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Still zur Welt gekommen: Abschied von Neo

Eine Kamenzerin verliert ihren Sohn fünf Wochen vorm Geburtstermin. Das Loslassen dauert. Auch wegen Corona.

Michaela Kröger verlor ihr Kind in der 35. Schwangerschaftswoche. Neo Alexander wurde still geboren. Die Kamenzerin geht sehr offen mit dem Tabu-Thema um.
Michaela Kröger verlor ihr Kind in der 35. Schwangerschaftswoche. Neo Alexander wurde still geboren. Die Kamenzerin geht sehr offen mit dem Tabu-Thema um. © René Plaul

Kamenz. Der 12. Februar wird ein schwerer Tag. Das wäre der errechnete Geburtstermin von Neo gewesen. Mama Michaela Kröger muss kurz schlucken, als ihr bewusst wird, dass das Datum näher rückt. Doch es wird wahrscheinlich ein Tag wie jeder andere werden. Vielleicht wird sich seine Mama noch einmal die Bilder anschauen. Wie er eingewickelt in weichen Tüchern in ihren Armen liegt. Neo wurde bereits geboren. Viel zu klein. Und ganz still. Am 6. Januar. In der 35. Schwangerschaftswoche.

Seine Mama erinnert sich an jeden kleinsten Augenblick. An die diffusen Ängste, die sie Tage vorher hatte. An den besorgten Blick der Frauenärztin am 4. Januar, an das Kontroll-CTG. An das Kopfschütteln, als alles vorbei ist.

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Unverhofft, aber ein absolutes Wunschkind

Neo war ein Wunschkind. Wenn er auch unverhofft in das Leben von Michaela Kröger trat. Die Beziehung zu ihrem Freund war frisch. "Eigentlich wollten wir nicht gleich Eltern werden. Aber es passierte, und wir waren glücklich", sagt die 37-Jährige heute. "Ich freute mich, wollte ich doch schon länger ein zweites Kind. Dass es endlich geklappt hatte, war irgendwie ein Zeichen für mich!"

Adam, ihr großer Sohn, ist zehn Jahre alt. "Seine Geburt war ein Kaiserschnitt und alles andere als befriedigend für mich. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, etwas verloren zu haben", sagt Michaela Kröger.

In der eigenen Praxis hilft sie anderen Müttern

Die Kamenzerin eröffnete vor Jahren ihre Praxis "Natürlich Eltern sein" . Die Diplom-Soziologin hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Mütter auf ihrem Weg zur Geburt und danach zu begleiten. "Unsere Angst ist der größte Feind bei der Geburt", sagt sie. "Meine Aufgabe ist es, den werdenden Müttern genau diese Angst zu nehmen und sie zuversichtlich auf ihre Geburt schauen zu lassen." Nichts sehnlicher wünschte sich die Frau, als dies auch am eigenen Leib zu erfahren.

Doch nichts ist vorhersehbar. Michaela Kröger hatte bereits während ihrer ersten Schwangerschaft Probleme. Adam wurde zu früh geboren. Und auch in der zweiten mit Neo belastete die Hormonumstellung sie, spielte der Blutdruck am Schluss verrückt. "Ich wollte aber nicht einfach Tabletten in mich rein stopfen", sagt sie.

Herzenswunsch natürliche Geburt

Beim zweiten Kind sollte alles anders werden. "Aber irgendwie konnte ich meinen inneren Stress nicht abstellen", weiß Michaela Kröger. Gerade hatte sie einen Nebenjob angenommen, denn durch Corona konnte ihre Praxis nicht mehr auf Volldampf laufen.

Dann wurde sie unverhofft schwanger. Es folgten Kündigung, Anwaltsbesuche, Streit um die Absicherung. "Am Ende wurde alles gut, aber ich war einfach überfordert", sagt die 37-Jährige. Dazu kam eine Krebsdiagnose, die sich aber glücklicherweise wieder zerschlug. Genug, um die werdende Mutter ans Limit zu bringen.

Offener Umgang mit dem Schicksal

"Heute weiß ich, wo die Fehler lagen. Heute würde ich einiges anders machen", sagt sie. Dass Neos Herz aufhörte zu schlagen, war für die Eltern unerträglich. "Man funktioniert einfach nur nach der Diagnose", sagt Michaela Kröger. "Ich wusste, mein Kind lebt nicht mehr. Und doch bat ich darum, vor der Einleitung der stillen Geburt wenigsten noch schnell Baby-Bauchbilder machen zu dürfen. Das hatten wir noch nicht geschafft", erzählt sie. "Ich wollte nicht wieder so viel einbüßen bei dieser Schwangerschaft. Ich brauchte das für mich", sagt sie.

Die Kamenzer Fotografin Henriette Braun hatte kurzfristig Zeit und zeigte Verständnis für die außergewöhnliche Situation. Versonnen streicht Michaela heute über das Album. Die Fotos sind wundervoll. "Es ist etwas, an dem ich mich festhalten kann", so die Mutter. Und Henriette Braun war auch gleich da, nachdem Neo still geboren wurde.

In Ruhe Abschied genommen

Auf der Geburtenstation des Malteser Krankenhauses kommt er am 6. Januar zur Welt. Es dauert, bis die eingeleitete Geburt vollendet ist. Nur 1.465 Gramm wiegt er. Doch für seine Eltern ist er perfekt. "So eigenartig es klingt, aber es versöhnt mich, dass ich Neo natürlich geboren habe", sagt Michaela Kröger. Sein Papa ist die ganze Zeit an ihrer Seite. Sie trauern zusammen. Fast zwei Tage. Nehmen immer wieder Abschied. Dann muss überlegt werden, wie es weitergeht. Kinder mit einem Gewicht über 500 Gramm müssen offiziell bestattet werden.

Erstes Sternenkind im Kamenzer Friedwald

Im Kamenzer Friedwald wird Neo hoffentlich bald seine letzte Ruhe finden. Sie schauten sich bereits einen Tag nach seinem Tod dort um. Unter einer Linde werden die Sternenkinder hier künftig liegen. Neos Asche wird die erste sein, die dort Platz findet. "Ich habe sofort die Ruhe gespürt. Mich verbindet Positives mit der Gegend", sagt Michaela. Der Vogelberg ist nah. In dem Steinbruchsee geht sie oft schwimmen. Auch ihre Joggingstrecke führt am Friedwald vorbei.

Ein Dresdner Bestattungsunternehmen wurde ihnen empfohlen, das auf solche Fälle spezialisiert ist. Das schlug auch vor, dass Mama, Papa und Adam zusammen eine Holzkiste bemalen für Neo. Etwas tun können - das tat gut.

Wegen Corona stauen sich die Beerdigungen aktuell. Fast einen Monat nach seinem Tod ist Neo immer noch nicht bestattet. "Es wird Zeit loszulassen. Er ist ja ohnehin immer bei uns", sagt seine Mama. Und die Hoffnung? „Die stirbt nie…“

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