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Kamenz: Extrembergsteiger geht in Rente

Ruhestand ist nichts für Reinhard Richter, an seinem Sehnsuchtsort Südtirol wird er zum Aussteiger auf Zeit.

Bergsteiger und Weltenbummler Reinhard Richter (63) aus Kamenz geht zum Jahresende in Rente. Aber Ruhe ist nichts für ihn. In Südtirol will er noch einmal etwas völlig Anderes machen.
Bergsteiger und Weltenbummler Reinhard Richter (63) aus Kamenz geht zum Jahresende in Rente. Aber Ruhe ist nichts für ihn. In Südtirol will er noch einmal etwas völlig Anderes machen. © René Plaul

Kamenz/Cunnersdorf. Eigentlich wollte Reinhard Richter im Juli  in Rente gehen. Doch der 63-Jährige hat noch einmal bis Ende des Jahres "verlängert". Stillstand mag der Cunnersdorfer nämlich überhaupt nicht. Und seine Fähigkeiten als Gabelstapler-Monteur bei der Baywa waren zu Corona-Zeiten gefragt. Der Extrembergsteiger aus Cunnersdorf zieht nun aber Ende des Jahres einen endgültigen Schlussstrich. "45 Arbeitsjahre habe ich voll. Nun ist Zeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen", sagt er lachend.

Aussteigen - damit kennt er sich eigentlich schon ganz gut aus. Wenn auch bislang stets nur auf Zeit. Immer wieder zog es den Abenteurer weg aus dem beschaulichen Heimatdorf. Hinaus in die Welt. Bevorzugt in die Berge.  Ob Gasherbrum II  im Karakorum in Pakistan, mehrere Achttausender im  Himalaya, wie der berüchtigte Nanga Parbat, knallharte Bergtouren in den Dolomiten, schwere Eistouren im Kaukasus, Mont-Blanc-Massiv oder als letzte große Tour der Pik Lenin in Zentralasien - Reinhard Richter hat sie alle gehabt. Oder versuchte es zumindest. Manchmal scheiterte eine Tour auch. Manchmal kam er gerade noch rechtzeitig vom Berg hinunter, ehe er erfroren wäre oder die gefürchtete Höhenkrankheit ihn verschlungen hätte.

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Fünf Dreitausender hintereinander

Sein riesengroßes Fernweh trieb ihn immer wieder hinauf. "In den letzten Jahren bin ich aber schon ruhiger geworden. Die Extreme sind nicht mehr so wichtig", sagt Richter. In diesem Jahr war er deshalb mit Hans Kammerlander in den Alpen unterwegs. Dessen Biografie liest sich ganz nach dem Geschmack des Cunnersdorfers: mehr als 2.500 Klettertouren, rund 50 Erstbegehungen und 60 Alleinbegehungen großer Alpenwände. Er bestieg zwölf der 14 Achttausender, sieben davon an der Seite von Reinhold Messner.

Als Richter mit ihm unterwegs war, standen fünf Dreitausender hintereinander auf dem Programm "Formel Dreitausend".   "Das war ein tolles Erlebnis mit Hans Kammerlander. Und nicht unsere  letzte Begegnung", ist sich Reinhard Richter sicher. 

Südtirol ist neuer Sehnsuchtsort

Vor Ort in Südtirol keimte in Richter der Gedanke, diese wundervolle Gegend näher kennen lernen zu wollen. Und wie kann man das besser als bei der Arbeit und wenn man da lebt? "Hier passt einfach alles: Das Essen schmeckt, die Menschen sind nach meinem Geschmack, die herrliche Bergwelt ringsherum, Natur pur. Himmlisch", sagt der 63-Jährige. Der Sommer in Südtirol hat ihn geprägt. "Das wäre hier ein Stück Welt, wo ich sogar für den Rest leben könnte", sagt er. 

