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„Die Themen liegen auf der Straße“

Sechs bis acht Seiten umfassen die Lokalteile im Kreis täglich. Woher kommen dafür die vielen Ideen?

Treffen sich manchmal – wie hier zum Fototermin – auf dem Elberadweg. Treffen sich aber auch sonst bei ihrer Beurteilung der Nachrichtenlage und bei der Arbeitsweise: Peter Redlich (links) und Peter Anderson führen gemeinsam die Redaktion Meißen-Rad
Treffen sich manchmal – wie hier zum Fototermin – auf dem Elberadweg. Treffen sich aber auch sonst bei ihrer Beurteilung der Nachrichtenlage und bei der Arbeitsweise: Peter Redlich (links) und Peter Anderson führen gemeinsam die Redaktion Meißen-Rad © Norbert Millauer

Der Weg mit dem Rad zur Arbeit kann schon das erste Zeitungsthema liefern: zum Beispiel wenn die Rastplätze vermüllt sind oder die ersten Störche auf den Elbwiesen zu beobachten sind. Die Redaktionsleiter von Radebeul und Meißen, Peter Redlich und PeterAnderson, über die tägliche Suche nachspannenden Geschichten.

Wer entscheidet eigentlich, was genau am nächsten Tag in der Zeitung steht?

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Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Peter Redlich: Das bespricht die Mannschaft in der Redaktion. Die letztliche Entscheidung trifft der Redaktionsleiter – vor allem, wie groß die Geschichte wird, welche Fotos dazugehören sollen, was dazu auf Sächsische.de und Facebook schon vorabgemeldet wird.

Ein Beispiel: Wir bekommen mittags die Info, dass ein großer Baum im Rieselgrund umgestürzt ist. Logisch, die Meldung muss erst einmal schnell rein. Aber in dem Thema steckt mehr. Eine größere Geschichte zu wiederholt umstürzenden Bäumen in den Radebeuler Talgründen soll in den nächsten Tagen recherchiert und veröffentlicht werden.

Peter Anderson: Das aktuelle Reagieren auf Tagesereignisse ist ein Bereich unserer Arbeit. Nur mit solchen Vorfällen lässt sich die Zeitung allerdings nicht füllen. Wir müssen und wollen selbst Themen setzen. Dabei orientieren wir uns an den Dingen, die den Lesern besonders wichtig sind. Nehmen wir nur die Schulen. Jedes Jahr stellt sich die Frage, wie stark die einzelnen Oberschulen und Gymnasien nachgefragt sind.

Wo haben die meisten Eltern ihre Kinder angemeldet? Wo sind es zu viele Kinder, die dann auf andere Schulen gehen müssen? Dazu liefern wir Analysen, Hintergründe und fragen nach.

Welches sind – abgesehen von der Pandemie – im Verbreitungsgebiet die Themen, die immer wieder auftauchen?

Peter Redlich: Zu Radebeul, Coswig, Weinböhla, Moritzburg und Radeburg fallen mir– neben den großen Festen – vor allem der Streit um den Bau der Elbtalstraße, der Kampf gegen den Bahnlärm im Elbtal, Aschenbrödel in Moritzburg und der sich ewig hinziehende Ausbau des Karl-May-Museums ein. Auch wenn es um eine mögliche Umbenennung der Mohrenstraße geht, wollen unsere Leser jederzeit die neuesten Informationen lesen.

Peter Anderson: Es gibt Dauerbrenner, die durch die Sehenswürdigkeiten, die Landschaft und die Wirtschaftsgeschichte gesetzt werden. Dazu zählen etwa die Albrechtsburg oder der Dom. Der Bau an beiden Denkmalen hört ja quasi nie auf. Dabei werden immer neue Entdeckungen gemacht, und es gibt jede Menge interessanter Geschichten zu finden. Wir stellen immer wieder fest, dass das Interesse unserer Leser an Heimatgeschichte sehr groß ist.

Das gilt genauso für die Elbe oder markante Aussichtspunkte wie die Bosel. Bei der Wirtschaftsgeschichte wäre natürlich in erster Linie die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen zu nennen. Sie hat die Stadtgeprägt und ist mit ihrem Geschick verbunden, wie das sonst wohl bei kaum einem anderen Unternehmen der Fall sein dürfte. In jüngster Zeit wird die Stadt sehr von der Diskussion um ein Gästehaus für Schloss Proschwitz und neue Baugebiete bewegt.

