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Reisebüros im Kreis Bautzen kämpfen ums Überleben

Stornierungen und Umbuchungen waren in den vergangenen Monaten an der Tagesordnung. Jetzt werden wieder Reisen gebucht. Doch viele Probleme bleiben.

Antje Pohlann, Inhaberin des Kamenzer Reisecenters, freut sich über treue Kunden und deren ungebrochene Reiselust. Die meisten aktuellen Buchungen gehen in Richtung Türkei, Kanaren und Griechenland. Aber auch Bali und Norwegen sind schon darunter.
Antje Pohlann, Inhaberin des Kamenzer Reisecenters, freut sich über treue Kunden und deren ungebrochene Reiselust. Die meisten aktuellen Buchungen gehen in Richtung Türkei, Kanaren und Griechenland. Aber auch Bali und Norwegen sind schon darunter. © René Plaul

Bautzen/Kamenz. Griechenland, Kanaren und Türkei - das sind die favorisierten Traumziele der Deutschen in der Corona-Krise. Auch in hiesigen Reisebüros werden sie aktuell für Sommer und Herbst dieses Jahres gebucht. Obwohl Politiker Urlaubsträumen vorerst eine Abfuhr erteilen. "Die Kunden wollen reisen, es besteht ein großes Grundbedürfnis danach", weiß Antje Pohlann, Inhabern des Kamenzer Reisecenters.

Hinter den Reisebüros liegt ein schlimmes Jahr. Mehr als viele andere Branchen leiden sie unter der Krise. Auch wenn Hilfspakete geschnürt und angekommen sind - die mehrfach stornierten Urlaube der Kunden bringen nicht nur Verluste in Größenordnungen mit sich. Sondern auch Frust. Grund dafür sind unzählige Arbeitsstunden, die Reisebüro-Betreiber in den Sand setzen. Und nicht einen Cent dafür bekommen.

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Die Nullrunden zehren bei Antje Pohlann an den Nerven. "Wenn ich nicht einen positiven Mann hätte und Freunde, die mich immer wieder aufbauen - ich hätte manchmal hingeschmissen", sagt die 50-Jährige. Ihr Reisecenter hat wie alle anderen Geschäfte seit Mitte Dezember geschlossen. Und musste schon den ersten Lockdown überstehen.

Geld fließt erst, wenn die Reise auch stattfindet

"Viele Kunden denken noch immer, dass wir Reisebüros regelmäßig von den Reiseanbietern bezahlt werden. Doch das ist nicht so. Zumindest nicht, wenn man ein autarkes, nicht an einen Anbieter angeschlossenes Büro hat", sagt Antje Pohlann. Es müsse in die Köpfe, dass ein Reisebüro erst Geld verdient, wenn die Reise angetreten wird. "Ich hatte 2020 etwa 350 stornierte Vorgänge. Das bedeutet, ich habe 350 Mal kein Geld für meine oft stundenlange Arbeit erhalten." Der aktuelle, zaghafte Buchungsstand mache leider keine Hoffnung, an Vorgängerjahre anknüpfen zu können.

Manche Kunden mussten zum fünften Mal umbuchen. Das betrifft vor allem Schiffs- und Flugreisen. "Es ist erfreulich, dass sie zur Stange halten. Die Reiseanbieter locken da mit Sonderrabatten. Doch ich als Reisebüro fasse einen Vorgang fünfmal an. Um vielleicht am Ende erneut leer auszugehen", erklärt die Reiseverkehrskauffrau.

Sie hat deshalb erstmals in ihrem Berufsleben Allgemeine Geschäftsbedingungen eingeführt. Zusammengefasst: Kommt eine Reise am Ende nicht zustande - sei es aus privaten oder pandemiebedingten Gründen - zahlen erwachsene Bucher künftig einen Pauschalberatungsbetrag von 30 Euro. "Ich habe lange mit mir gerungen, aber andere Mitbewerber erheben mittlerweile generell Servicepauschalen, auch wenn die Reise stattfindet. So weit wollte ich nicht gehen." Die Kunden zeigen bislang Verständnis.

