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Kaliningrad statt Köln

Einen innerdeutschen Ost-West-Schüleraustausch finden viele Schulleiter in Bautzen und Umgebung nicht zeitgemäß. Ihr Blick richtet sich eher nach Osteuropa.

© dpa

Von Miriam Schönbach

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Bautzen. Der Besuch der Schüler des Bischöflichen Gymnasiums aus Varnsdorf bei ihren Freunden am Sorbischen Gymnasium in Bautzen liegt nur wenige Tage zurück. Auch an den Abstecher an die finnische Partnerschule des Melanchthon-Gymnasium Bautzen im Herbst 2017 erinnern sich die Jugendlichen noch gern. Die Wilthener Gymnasiasten packen aller zwei Jahre ihre Koffer, um Schüler in Israel zu besuchen. Schülerreisen ins Ausland sind heute Normalität. Der Vergangenheit dagegen gehören Austauschprogramme zwischen Schulen in Ost- und Westdeutschland an.

Die Neubelebung eines solchen Ost-West-Schüler-Austauschs hat nun der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Helmut Holter, angeregt. Seinen Vorstoß begründet er mit dem gegenseitigen, geringen Wissen über Geschichte und Gegenwart. Viele Praktiker sehen die Forderung indes kritisch. „Die heutige Schüler-Generation wird in einem vereinten Deutschland groß. Es ist für sie Normalität“, sagt René Jatzwauk, Leiter des Sorbischen Gymnasiums. Seine Schule pflegt gute Beziehungen zu Gymnasien im tschechischen Varnsdorf und im französischen Brest.

Mit Bedacht gewählt

Beide Partnerschaften haben sich mit Bedacht entwickelt. Mit den Schülern in Bretagne verbindet die Schule zum Beispiel das Thema Minderheiten. Die Bretonen gehören in Frankreich zur nationalen Minderheit wie die Sorben in Deutschland. So meint auch Karsten Vogt, Leiter des Melanchthon-Gymnasiums in Bautzen, dass Schulpartnerschaften nur leben könnten, wenn es gemeinsame Schnittmengen gebe. Solche sieht er mit der Partnerschule in Finnland. Seit über zehn Jahren existiert inzwischen der Austausch mit den Schülern aus Hämeenlinna. Regelmäßig würden sich zudem Schüler aus Melanchthon-Gymnasium und der Partnerschule in Frankreich sehen.

Sein Kollege vom benachbarten Schiller-Gymnasium, Andreas Kämpe, hält von verordneten Schulpartnerschaften zwischen Ost- und Westdeutschland auch nichts. „Es haben sich in knapp drei Jahrzehnten so viele Menschen in beide Richtungen bewegt“, sagt er. Heute geht es zum Beispiel darum, Sprachkompetenzen zu festigen. Einen regen Kontakt gibt es zu einer Schule im französische Brest. Darüber hinaus existieren Schulpartnerschaften zu einem Lyzeum im polnischen Zobten und zur Escola Secundária da Manga im mosambikanischen Beira. Aufgrund des Bürgerkriegs im afrikanischen Land ruht das Miteinander allerdings gerade.

Verbindung nach Russland

Neuaufgelegt werden soll dagegen eine Verbindung nach Russland. „Das liegt für uns nah, denn wir bieten Russisch bis Sekundärstufe II an“, sagt Kämpe. Regelmäßig würden darüber hinaus Jugendliche seiner Schule über eine Partnerschaft hinweg an Schülerbegegnungen im historischen Schloss Muhrau/Morawa in Polen teilnehmen.

In Richtung Kaliningrad möchte auch das Kant-Gymnasium in Wilthen seine Fühler ausstrecken. „Kaliningrad ist die Wirkungsstätte des großen Philosophen Immanuel Kant, dem Namensgeber unserer Schule. Eine Verbindung in diese Stadt macht für mich Sinn“, sagt Schulleiter Armin Bartz. Das sei aber Zukunftsmusik, ganz anders als der Deutsch-Israelische Jugendaustausch aller zwei Jahre.

Das Goethe-Gymnasium in Bischofswerda hat bis vor einigen Jahren einen Austausch mit Geißlingen in Baden-Württemberg gepflegt. „Dann wurde das Projekt allerdings einseitig von Geißlinger Seite beendet“, sagt Schulleiter Bodo Lehnig. Er sieht auch keinen tiefen Sinn mehr im Schüleraustausch zwischen Ost und West. Deshalb findet er den Vorstoß überflüssig. „Ich weiß nicht, ob das die Probleme des Zusammenwachsens zwischen Ost und West löst“, sagt er. „Da wird meiner Meinung nach ein Feld aufgemacht, das eigentlich gar kein Feld mehr ist.“ (mit SZ/pre)