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Kaderschmiede Kienbaum

Der Mythos hat überlebt. Das einstige Prestige-Objekt des DDR-Sports sorgt jetzt für gesamtdeutsche Sieger. Offen für alle ist die Anlage nahe Berlin aber nicht.

© Foto: Trainingszentrum

Von Tino Meyer

Die Schranke ist unten. Durchfahrt verboten – so wie früher!? Die Zeiten sind vorbei. Nach kurzem Warten geht’s weiter, die Schranke öffnet sich und damit eine geheimnisumwitterte Welt. „Deutschland, Land der Ideen“ – so steht es auf der Tafel am Eingangsbereich. Und das hier ist der „Ausgewählte Ort 2010“: Kienbaum, diese riesige Spitzensportoase am Ostrand von Berlin.

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Ostmoderne trifft auf westlichen Zweckbau. Die Statue der Gymnastin steht vor der neu errichteten, mit den olympischen Ringen versehenen Mensa.
Ostmoderne trifft auf westlichen Zweckbau. Die Statue der Gymnastin steht vor der neu errichteten, mit den olympischen Ringen versehenen Mensa. © Tino Meyer
Und das ist das Laufband, auf dem Waldemar Cierpinski in Kienbaum für seinen Marathon-Olympiasieg 1980 trainierte.
Und das ist das Laufband, auf dem Waldemar Cierpinski in Kienbaum für seinen Marathon-Olympiasieg 1980 trainierte. © Tino Meyer
Was heute ein Fahrradergometer ist, sah in den 1980er-Jahren ungefähr so aus. In der Unterdruckkammer in Kienbaum standen acht Räder – eines der Erfolgsgeheimnisse des DDR-Sports.:
Was heute ein Fahrradergometer ist, sah in den 1980er-Jahren ungefähr so aus. In der Unterdruckkammer in Kienbaum standen acht Räder – eines der Erfolgsgeheimnisse des DDR-Sports.: © Tino Meyer
Überwacht wurden die Athleten, die bis zu mehrere Tage in der Unterdruckkammer verbrachten, von etlichen Monitoren im Kontrollraum. Das System war bis ins letzte Detail ausgeklügelt.
Überwacht wurden die Athleten, die bis zu mehrere Tage in der Unterdruckkammer verbrachten, von etlichen Monitoren im Kontrollraum. Das System war bis ins letzte Detail ausgeklügelt.

Angekommen also in der weltbekannten Kaderschmiede des DDR-Sports, für die selbst die Profis von heute nur Superlative finden. Turner, Volleyballer, Leichtathleten, Kanuten, Boxer, Bobfahrer und Bogenschützen, insgesamt 14 deutsche Spitzensportverbände – wer sich in Top-Form bringen will oder auf große Meisterschaften hintrainiert, kommt am ausgewählten Ort nicht vorbei – und benutzt als Synonym für die Vorbereitung nur das eine Wort: Kienbaum! Doch was steckt hinter dem Begriff, was passiert hinter der Schranke?

Ideale Bedingungen, so schwärmt Bob-Weltmeister Francesco Friedrich, gebe es hier. Diskus-Olympiasieger Robert Harting betont, dass „alles perfekt auf den Spitzensport zugeschnitten ist. Das sage ich ohne Übertreibung.“ Und sollte doch irgendwer sein Kienbaum infrage stellen, den verweist Klaus-Peter Nowack mit freundlichen Grüßen an die Bundeskanzlerin. Seit Angela Merkel im Juli zur feierlichen Namensgebung mit dem Hubschrauber eingeflogen ist, meint der Geschäftsführer, seien die letzten Zweifel an der Daseinsberechtigung, sollte es sie überhaupt gegeben haben, endgültig beseitigt. „Olympisches und paralympisches Trainingszentrum für Deutschland – damit ist unser Stellenwert eindeutig beschrieben“, sagt Nowack.

Staatstragender, aber nicht weniger zutreffend formuliert es die Kanzlerin. „Wo es anfangs noch Spannungen zwischen Ost und West gab, herrscht heute völlige Übereinkunft und Einmütigkeit“, erklärt sie und lobt ausdrücklich die Mischung aus High Tech für Spitzensportler und Wohlfühl-Atmosphäre wie zu Hause.

