen, Radebeul, Riesa und Großenhain. Sie gehören zur DDV Elbland GmbH, einer Tochter unserer Mutterfirma der DDV Mediengruppe, die die Sächsische Zeitung herausgibt.

Sie verlieren jedes Jahr einige Prozent an Auflage. Hat die gedruckte Zeitung überhaupt noch eine Zukunft? Und: Wie entwickelt sich sächsische.de? Wird das die Zeitung einmal ablösen?

Tatsächlich verlieren alle gedruckten Tageszeitungen seit einiger Zeit jedes Jahr an Auflage. Dieser Abwärtstrend scheint recht stabil zu sein. Dennoch drucken wir immer noch jeden Tag rund 200.00 Exemplare. Es wird die gedruckte Zeitung also sicher noch viele Jahre geben.

Tatsächlich setzen wir unsere Hoffnung auf das Netz. Unsere Newssite sächsische.de ist dabei, sich als führendes sächsisches Nachrichtenportal zu etablieren. Informationen können sich hier viel schneller verbreiten, das Netz kennt keinen Redaktionsschluss und keine Begrenzungen durch die Zeitungsseite.

Die jungen Leute sind das Lesen von Texten an mobilen Geräten gewöhnt. Wir können hinter unsere Texte Links zu anderen Texten oder Videos legen. Das System wird sich weiter entwickeln. Es ist die Zukunft.

Einige behaupten, die Zeitung schreibt, was die Regierung (oder der Landrat) hören will. Gibt es eine Zensur bei der Sächsischen Zeitung?

Das ist natürlich kompletter Unsinn. Es gibt keine Zensur in Deutschland. Journalisten machen ihren Job unabhängig von Regierungen und Landratsämtern. Im Gegenteil, sie schauen den Mächtigen auf die Finger und kritisieren sie. Ein Phänomen existiert oder existierte aber tatsächlich: Eine gewisse Gleichförmigkeit in der Meinungsbildung der Medien. Viele Kommentare unterschiedlicher Medien lesen sich irgendwie gleich. Zum Glück scheint sich das jetzt nach einem Jahr Corona-Pandemie langsam aufzulösen.

Was genau macht ein Reporter bei Ihnen?

Der Reporter ist draußen, spricht mit Leuten, schaut sich etwas an, recherchiert, macht einen Faktencheck und schreibt es dann auf.

Was genau macht ein Editor bei Ihnen?

Der Editor ist drinnen, greift sich den Beitrag des Reporters, sucht ein schönes Layout dafür, kombiniert Fotos dazu, ergänzt den Text vielleicht noch mit ein paar Hintergrund-Fakten und verlinkt andere Beiträge im Netz. Dann spielt er den Text auf allen unseren Kanälen aus, von Zeitung über Website bis zu Facebook und Newsletter.

Ich höre, dass bei einigen Ihrer Abonnenten die Zeitung nicht mehr früh im Briefkasten ist, sondern manchmal auch später. Warum ist das so?

Das ist in der Tat ein großes Problem. Die Zustellung wird schwieriger, weil es schwer ist, geeignete Zusteller zu finden. Der Aufwand wird umso größer, je weniger Abonnenten es gibt.

Wäre ein iPad oder Tablet nicht eine Alternative zu den Zustellungsproblemen?

Ja, das wäre eine gute Alternative. Unser E-Paper entspricht ja exakt der gedruckten Zeitung. Die Zeitung ist auch nicht erst am nächsten Morgen da, sondern schon abends zur Tagesschau. Wir haben zu diesem Thema einige Tests laufen. Aber es ist natürlich für ältere Leser eine gewisse technische Hürde zu überwinden. Dabei geben wir aber Hilfe.

Viele glauben Facebook und Instagram mehr als den Medien. Was denken Sie, weshalb ist das so?

Das hängt sicher mit Verschwörungstheorien zusammen, die in letzter Zeit populär geworden sind und sich über die sozialen Medien viel besser verbreiten als früher.

Stehen Sie einer Partei nahe?

Nein, ich bin da etwas altmodisch und halte es immer noch mit dem ARD-Journalisten Hans Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Welche Auswirkungen gibt es durch die Coronakrise bei der Arbeit in der Redaktion und im Anzeigengeschäft?

Für die Redaktion ist die Corona-Krise natürlich Herausforderung in mehrfacher Hinsicht. Zunächst sind wir eingeschränkt wie alle anderen auch, arbeiten überwiegend im Homeoffice. Das funktioniert in der Redaktion aber ausgezeichnet, weil wir es schon lange vor Corona trainiert hatten.

Für die Themenfindung ist Corona natürlich ebenfalls eine Herausforderung, die sich aber durch das große Interesse der Leser gut bewältigen lässt. Unsere Corona-Beiträge werden im Durchschnitt mehr gelesen als andere Texte. Fürs Anzeigengeschäft und auch unsere DDV Lokale, die immer noch geschlossen sind, ist Corona ein Desaster.

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