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Kamenz bekommt eine Klagemauer

Die Corona-Krise schlägt vielen Menschen immer stärker aufs Gemüt. Darauf reagiert die katholische Kirche in Kamenz jetzt mit einer ungewöhnlichen Aktion.

In der Katholischen Kirche in Kamenz entsteht eine Klagemauer. Pfarrer Uwe Peukert lädt in Corona-Zeiten dazu ein, hier Abstand zu seinen Sorgen und Nöten zu gewinnen.
In der Katholischen Kirche in Kamenz entsteht eine Klagemauer. Pfarrer Uwe Peukert lädt in Corona-Zeiten dazu ein, hier Abstand zu seinen Sorgen und Nöten zu gewinnen. © Matthias Schumann

Kamenz. In der Katholischen Kirche von Kamenz tut sich Ungewöhnliches. Ganz in der Nähe des Altars entsteht eine Mauer. Die soll in den kommenden Wochen noch wachsen und sich vor allem auch füllen. Dazu beschafften Pfarrer Uwe Peukert und Gemeindereferentin Elisabeth Lukasch rund 100 Pappkartons in der Größe von handlichen Steinquadern.

Was hat es damit auf sich? Das Corona-Jahr hat das Leben vieler Menschen verändert. Die Krise schlägt aufs Gemüt, macht traurig, soziale Kontakte fallen weg, Sorgen und Wut stauen sich auf. Deshalb will die katholische Pfarrei St. Maria Magdalena den Gemeindemitgliedern und allen Kamenzern nun etwas fürs Gemüt, für die Seele unterbreiten.

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Die Idee stammt eigentlich von einem seiner Vorgänger, Pfarrer Michael Kleiner, erzählt Uwe Peukert. Aber gerade jetzt sei ein guter Zeitpunkt, um sie umzusetzen. So bekommt Kamenz nun also eine Klagemauer. Angelehnt an die in Jerusalem – wenn auch deutlich kleiner natürlich.

Ein Teil davon steht bereits - ein Teil ist noch in verschiedenen Einrichtungen unterwegs, wie dem Malteser Krankenhaus, dem Kinderhaus St. Bernhard und dem Pflegeheim St. Georg. Diese "Steine" sollen später die Klage- oder Sorgenmauer komplettieren.

Was auf den Zetteln steht, bleibt unter Verschluss

Erste Zettelchen sind schon zwischen den Quadern in der Kirche zu entdecken und in die Kistchen eingeworfen worden. Darauf haben Kamenzer ihre Gedanken geschrieben. Der Inhalt ist für den Betrachter tabu. Kirchenbesucher haben aber auch einige Schlagworte, die mit der Corona-Zeit zusammenhängen, sichtbar auf den Karton-Ziegeln notiert: Einsamkeit, Denunziation, Lüge – Begriffe, die Menschen in diesen Tagen bewegen.

Er kenne aus Gesprächen die Ängste, wenn Händler wochenlang ihre Geschäfte nicht öffnen können, Kontakte zu Familienangehörigen und Freunden fehlen oder schlicht die Geselligkeit, um mal zu quatschen, sagt Pfarrer Peukert.

Elisabeth Lukasch spricht von dem wachsenden Druck der Corona-Auflagen auf Familien, von Homeoffice und Kurzarbeit. Viele Familien hätten es anfangs auch genossen, für längere Zeit beieinander zu sein, weiß Lukasch. Doch das könne kippen. So werde die Corona- zur Familien-Krise: „Menschen gehen auseinander, Kinder leiden darunter.“ Kinder vermissen ihren Sport, den Fußball, berichtet die Gemeindereferentin, auch die Schule und ihre Freunde dort.

Jeder kann seine Sorgen an der Mauer loswerden

Mit dem Angebot, Sorgen symbolisch an der Klagemauer loszuwerden, will die Pfarrei über die karitativen Einrichtungen hinaus für alle Menschen offen sein, die es nutzen möchten. Leider könne man nach Vandalismus-Vorfällen in der Vergangenheit nicht mehr riskieren, die Kirche ohne Weiteres zu öffnen. Die genauen Termine, wann die Kirche geöffnet sein wird, wolle die Gemeinde noch mitteilen. Elisabeth Lukasch sagt: „Haben Sie keine Scheu in die Kirche zu kommen.“ Wer das nicht möchte, sollte einfach mal in den Wald gehen und seine Sorgen hinaus schreien.

Einige Kistchen seien schon mit Zettelchen gefüllt, was davon zeuge, dass viele Dinge auf den Menschen lasten, die sie sich von der Seele schreiben möchten. „Wir sind jetzt noch dabei, die Leute auf die Klagemauer und ihren Sinn aufmerksam zu machen“, erklärt Uwe Peukert.

Auch im Krankenhaus steht ein "Mauerstein"

Es solle auch ein Zeichen sein, dass sich die Kirche in dieser Zeit rührt und bei den Menschen ist. Er wisse zum Beispiel aus dem Altenheim St. Georg, dass die Beschäftigten in der Pflege an den Ereignissen der vergangenen Monate, an Leid und Todesfällen schwer zu tragen haben. Die Klagemauer mache das alles nicht ungeschehen. Aber es werde aufgegriffen, bekomme einen Raum, sagt Pfarrer Peukert.

Im Kamenzer Krankenhaus wird ein Karton-Stein in der Kapelle stehen und der Belegschaft wie den Patienten die Möglichkeit geben, Sorgen und Nöte loszuwerden. Krankenhaus-Seelsorger Vincenc Böhmer kann sich gut vorstellen, dass die Aktion einen Teil der Belegschaft ansprechen wird: „Es hat über viele Wochen Extremsituationen gegeben, geistige und körperliche Anspannung, auch Krankheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.“

Dauerhaft in höchster Alarmbereitschaft, zu sein, das zehre an der Substanz. Er könne nur den Hut davor ziehen, wie die Mannschaft das gemeistert hat, sagt Böhmer. Der Mauerstein sei eine Möglichkeit, etwas von der Last abzuschütteln.

Kommen die Sorgenzettel ins Osterfeuer?

Die Mauer soll bis Ostern stehen. Was mit den „Steinen“ und Zetteln danach passieren soll, ist noch nicht ganz klar. Ein Vorschlag von Vincenc Böhmer ist, sie im Osterfeuer als Zeichen einer Wandlung zu verbrennen. So würden sie in Rauch aufgehen.

Pfarrer Peukert weiß natürlich, dass die Sorgen deshalb nicht verschwinden: „Es ist keine Lösung.“ Aber es sei ähnlich wie bei einem Gespräch mit einem guten Freund, sich die Sorgen von der Seele zu reden und sich dann besser zu fühlen, oder eben etwas aufzuschreiben. Wer Wut oder Trauer in der Mauer zurücklasse, der gewinne Abstand und vielleicht auch eine andere Sicht auf die Dinge.

Das Angebot passe zudem gut in die Fastentage als Zeit der Besinnung. „Es ist unser kleines Zeichen, um die Not vieler Menschen aufzugreifen. Es lässt sich auch nicht alles mit dem Verstand erklären.“

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