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Jubel

Erst einfrosten, dann nachdenken

Als im August 2002 Wassermassen das SZ-Archiv fluteten, schien die riesige Fotosammlung verloren. Dann begann eine beispiellose Rettungsaktion.

Nach der Flutkatastrophe im August 2002 drohte das gesamte Bildarchiv der SZ verloren zu gehen.
Nach der Flutkatastrophe im August 2002 drohte das gesamte Bildarchiv der SZ verloren zu gehen. © Archiv

Ein eiskalter Hauch weht heraus. Der Container steckt voller Frost. Knarrend öffnet Michael Studer die Tür vollends. Müllsäcke türmen sich dahinter und Pappkisten bis unter das Dach. Der Inhalt ist dreckig - und wertvoll. Es ist das Bildarchiv der Sächsischen Zeitung, untergegangen im August 2002. Unwiederbringliche Aufnahmen aus vier Jahrzehnten DDR-Alltag liegen dort dick eingebettet im Elbeschlamm.

Michael Studer wirft einen prüfenden Blick in die Runde. "Okay, die Temperatur stimmt." Minus 19 Grad zeigt das Kühlschrankthermometer. "So halten es die Bilder noch Monate aus", sagt er gelassen. Michael Studer studiert eigentlich Restaurierung an einer Spezial-Fachhochschule in Bern. Nun aber leitet er für ein halbes Jahr ein Großprojekt, wie es dies so noch nie gab. 150.000 Fotos sollen jetzt, ein Jahr nach der Flut, aus dem Wasser gerettet werden.

Dem Restaurator sitzt die Zeit im Nacken. Er eilt in die Halle nebenan und schleppt erst einmal Alkohol heran für seine Leute. "Damit die was zu tun haben", sagt er. Ohne Äthanol läuft hier gar nichts. Der Alkohol wischt von den Fotos weg, was die Fluten draufspülten.

"Das wird eine neue Langzeitstudie"

Als sich im August vorigen Jahres das Wasser den Weg in die Kellerräume der Sächsischen Zeitung bahnte, kam jeder Rettungsversuch zu spät. Die Gummistiefel waren längst voll. Das Licht flackerte schon, als Archivchefin Ute Essegern kurz vor vier Uhr morgens den Keller als Letzte verließ. Kurz danach kam die Weißeritz. Nicht einmal das, was im oberen Regal lag, überstand. "Wir konnten nur zehn Prozent der Fotos retten", berichtet Ute Essegern. Der Rest lag in einer dunklen, stinkenden Brühe, die es auch aus der Kanalisation hereingedrückt hatte. Bis in die nächste Etage reichte das Wasser - und blieb. "Wir hatten das alles 190 Stunden unter Wasser", berichtet Essegern. "Stunden" sagt sie; wenn es um Wasser geht, dann zählen Archivare keine Tage.

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Maximal 90 Stunden halten das die Fotos aus, wie wissenschaftliche Langzeit studien gezeigt hatten. "Das wird eine neue Langzeitstudie", sagt die Archivleiterin inzwischen lachend. Lachen konnte sie zur Ortsbegehung damals, als das Wasser wich, ganz und gar nicht. Ziemlich mies habe sie sich gefühlt, erinnert sich Ute Essegern heute - und möchte wohl am liebsten "beschissen" dazu sagen. Der Blick ins bis dahin zweitgrößte Bildarchiv Sachsens - ein einziges Drama. 750 000 Fotos beherbergte es. Während die Zeitungen hoffnungslos verloren als dicker Brei um die Knöchel waberten, waren die Fotos wenigstens noch als Fotos zu erkennen. Und wieder waren es die Stunden, die zählten. Jede einzelne. Ein Tag wäre ausreichend gewesen, und verheerender Schimmel hätte die Vernichtung zu Ende gebracht.

Die SZ-Mitarbeiter und Helfer im Haus der Presse waren schneller. Ein Kühlhaus in Cottbus hatte neben Tiefkühlgemüse und Fleisch noch ein paar Kubikmeter Platz. Ab in die Kälte damit. Ein halbes Jahrhundert lag damit bei minus 20 Grad auf Eis. Erst einfrosten, dann bleibt immer noch Zeit zum Nachdenken, dachten sich die Archivmitarbeiter damals. Ob sich aus den Tüten jemals etwas Brauchbares herausholen lässt, sie konnten es nur hoffen gegen alle Logik und Erfahrung.