Mitarbeiterin ist in eine andere Branche gewechselt

Rechnet man die 30 Euro pro Person auf ihre Arbeitsstunden um, bleibt am Ende nicht einmal ein Mindestlohn übrig. Doch es ist eine kleine Absicherung. Denn die Krise muss überstanden werden. Längst lebt sie von einem Kredit, den sie aufnehmen musste. Und von privaten Rücklagen. Das sei ernüchternd bis schlimm.

Ihre langjährige Mitarbeiterin war monatelang in Kurzarbeit und hat nun in einer anderen Branche Arbeit gefunden. "Ich kann sie als junge Frau durchaus verstehen. Die Reisebranche braucht einen langen Atem, um sich wieder zu erholen. Nichts ist sicher. Ich denke, dass sich der Markt durch Corona ohnehin leider bereinigen wird", so Antje Pohlann.

In Bischofswerda sieht die Lage ähnlich aus. Auch die mit der ungebrochenen Reiselust. "Wir merken, dass viele verunsichert sind, wohin man reisen kann und unter welchen Voraussetzungen. Die Bestimmungen ändern sich zurzeit von Land zu Land. Trotzdem wird gebucht - egal ob es per Auto nach Deutschland, Österreich oder Kroatien gehen soll oder per Flugreise auf die Kanaren, in die Türkei oder nach Griechenland", sagt Henry Reißig vom "Reisebüro Martin".

Gegenüber einem Buchungsjahr vor Corona liegt der Umsatz zurzeit nur bei etwa einem Viertel. "Fast alle Kunden entscheiden sich für die angebotenen Flex-Tarife, die eine kostenfreie Stornierung bis 14 Tage vor Abreise möglich machen. Das ist auf einer Seite schön, andererseits bleibt für uns die Ungewissheit, vielleicht wieder umsonst gearbeitet zu haben," so Reißig.

Kanaren, Türkei, Griechenland sind begehrt

Die DER-Reisebüros haben aus dem Grund Ende 2020 eine Servicepauschale eingeführt. Diese gibt es in den Varianten Basis und Plus mit unterschiedlichen Leistungen. Auch in der Bautzner Filiale. "Das Verständnis ist groß, der Mehrwert wird gesehen", so Mitarbeiterin Anke Gröter. Das Reiseverhalten habe sich bereits in den letzten Jahren stark verändert. Der Wunsch nach individuellem Urlaub sei größer geworden. Reisen von der Stange würden in den Hintergrund rücken. "Und für genau diese Beratungen sind wir da", sagt sie.

Auch in Bautzen planen jetzt viele Kunden ihren Sommer- oder Herbsturlaub. Und Schiffsreisen bereits für 2022. Der Wille sei ungebrochen, auch wenn die Unsicherheit groß ist. "Wir beraten aktuell fast ausschließlich per Mail, schicken Angebote und Verträge auf diesem Weg. Das funktioniert gut", so Anke Gröter. Kanaren, Türkei, Griechenland sind begehrt. Familien mit Kindern favorisieren hingegen Autoreisen innerhalb von Deutschland oder nach Österreich. Viele Fragen treiben die Leute um: Kann ich überhaupt reisen? Und wenn ja, unter welchen Umständen? Aber möchte ich das dann überhaupt noch? Vor allem erforderliche Tests schrecken immer noch ab.

"Wir hoffen alle auf konkrete Lockerungen und den Erfolg der Impfungen", so Antje Pohlann vom Kamenzer Reisecenter. "Man sieht, wie so etwas wirkt. Als Boris Johnson seinen Landsleuten verkündete, dass man ab Mai wieder reisen könne, brach ein regelrechter Buchungsboom los. Das wünsche ich mir für uns alle."

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