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Als die erste Lokomotive in Kamenz eindampfte

Vor 150 Jahren wurde die Eisenbahnstrecke Kamenz-Radeberg eingeweiht. Heute undenkbar: Der Bau dauerte nur zweieinhalb Jahre.

Am 1. Oktober 1971 wurde das 100. Jubiläum der Strecke Kamenz-Radeberg groß gefeiert. Den Sonderzug zog die Werk-Lok 2 des RAW Görlitz. Werner Müller führte den Zug, Manfred Nowack heizte.
Am 1. Oktober 1971 wurde das 100. Jubiläum der Strecke Kamenz-Radeberg groß gefeiert. Den Sonderzug zog die Werk-Lok 2 des RAW Görlitz. Werner Müller führte den Zug, Manfred Nowack heizte. © Sammlung Hans Raschinsky

Kamenz. Sonnabendmorgen, 6.30 Uhr, am 30. September 1871: Die festlich geschmückte Dampflokomotive namens "Kamenz" rollt mit zwei leeren Personenwagen Richtung Radeberg. Dort stehen die geladenen Gäste aus Dresden, Großröhrsdorf und Pulsnitz schon am Gleis. Es soll ein feierlicher Tag werden. Einer, den man so schnell nicht vergisst.

Die Eisenbahnlinie Kamenz-Radeberg steht kurz vor ihrer Einweihung. Ein Fakt, der nicht nur die Kamenzer jubeln lässt. Damit wird die Lessingstadt erstmals an die Schiene angebunden. Ein Tag, der ins Geschichtsbuch eingehen soll. Und das wird er, denn nach 150 Jahren spricht man immer noch darüber, wenn auch nur in Historiker-Kreisen oder unter echten Eisenbahn-Fans.

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Eberhard Ruttloff aus Bischheim ist zum Beispiel einer. Der ehemalige Bahnangestellte sowie Modell- und Gartenbahner aus Leidenschaft besitzt viele historische Unterlagen und Bücher zum Thema. Kürzlich fiel ihm eines davon in die Hände. "Mich wunderte es ein bisschen, dass Kamenz das Jubiläum gar nicht erwähnt oder feiert", sagt er. "1971 zum 100-hundertjährigen Jubiläum gab es ein mehrtägiges Fest", weiß Ruttloff aus einer Fest-Broschüre von damals.

Eisenbahnfan Eberhard Ruttloff aus Bischheim findet, dass das 150. Jubiläum der Eisenbahnstrecke Kamenz - Radeberg größere Aufmerksamkeit verdient hätte.
Eisenbahnfan Eberhard Ruttloff aus Bischheim findet, dass das 150. Jubiläum der Eisenbahnstrecke Kamenz - Radeberg größere Aufmerksamkeit verdient hätte. © Matthias Schumann

Das Kamenzer Stadtarchiv hat jetzt einiges zum Thema ans Licht gefördert. Pünktlich zum 30. September veröffentlichte Stadtarchivar Thomas Binder die Ausführungen auf der Homepage der Stadtverwaltung. Ergänzt werden sie durch Fotografien, vor allem aus Nachlässen der Fotografen Alfred Uschner und Walter Steinborn sowie aus dem Foto-Archiv der Sächsischen Zeitung beziehungsweise des verstorbenen SZ-Fotografen Hans-Christian Lindner. Doch von einem großen Fest wie 1971 ist man weit entfernt.

"Wir sind zwar erst 1995 aus Dresden hergezogen, aber ich interessiere mich für alles, was mit der Bahn zu tun hat", sagt Eberhard Ruttloff. So eben auch für die Strecke Kamenz - Radeberg, die auch durch Bischheim führt. Dass der Bahnhof im Ort so verwahrlost daher kommt, ärgert ihn. Immerhin würden dort täglich viele Pendler in den Zug Richtung Dresden steigen.

"Kamenz hat natürlich den schöneren Bahnhof. Und er atmet Geschichte. Wenn man liest, wie begeistert die Kamenzer damals waren, dass sie an die große weite Welt angeschlossen wurden. Das ist vergleichbar mit heute, wenn irgendwo ein gigantisches Breitbandkabel in Betrieb geht", sagt der Rentner.

Um 10.45 Uhr am 30. September 1871 jedenfalls herrschte helle Aufregung. Da begann in Radeberg die Festfahrt. Punkt 12 Uhr traf der Zug wieder in Kamenz ein, wo er mit Musik und Willkommensrufen begrüßt wurde. Es gab Jubelchöre und Reden. Danach fand im Hotel "Goldener Stern" mit Ehrengästen und den am Bahnbau Beteiligten ein Festessen statt.

Ursprünglich war die Eröffnung für den 1. Oktober 1871 geplant, aber das Datum fiel auf einen Sonntag. Die Staatsregierung riet an einem solchen Tag von einer Probefahrt ab. Die Kamenzer waren schon im Vorfeld aufgeregt. Sogar Gedichte wurden geschrieben. Andere anonyme Verfasser riefen in der Zeitung Mitbürger auf, die Häuser zu illuminieren.