Doch der Coup gelang. Die Mülltüten und Kisten hat nun der Restaurator Michael Studer mit seinen acht Leuten vor sich. Anfang Mai begann ein Großprojekt, wie es bisher für die Restaurierung beispiellos ist, berichtet er. Es wird ihm durchaus auch so manchen Ärger mit seinen Professoren einbringen. "Das eine ist die Lehrmeinung, was wir hier machen die Praxis", sagt er nicht ohne Stolz. Einen Monat hat er am zunächst empfohlenen Restaurierungs verfahren herumexperimentiert, dann stand sein Konzept. Jetzt taugt es für die Massenrestaurierung, wie er es nennt. "Bräuchten wir für jedes Foto nur zehn Sekunden länger, dann wären das schlussendlich Zehntausende Euro zusätzlich", sagt Studer im besten Schweizer Dialekt.

Die tiefgekühlten Klumpen aus Dresden

Ginge es nach den etablierten Verfahren der Museumswissenschaft, dann käme das ganze Archiv auf den Müll - unrettbar, weil unbezahlbar. "Man kann nicht jedes Foto wie einen Kunstschatz behandeln", sagt Studer. Und so bleibt ihm nur das Nötigste zu tun: Die Bilder werden gereinigt und konserviert. Sie werden wieder benutzbar.


"Die hatten Glück", sagt Studer kurz abwägend, ob er das so sagen darf. "Die haben Glück, dass sie die Fotos nicht nach Vorschrift gelagert hatten." In Paketen waren sie aus Platzmangel eng zusammen gepresst bis zu hundert Stück, da hatten Schlamm und Strömung keine Chance. Nur die Ränder litten, und das Wasser hat die Gelatineschicht "gestresst", wie Studer es nennt.

Ein Dutzend Schalen stehen nun auf dem Tisch im Labor. Rasierpinsel und Spatel liegen gleich daneben. Sie bekommen in diesen Tagen einen neuen Sinn. Als Schmutzbürste und Hebel, der die eben aufgetauten Fotos voneinander trennt. Die kleben fest aneinander. "Haften heißt das", kommt prompt die Belehrung vom Fachmann. Aus einem muffelnden dreckigen Klumpen tauchen jedenfalls scheibchenweise Fotos auf - oder solche, die es mal wieder werden sollen. "Ostdeutschland, Hochwasser und Katastrophen" steht auf einer der aufgeweichten Pappmappen. Deren Bilder liegen gerade im Alkoholbad. Nach vier Bädern sind die meisten Fotos wieder "in einem unglaublich guten Zustand", berichte Studer.

Warum sich die Dresdner Fotos nicht wie erwartet einfach aufgelöst haben, das will er unter anderem in seiner Diplomarbeit untersuchen, an Fasern und Gelatinen. An Schichten und Pigmenten. Mit dem Mikroskop schaut Studer dann in die Struktur der SZ-Fotos. Auf Biegen und Brechen testet er sie im Berner Labor. Vielleicht, so seine Hoffnung, hilft das ja anderen Archiven. "Wasser gibt es schließlich überall." Auch andere Experten interessieren sich für die tiefgekühlten Klumpen aus Dresden, berichtet der Restaurator. Mogens S. Koch aus Kopenhagen hat sie ge ordert. Der Professor will es mit dem Gefriertrocknen probieren, was bislang nur bei Büchern gelang. Koch war ebenso wie die Experten aus Bern und Berlin überrascht, was in Dresden noch alles vorhanden war, berichtet Archivleiterin Essegern. Das Expertengutachten gab dem Projekt grünes Licht. Es überzeugte.

Ein Stück des DDR-Alltags und auch eine Fotosammlung aus der Nazizeit können geborgen werden. Ein kulturhistorischer Wert, wie Ute Essegern schwärmt. "Aber noch haben wir keinen genauen Überblick. Das wissen wir erst, wenn alles aufgetaut ist." Vor wenigen Tagen kam in so einem blauen Müllbeutel die Mappe des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 hervor. Gerade noch rechtzeitig für die geplante Bericht erstattung in der SZ.

Viel öfter allerdings läuft es leider ganz anders, berichtet Archivmitarbeiter Holger Naumann. Immer dann ärgert er sich besonders, wenn Tage zuvor die Redaktion vergebens ein Foto gesucht hatte und dieses dann kurz darauf in der Alkohollösung auftaucht. Gestern waren dies uralte Bilder von Dynamo Dresden. Die hätte die Sportredaktion vor wenigen Tagen dringend gebraucht, als der Fußballklub 50 Jahre wurde. Wenigstens liegen diese Fotos nun schon im Sandwich: Fotos, Fleece, Löschpapier und Holzplatten geben ein Paket. Mindestens zwei Wochen trocknet das restaurierte Archivgut darin. In drei Tagen nun kommen die ersten restaurierten Fotos wieder in ihre Archivmappen. Die stehen diesmal ein Stockwerk höher.

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Anmerkung: Der folgende Text ist eine Reportage, die bereits am 28. Mai 2003 in der Sächsischen Zeitung erschienen war. Die praktischen Arbeiten zur Rettung des SZ-Foto archivs hatten da gerade begonnen, sie konnten im Dezember 2003 abgeschlossen werden.

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