Nowack steckt sich auf der Terrasse der Mensa eine Zigarette an, blickt auf den Liebenberger See, von dem Kommandos der Kanu-Trainer herüberdringen, und nickt zustimmend. Seit 2002 führt er die Geschäfte hier, hat die Entwicklung entscheidend vorangetrieben. Kienbaum ist in den Jahren auch für ihn zum zweiten Zuhause geworden. Die nicht zuletzt politische Entscheidung für „eine kompakte Stelle“, wie er diesen 55 Hektar umfassenden, in Teilen hochmodernen Sportanlagenkomplex bezeichnet, sei natürlich vollkommen richtig. Kienbaum ist und bleibt eine Instanz.

Den neuen Namen hat es dafür nicht gebraucht. Nowack nimmt ihn trotzdem gern. Angesichts knapper Kassen und dem weiter höchst ungewissen Ausgang der deutschen Spitzensportreform ist das ein Pfund – „und der Verdienst meiner Mitarbeiter. Sie sind mein Fundus“, betont er und verweist auf die gepflegten Anlagen, die gut 400 Betten bei einer Auslastung von 80 Prozent, die Vollverpflegung und den Anspruch, den Athleten möglichst jeden Wunsch zu erfüllen und für wettkampfnahe Bedingungen zu sorgen. Die Härtegrade der Turnmatten zum Beispiel sind immer identisch mit denen bei der WM.

Dass für diese Art von Rundum-Service 55 Mitarbeiter zu wenige waren, hat sogar der gestrenge Bundesrechnungshof festgestellt. Inzwischen stehen Nowack fünf Kollegen mehr zur Verfügung. „Kienbaum ist weltweit eine Marke. Wir wollen nicht basteln, sondern an dieser Stelle klotzen“, heißt es dazu aus dem Bundesinnenministerium, das zu den laufenden Kosten des Trainingszentrums jährlich gut eine Million Euro beisteuert. Zwei Drittel des 3,3-Millionen-Euro-Etats, betont Nowack, erwirtschaftet das Trainingszentrum selbst.

Doch was macht ihn aus, den viel beschworenen Mythos Kienbaum? Dass dieser Fleck Erde östlich von Berlin ein besonderer sein muss, zeigt schon die Geschichte. Nicht etwa, weil die frühere Mühle während der Weltkriege als Munitionsfabrik genutzt worden ist. Bekannt wurde Kienbaum, dieser Ortsteil von Grünheide ziemlich genau zwei Autostunden von Dresden entfernt, vielmehr durch seine Gäste. Wilhelm Pieck, der erste DDR-Präsident, verbrachte seinen Urlaub im idyllisch wie abgeschieden gelegenen Areal um den Liebenberger See genauso wie viele Künstler. Pablo Picasso soll da gewesen sein und Johannes R. Becher die DDR-Hymne hier geschrieben haben.

Ab 1952 kamen dann nur noch Sportler und mit ihnen auch die Schranke an der Einfahrt. Aus dem Erholungsheim Kienbaum wurde eine Sport- und Trainingsstätte, die bis Mitte der 1960er-Jahre zur Leistungssportschule ausgebaut wurde. Irgendwann trainierte die versammelte DDR-Elite in der abgeschirmten brandenburgischen Einöde. Der Bedarf wuchs, sodass die Sportplaner einen zweiten Komplex errichten ließen. Kienbaum II wurde 1985 fertiggestellt, doch die gesamte Anlage mit der politischen Wende zu einer dieser Altlasten, die besser jetzt als gleich liquidiert werden sollten. Der Prozess bis zur Anerkennung als Bundesleistungszentrum 1997 war ein schwieriger, doch der Sport hat sich am Ende durchgesetzt – und vor allem die Erkenntnis, dass es schließlich auch eine gesamtdeutsche Medaillenschmiede braucht.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten nach der Übernahme hat das Bundesinnenministerium mehr als 60 Millionen Euro investiert. Selbstverständlich sehr gut angelegtes Geld, wie Nowack findet. Er hebt die 2015 eröffnete Kunstturnhalle hervor, die modernste der Welt, den mit sämtlichem technischen Know-how ausgestatteten Wurfplatz für Diskuswerfer und Kugelstoßer und den Regenerationsbereich mit der Kältekammer. Noch nie habe Kienbaum in diesem Glanze gestrahlt, meint er.