Wie finden Sie immer die Themen für die Zeitung?

Peter Redlich: Das geht nur mit guter Planung. Es wird ja nicht jede Woche ein Schulneubau eröffnet, die Stadträte beschließen nur einmal im Monat und zum Glück stürzen Bäume auch selten um. Das heißt: Wir müssen miteinander besprechen, was unsere Leser in den nächsten Tagen und Wochen interessieren wird.

Hat jemand neue Schmierereien entdeckt? Was sagen die Ermittler bei der Kripo dazu? Leser rufen uns an, weil sie Läden in Radebeul-Mitte haben wollen oder welche Meinung sie zur Schnelligkeit bei der Schulsanierung vertreten. Die Themen liegen auf der Straße. Wir müssen sie anpacken, und: Wir freuen uns immer über Hinweise.

Peter Anderson: Jeder Redakteur hat meiner Erfahrung nach ganz eigene Strategien entwickelt, um Themen zu finden. Mancher hat einen Karteikasten und legt dort ab, was ihm irgendwann mal interessant erscheint. Der andere schaut auf die Landkarte, aus welchem Ort er schon lange nicht mehr berichtet hat.

Existieren Dinge, über die nicht geschrieben werden darf ?

Peter Redlich: Da muss ich schon mächtig in der Erinnerung kramen. Es gibt freilich ein Presserecht, es gibt Persönlichkeitsrechte – etwa, wenn eine Person gestorben ist, wenn es um den Schutz von Minderheiten geht, wenn Menschen verunglimpft werden, wenn gegen das Grundgesetz verstoßen wird.

Aber wir versuchen immer, einer Sache nachzugehen, zu Argumenten der einen Person auch die Gegenseite zuhören. Es gibt auch Themen, bei denen sich Kollegen, selbst in einer Lokalredaktion, Bedrohungen aussetzen – etwa, wenn es um Berichte zu Reichsbürgern geht.

Peter Anderson: Das kommt sehr, sehr selten vor und ist in solchen Fällen ganz klar begründet. Zum Beispiel wenn die Polizei auf einer heißen Spur ist und die Täter nicht aufschrecken möchte.

Gibt es Geschichten, über die Journalisten besonders gern schreiben und um die sich alle in der Redaktion reißen?

Peter Redlich: Na klar gibt es die. Wenn wie durch Starkregen Weinbergsmauern einstürzen. Das ist das Futter für Reportagen, die jeder gerne schreibt. Überall, wo etwas Spannendes passiert - vom Bau einer Brücke bis zum Abfüllen von Wein im Keller – sind Journalisten gern dabei und beschreiben es. Jeder hat auch so seine persönlichen Stärken.

Peter Anderson: Ich treffe oft Leser, die meinen, Journalisten würden am liebsten über Ereignisse schreiben wie eine Ausstellungseröffnung, wo es für sie etwas zu essen oder zu trinken gibt. Das spielt aber tatsächlich gar keine Rolle. Dazu fehlt schlicht und einfach die Zeit. Generell lässt sich sagen, dass wohl alle Redakteure am liebsten die Termine besuchen, wo es spannende Neuigkeiten zu erfahren und – noch besser – zu erleben gibt.

Welches Lieblingsthema haben Sie ganz persönlich, und warum?

Peter Redlich: Meine journalistischen Sahnetörtchen sind Storys zu besonderen Gebäuden und zu Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt.

Peter Anderson: Neben den Dauerbrennern wie der Manufaktur erinnere ich mich sehr gern an außergewöhnliche Termine. Einen Tag lang mit dem Rettungshubschrauberdurch halb Sachsen zu fliegen, mit der DLRG beim Hochwasser über die Elbe zu schippern – das sind Erlebnisse, die ich sonst wahrscheinlich nie haben könnte.

Über welche Sache berichten Sie nur ungern?

Peter Redlich: Da fällt mir gar nichts ein. Ärgerlich ist es, eine Korrekturnachricht zu formulieren, wenn wir einen Fehler gemacht haben.

Peter Anderson: Nach einem schlimmen Unfall oder einer Bluttat mit den Betroffenen zu sprechen. Das geht einem doch immer sehr nahe. Ich glaube nicht, dass ein Kollege freudig zu so einem Termin geht. Aber es gehört mit dazu.

Interview: Sächsische Zeitung

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