Aussteigen, alles zurücklassen - das war zwischenzeitlich schon eine Option für den gelernten Kfz-Mechaniker. "Ich finde sowieso keine Ruhe, muss immer etwas zu tun haben. Was soll ich hier auf lange Zeit? Ich habe jetzt schon Holz für die nächsten zehn Jahre im Schuppen", erzählt er schmunzelnd. Warum also nicht noch einmal ganz neu anfangen? Irgendwo, wo man ihn noch braucht, wo das Aufstehen morgens mehr Lust als Last bedeutet?

Doch da spielt seine Andrea  (noch) nicht mit. Die  Frau an seiner Seite musste schon einiges tolerieren. Auf der Landkarte ist sie wahrscheinlich Dutzende Male die Städte und Berge in aller Welt mit dem Finger abgewandert. Doch zum Gipfelsturm ließ sie ihren Gatten immer allzu gern allein aufbrechen. Zur Silberhochzeit waren sie zumindest zusammen in Nepal. "Solange er immer wieder heimkommt, ist alles gut", sagt die 59-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Verein vermittelt freiwillige Arbeitseinsätze

Also suchte Reinhard Richter eine Variante "Aussteigen light". "Ich habe in Südtirol herumgehorcht. Das raue, aber ehrliche Leben der Bergbauern fasziniert mich", sagt er. Von der Sommertour zurückgekehrt, recherchierte er im Internet und wurde schnell fündig bei der Bergbauernhilfe. Den Verein "Freiwillige Arbeitseinsätze" gibt es seit 1996. Dessen Ziel ist es, hilfsbedürftigen Bergbauern durch die Mitarbeit von Freiwilligen  in einer schweren Zeit zu helfen. Die Arbeitszeit auf einem Bergbauernhof hängt von vielen Faktoren ab. Zum einen von der Dringlichkeit der Arbeit, zum anderen der Witterung, von der familiären Situation oder von der Anzahl der Personen, die auf dem Hof mitarbeiten.

Gebraucht werden Helfer für Erntearbeiten auf Feld und Wiese, im Stall, im Wald, im Haushalt, bei der Kinderbetreuung sowie bei der Aufsicht älterer, kranker oder behinderter Menschen. Unterkunft, Verpflegung und Versicherung sind für die Helfenden abgesichert.

"Ich hatte ein nettes Gespräch mit dem Verein, habe mich beworben und mehrere Vorschläge bekommen. Da stach mir ein Bergbauer ins Auge, der allein auf seinem Hof in 1.500 Metern Höhe nahe der Baumgrenze lebt. Den habe ich kontaktiert und bald geht es los", freut sich Richter.

Da Reinhard Richter ein bisschen Resturlaub hat, steigt er zum ersten Mal Mitte Oktober in die freiwillige Arbeit ein. Im Gepäck wird er in den Kennenlernwochen natürlich sein Beil haben, die Bergstiefel und Steigeisen. Der Winter kommt zeitig da oben. Als der Bauer hörte, dass der Cunnersdorfer handwerklich begabt ist, freute er sich riesig.  "Endlich schaut mal einer seine gesamte Technik und Gerätschaften durch", so Richter. Der 63-Jährige freut sich wie ein kleines Kind. Auf Natur und das Klima, auf die Berge, die harte Arbeit, das Frühaufstehen und sogar darauf, abends mal so richtig fertig ins Bett zu fallen. Und auf das traditionelle  einfache Essen: Knödel in den verschiedensten Varianten. 

Wenn alles so läuft, wie er  es sich vorstellt, geht es nächstes Jahr für mehrere Monate nach Südtirol. "Ich möchte gern alle Jahreszeiten kennen lernen - den bunten Herbst, die knackigen Winter. Vielleicht kann ich endlich mal richtig Skifahren lernen. Und im Sommer geht's zur Heuernte." Um seine Kommunikation mit daheim macht er sich keine Sorgen: "Da oben gibt es überall besseres Wlan als bei uns", sagt er. Und zwischendurch wird er heimkommen wie versprochen. Das war schon immer das Schönste...

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