Sein neuestes Vorhaben: eine Halle mit 400-Meter-Laufbahn, Kraftmessplatten und integrierter Bitumenbahn für Eisschnellläufer, Rollstuhl-Athleten und Radfahrer. „Deutschland braucht so eine Halle. Für Kienbaum wäre das ein weiteres Alleinstellungsmerkmal“, weiß Nowack. Die Finanzierung wird bereits geprüft, dazu die Errichtung einer Bob-Anschubbahn sowie eines Wechselzonenbereichs für Triathleten.

Und auch die notwendigen drei Millionen Euro für den Abriss eines der letzten Relikte der DDR-Zeit könnten bestimmt noch aufgetrieben werden. Doch Nowack hat sich erfolgreich gewehrt gegen die geforderte Demontage der inzwischen nostalgisch anmutenden Unterdruckkammer, die Luftbedingungen von bis zu 4 000 Metern Höhe simulieren konnte.

Die 1979 zum 30. Jahrestag der DDR eingeweihte Weltneuheit war das Prunkstück, streng geheim und noch besser abgeschirmt als Kienbaum ohnehin schon. Nur ausgewählte Trainer durften das Gebäude betreten, von dem selbst das Küchenpersonal drei Häuser weiter nicht wusste, was genau sich darin befand: nämlich Fahrradergometer, Laufbänder, Krafttrainingsgeräte und im Keller ein Strömungskanal für Ruderer und Kanuten.

Hier hatte der Mythos Kienbaum seinen Anfang. Und hier wird die trainingswissenschaftliche Überlegenheit der DDR immer noch eindrucksvoll sichtbar, selbst wenn die Unterdruckkammer nur noch eine Art Museum ist. Sie dient aber auch als Mahnmal – dass dem gesamtdeutschen Sport der Anschluss an die Weltspitze zunehmend verloren geht. Denn inzwischen haben alle führenden Leistungssport-Nationen eine solche Kammer, nur Deutschland nicht. Die bereits vorliegenden Pläne für einen Neubau in Kienbaum sind in den Wendewirren verschwunden – und später dann in China aufgetaucht.

Geblieben ist der Mythos und die Tatsache, dass Kienbaum mit seinem Charme einer Freizeitanlage im ländlichen Raum allein deutsche Kaderathleten vorbehalten bleibt. Wobei es natürlich hin und wieder Ausnahmen gebe, wie Nowack verrät. Brauchen zum Beispiel die Volleyballer einen internationalen Testgegner während der Lehrgänge, darf der ebenfalls die Anlagen nutzen. Und wenn Betten frei sind, können auch Hobbysportler und -vereine kommen.

Auch sie sind dann untergebracht in einem der Pavillons mit den zweckmäßig spartanischen Zweibettzimmern, schlafen auf speziellen Matratzen, essen in der gleichen Mensa, vor der ein Desinfektionsautomat steht und Touchscreen-Bildschirme, die über die Inhaltsstoffe und Kalorienzusammensetzung der Speisen genauestens Auskunft geben.

„Die Kompaktheit der Anlagen, die Ruhe und Abgeschiedenheit für ein störungsfreies Training und das Zusammentreffen von verschiedenen Sportarten: Das alles zusammen – das macht den Mythos Kienbaum aus. Die kleinen Details entscheiden“, sagt Nowack und spricht von einem kleinen olympischen Dorf. Nur für die Zeit nach dem Training ist es ziemlich öde in der Einöde, bis Berlin-Zentrum sind es immerhin 45 Kilometer. Echte Kneipen oder ein Kino sucht man im Ort vergeblich. Immerhin steht im sogenannten Freizeittreff des Trainingszentrums gleich neben der Mensa ein Pokertisch. Auch einen Pay-TV gibt es, sofern für solche Vergnügungen überhaupt Zeit und Muße ist.

Denn Tage in Kienbaum sind mit Schlafen, Essen, Trainieren, Regenerieren sowie wieder Essen, Schlafen und Trainieren zum einen komplett durchgetaktet. Zum anderen bringt Ulli Wegner, der kultige Boxtrainer mit der Schnodderschnauze, die Sache auf den Punkt: „Wer darüber klagt, dass es ihm hier zu langweilig ist, dem sage ich, dass er tagsüber nicht genug getan hat.“ Auch ihm sei Kienbaum, sagt er, über all die Jahre ans Herz gewachsen.