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Zwischen LernSax und Verzweiflung

Eine alleinstehende Mutter aus Königsbrück und ihre Kinder kämpfen mit Aufgaben-Bergen und fehlender Technik.

Peggy Herrmann aus Königsbrück kennt das tägliche Lernchaos zwischen schlechtem Internet und Überforderung gut. Drei ihrer vier Kinder gehen noch in die Schule. Max (13) Paulina (9) und Emilie (16) lernen wegen Corona im Homeschooling - ohne WLAN.
Peggy Herrmann aus Königsbrück kennt das tägliche Lernchaos zwischen schlechtem Internet und Überforderung gut. Drei ihrer vier Kinder gehen noch in die Schule. Max (13) Paulina (9) und Emilie (16) lernen wegen Corona im Homeschooling - ohne WLAN. © René Plaul

Königsbrück. Es ist trübe draußen, der Schnee von gestern sieht von hier oben aus der zweiten Etage des Königsbrücker Mietshauses grau aus. Draußen rauscht der Verkehr auf der B 97 vorbei. Ein Blick lohnt nicht. Max, Paulina und Emilie sitzen am Küchentisch. Das Frühstück ist vorbei. Nun heißt es, sich zu aktivieren. Manchmal fällt das schwer. So mitten im wochenlangen Homeschooling.

Jeder für sich muss heute wieder ein ziemlich großes Aufgaben-Pensum schaffen. Jeder für sich muss sich dafür aber auch zuerst einmal in die Lern-Plattform LernSax einloggen. Dort beginnen die Probleme. "Wir haben kein WLAN, und ich sehe auch nicht ein, dass ich mir wegen Corona einen Festnetzanschluss anschaffen soll", sagt Mama Peggy Herrmann. Zumal die Voraussetzungen vor Ort nicht so einfach wären.

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"Wer bezahlt mir das außerdem? Es ist eh schon alles nicht einfach in der Krise", sagt sie. Vier Kinder - eins davon in der Grundschule, eins in der Oberschule, eins in der Berufsschule und eins arbeitssuchend - wollen versorgt, verpflegt und verstanden sein...

Kurzarbeit und alleinstehend - keine gute Mischung

Bereits im März-Lockdown traf es Familie Herrmann hart. Ohne Drucker, Computer oder Tablets stand sie schlecht ausgerüstet da. "Niemand hat uns gefragt, wie wir das bewältigen können", erzählt die 38-Jährige. "Aber ja - ich weiß, dass wir nicht die einzigen mit solchen Problemen waren und sind!"

Geändert hat sich an der Situation seit dem Frühjahr nichts. Wie auch? Peggy Herrmann arbeitet in der Küche des Hotels Stadt Königsbrück. Dieses hat seit Monaten krisenbedingt geschlossen. Die Folge: Kurzarbeit. Und das alles in alleiniger Verantwortung für ihre Kinder. Geld für Technik hat die Alleinerziehende nicht übrig. "Was die Politik voraussetzt, ist krass!" Wie kommen die darauf, dass jeder vom Feinsten ausgestattet ist. Das sind ja nicht einmal die Schulen", meint sie.

Lehrer unterstützen die Familie vorbildlich

Glück habe sie mit den Lehrern ihrer zwei jüngsten Kinder. Paulina lernt in der zweiten Klasse der Grundschule, hatte am Anfang nicht so einen guten Start. Gerade war sie angekommen in ihrem neuen Klassenverband und fühlte sich wohl. Hatte neue Freunde gefunden. Dann kam der Lockdown.

"Von der Klassenlehrerin bekommen wir Unterstützung. Sie druckt uns die Arbeitsblätter und Aufgaben aus", so Peggy Herrmann. Immer zum Wochenende laufen die Herrmanns in die Schule und tauschen die erledigten Aufgaben gegen neue aus. Das klappt gut. "Ich will mich auch überhaupt nicht über die Schule beklagen. Die Lehrer sind topp", sagt sie.

Konflikte, wenn man lange aufeinander hockt

Paulina ist müde an diesem Vormittag und ein bisschen gelangweilt. Wochenlang keine Freunde treffen - das hat nichts mit schöner Kindheit zu tun. "Es ist nicht so leicht, ihr das alles hier plausibel zu erklären", sagt die Mutter. "Man will ja nicht alles so krass wiedergeben, wie man es selbst empfindet. Das schürt nur zusätzlich Angst", findet sie.

Manchmal sitzen sie alle zusammen am Küchentisch und spielen. Manchmal dreht Mama Peggy die Musik laut auf, und dann tanzen sie zusammen. Manchmal besuchen die Kinder ihren Papa. Aber manchmal ist auch alles eben nur doof. Der Lockdown wird andauern - das wissen die Herrmanns. Vielleicht ist es deshalb so schwer, sich tagtäglich neu zu motivieren?

Alle drei Kinder müssen sich täglich bei der Lernplattform LernSax einwählen. Da die Familie kein WLAN hat, ist dies oft schwierig. Die Verbindung übers mobile Internet ist oft nicht stabil.
Alle drei Kinder müssen sich täglich bei der Lernplattform LernSax einwählen. Da die Familie kein WLAN hat, ist dies oft schwierig. Die Verbindung übers mobile Internet ist oft nicht stabil. © René Plaul

Max, den einzigen Jungen im Bunde, nerven die Schwestern manchmal. Eigentlich würde er jetzt in der siebenten Klasse lernen und anschließend mit den Kumpels was unternehmen. Zurzeit geht das alles nur per Chat. "Die helfen mir aber weiter, wenn es bei uns mal wieder in der Leitung hakt", sagt der 13-Jährige. Mathe und Physik schaffen ihn besonders. Wenn er da nicht dran bleibt, wird es immer komplizierter.

Das fehlende WLAN macht es nicht leicht. Manchmal versuchen die Geschwister morgens an ihren Handys bis zu einer viertel Stunde, sich bei LernSax anzumelden. Oft geht gar nichts. Die Schwachstellen sind bekannt, doch was soll man mit dem Wissen darum anfangen?

Vor Kurzem bekam Peggy Herrmann einen Tipp. Und hat bei der Sozialen Beratung der Diakonie vorgesprochen. "Das war ein nettes Gespräch und wir haben Hilfe für einen PC und Drucker beantragt", sagt die 38-Jährige. Um alles zu bitten, fällt zwar nicht leicht. Doch wenn Corona noch länger anhält, wäre diese Technik eine Alternative.

Junge Generation ist Verlierer der Krise

Die 16-Jährige Emilie hat bislang noch nicht einen Mitschüler ihrer Berufsschule in Dresden kennengelernt. Denn seit ihr Einstiegsqualifizierungsjahr begann, ist diese geschlossen. "Ich kenne keinen einzigen Lehrer persönlich", sagt sie. An mehreren Tagen in der Woche kann sie wenigstens raus. Denn der praktische Teil ihrer Arbeit läuft im Netto-Markt um die Ecke. "Ich bin froh, arbeiten gehen zu können", sagt Emilie.

Sie und ihre Generation sind die Verlierer der Corona-Krise. An ihre Prüfungen letztes Jahr will sie nicht denken. Das war ein Chaos. "Es gab auch keinen letzten Schultag, keine Abschlussfahrt, keine Feier. Echt traurig", meint sie. Ihre 18-jährige Schwester Stella sucht hingegen gerade Arbeit. Ohne Erfolg. "Man kann sich schon jetzt nicht mehr vorstellen, wie es sein wird, wenn Corona vorbei ist", sagt Emilie. "Irgendwann wieder ohne Maske - das wäre schon cool!"

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