"Die reich beflaggte Stadt hatte an diesem Wochenende im Jahre 1871 den schönsten Schmuck angelegt. Tausende Neugierige erwarteten den ersten Zug mit Aufregung. Die Bevölkerung jubelte ihm förmlich entgegen, auch Gesangsvereine boten ihr Bestes. Und Ehren-Jungfrauen überreichten den Ankommenden Blumensträuße", heißt es in der Festschrift zum 100. Jubiläum.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute sind Zugfahrten das Normalste auf der Welt. "Wenn man bedenkt, dass unsere Vorfahren nur zweieinhalb Jahre für den Bau der 25 Kilometer langen Strecke gebraucht haben, kann man nur staunen", sagt Eberhard Ruttloff. Heute brauche man dagegen allein für einen straßenbegleitenden Radweg oft 20 Jahre bis zur Fertigstellung.

Viele Bahnhöfe befinden sich entlang der Strecke Kamenz-Radeberg. So auch der in Großröhrsdorf - hier eine Aufnahme vom August 1913 bereits mit solider Bahnsteigüberdachung.
Viele Bahnhöfe befinden sich entlang der Strecke Kamenz-Radeberg. So auch der in Großröhrsdorf - hier eine Aufnahme vom August 1913 bereits mit solider Bahnsteigüberdachung. © Sammlung Eberhard Schramm
Der Bahnhof von Kamenz um 1895 mit Vorplatz und Lessingplatzanlagen. Im Hintergrund sieht man den Hutberg
Der Bahnhof von Kamenz um 1895 mit Vorplatz und Lessingplatzanlagen. Im Hintergrund sieht man den Hutberg © Sammlung Gerd Ohle
Der Kamenzer Bahnhof um 1900. Man überquerte die Gleise der Elstraer Strecke unter einem kunstvollen Überdach und trat dann in das Empfangsgebäude ein.
Der Kamenzer Bahnhof um 1900. Man überquerte die Gleise der Elstraer Strecke unter einem kunstvollen Überdach und trat dann in das Empfangsgebäude ein. © Sammlung Hans Raschinsky
Am 1. Oktober 1971 wurde das 100. Jubiläum der Strecke Kamenz-Radeberg groß gefeiert. Den Sonderzug zog die Werk-Lok 2 des Raw Görlitz. Werner Müller führte den Zug, Manfred Nowack heizte.
Am 1. Oktober 1971 wurde das 100. Jubiläum der Strecke Kamenz-Radeberg groß gefeiert. Den Sonderzug zog die Werk-Lok 2 des Raw Görlitz. Werner Müller führte den Zug, Manfred Nowack heizte. © Sammlung Hans Raschinsky
Der Bahnhof Kamenz um die Jahrhundertwende mit einem bereit stehenden Personenzug Richtung Dresden.
Der Bahnhof Kamenz um die Jahrhundertwende mit einem bereit stehenden Personenzug Richtung Dresden. © Sammlung Gerd Ohle
Der 105 Meter lange Bischheimer Viadukt ist das längste Brückenbauwerk an der Strecke Kamenz-Radeberg. Es wurde am 26. Mai 1871 fertiggestellt. Vier Wochen zuvor standen die Baugerüste noch.
Der 105 Meter lange Bischheimer Viadukt ist das längste Brückenbauwerk an der Strecke Kamenz-Radeberg. Es wurde am 26. Mai 1871 fertiggestellt. Vier Wochen zuvor standen die Baugerüste noch. © Stadtarchiv Kamenz
Sehr aufwendig war der von Mai 1870 bis Juni 1871 währende Bau des Kamenzer Tunnels. Auf über 100 Meter Länge musste der Fels abgetragen werden. Der Ostgiebel des Gasthauses "Goldner Ring" hielt den Erschütterungen nicht stand.
Sehr aufwendig war der von Mai 1870 bis Juni 1871 währende Bau des Kamenzer Tunnels. Auf über 100 Meter Länge musste der Fels abgetragen werden. Der Ostgiebel des Gasthauses "Goldner Ring" hielt den Erschütterungen nicht stand. © Stadtarchiv Kamenz
Bahnübergang in Gelenau. Das Foto stammt aus den 1990er-Jahren.
Bahnübergang in Gelenau. Das Foto stammt aus den 1990er-Jahren. © Archiv: Hans-Christian Lindner
Das Bahnhofsinnere in Kamenz. Bis weit in die 1990er-Jahre hinein sah es hier noch so aus.
Das Bahnhofsinnere in Kamenz. Bis weit in die 1990er-Jahre hinein sah es hier noch so aus. © Archiv: Hans-Christian Lindner
Der Kamenzer Bahnhof in den 1990er-Jahren. Damals wurden noch mehrere Strecken bedient.
Der Kamenzer Bahnhof in den 1990er-Jahren. Damals wurden noch mehrere Strecken bedient. © Archiv: Hans-Christian Lindner

Der Bau der Eisenbahnstrecke begann am 30. März 1869, und bald wurde an mehreren Stellen gleichzeitig gebaut. Immerhin wurden zudem vier Viadukte, 27 Wegunterführungen und 22 Durchlässe errichtet. Ganze 1,84 Millionen Taler kostete das Unterfangen. An der neuen Strecke Kamenz - Radeberg taten 23 Schrankenwärter an 31 Bahnübergängen ihren Dienst.

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Auf dem Pulsnitzer Bahnhof wird ebenfalls auf das Jubiläum der Bahnstrecke Kamenz-Radeberg aufmerksam gemacht.
Auf dem Pulsnitzer Bahnhof wird ebenfalls auf das Jubiläum der Bahnstrecke Kamenz-Radeberg aufmerksam gemacht. © Matthias Schumann

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