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Der Eismann von Oßling ist tot

Knapp 40 Jahr lang kamen Gäste aus nah und fern zu Klaus Tomschkes Eisbar. Die ist nun geschlossen. Warum sie so beliebt war.

Von Reiner Hanke
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Knapp 40 Jahre lang verkaufte Klaus Tomschke Eis in Oßling. Kürzlich ist er gestorben. Das Porträtfoto stammt aus einem Bericht der Sächsischen Zeitung vor ein paar Jahren.
Knapp 40 Jahre lang verkaufte Klaus Tomschke Eis in Oßling. Kürzlich ist er gestorben. Das Porträtfoto stammt aus einem Bericht der Sächsischen Zeitung vor ein paar Jahren. © Archivfoto: SZ, Foto: Matthias Schumann, Montag: S

Oßling. Die Tür ist geschlossen. Auch die Eisfahne fehlt schon seit einigen Wochen. Vor ein paar Jahren sagte der Oßlinger Eismann Klaus Tomschke gegenüber Sächsische.de, dass er noch nicht an den Ruhestand denkt. Kürzlich hat ihn seine Familie feierlich beerdigt. An der Tür zur Eis-Bar ist zu lesen: „Plötzlich und unerwartet ist Klaus Tomschke verstorben. Unser Mitgefühl und tiefe Anteilnahme gehört den Angehörigen.“

Von einem großen Verlust spricht Bürgermeister Johannes Nitzsche und von dem Engagement, mit dem Klaus Tomschke die Eisbar bis zuletzt geöffnet habe. Weit über die Gemeinde hinaus sei sie beliebt gewesen. Nitzsche mochte am liebsten das Softeis.

Noch immer halten Passanten, Radler, Autos vor der Eisdiele, berichtet die Oßlingerin Sylvia Müller, die gleich gegenüber wohnt. Viele Bewohner seien traurig - Besucher und besonders die Mädchen und Jungen aus der Oßlinger Kita und den beiden Schulen.

Viele Geschichten übern Gartenzaun erfahren

Sie alle haben ihren Eismann - die Kinder Opa Tomschke - in guter Erinnerung; so wie auch Sylvia Müller. Viele Jahre lang habe sie täglich beobachtet, dass sehr viele Eisliebhaber einen Abstecher nach Oßling unternahmen, um sich „gemütlich vor der Eisdiele eine Erfrischung, einen Kaffee oder Eisbecher zu gönnen“. Über den Zaun, berichtet Sylvia Müller, habe sie als Nachbarin so manche Geschichte erfahren, die die Leute mit Klaus Tomschke rund um die Gaststätte erlebten.

Nicht nur die Oßlinger hätten es geliebten, kurz mal auf einen Sprung anzuhalten, sich eine Eiskugel zu kaufen und ein Schwätzchen übern Tresen zu halten. Das brauche er, die Menschen um sich, erzählte Klaus Tomschke zu Lebzeiten. Genau das sei es, was ihn fit gehalten habe.

Jungs mochten besonders das Delphin-Eis

Fast 38 Jahre lang hat Klaus Tomschke Soft- und Kugeleis angeboten. „Jeder hatte sein Lieblingseis“, berichtet Sylvia Müller: „Wenn die Eisfahne bei schönem Wetter wehte, dann wussten die Kinder, heute gibt es ein Eis von Mama und Papa.“ Für die Eltern sei es ein Treff gewesen, auf einen Plausch. Aus der Kita kommt die Bestätigung: Es war wohl fast wie ein Ritual, mit den Kindern auf dem Heimweg beim Eismann zu stoppen. Der sei in Oßling eine Institution gewesen.

Aus den Gesprächen mit ihm weiß Sylvia Müller, dass die Kids auf die bunten Farben beim Kugeleis besonders scharf waren: „Das blaue Kugeleis nannten sie Delphin-Eis, das mochten die Jungs. Und das Pinkfarbene, das Erdbeereis, die Mädels.“ Sie habe es immer wieder beobachtet: „Wenn die Kinder dann die Waffel mit dem Eis über den Tresen vom Eismann in die kleinen Hände bekamen und er in ein zufriedenes Kindergesicht schauen durfte, war sein Herz auch zufrieden.“

Die jungen Leute aus der Oberschule habe sie aber genauso zur Eisdiele flitzen sehen, bevor der Bus kam. Ja, und wenn der verpasst war, habe es auch mal ein Eis gratis gegeben – zum Trost.

Schoko-Vanille-Softeis war der Renner

Neben dem Erdbeereisbecher sei das Schoko-Vanille-Softeis ihr persönlicher Favorit gewesen, berichtet die Oßlingerin. Dafür musste er zeitweilig auch schon mal zwei Maschinen ansetzen, um den Bedarf zu befriedigen, habe er erzählt. Und der Eismann verriet auch schon in der Vergangenheit, dass Schoko-Vanille immer der Renner sei.

Oft habe Klaus Tomschke auf der Bank vor der Eisdiele gesessen und sei mit vielen ins Gespräch gekommen. Er erfuhr von den Kindern, Schülern und Dorfbewohnern das Neuste, Sorgen, Ängste, oder eben, was sie gerade bewegte.

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Gern habe der Gastronom einen Rat gegeben und auch Sylvia Müller viel Interessantes über die Geschichte des Ortes erzählt, in dem er auch jahrelang mit seiner Frau Gislinde die Gaststätte Linde mit Saal betrieben hatte. 2018 verlor er seine Frau.

Besonders erinnert sie sich an den Männertag: „Wirklich jedes Jahr kam eine Gruppe von fünf, sechs lustigen älteren Herren, sie setzten sich an die Eisdiele und sangen nach Herzenslust einige Ständchen für Klaus.“ Egal, ob es regnete oder die Sonne schien, die treuen Kumpels hatten die Eisdiele in Oßling als Ziel. Viele Bewohner hätten das inzwischen gewusst und sich deren "Auftritt" gern mit angeschaut.

Einige Ständchen zum Männertag

Oft habe Klaus Tomschke erzählt, dass sich der Eisverkauf eigentlich nicht lohne. Gern hätte er noch einen Nachfolger für die Eisdiele gefunden. Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Öffnungszeiten einschränken. Ein treuer Freund aus Oßling habe ihm immer geholfen, die Tische und Stühle rauszustellen.

Ans Aufgeben habe er nie gedacht. „Ihm waren die fröhlichen Gesichter, die netten Gespräche und die Besucher aus allen Himmelsrichtungen so wichtig“, weiß Sylvia Müller.

Im kommenden Sommer wäre Klaus Tomschke 80 Jahre alt geworden: "Viele haben sich darauf gefreut, um ihm herzlich zu danken", weiß die Nachbarin. Es sei traurig, dass er "diesen runden Geburtstag nicht mehr mit seinen Lieben und der Familie erleben darf". Viele Eisfreunde würden sich sicherlich die Fortführung der Tradition wünschen, glaubt Sylvia Müller. Was bleibe, seien unzählige schöne Erinnerungen im Herzen, so werde der Eismann niemals vergessen und bleibe eine Legende aus Oßling.