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Kamenz: Musikhaus mit Kult-Charakter

Das Fachgeschäft von Familie Rasch bietet seit 125 Jahren alles an, was zum Musizieren benötigt wird - und noch einiges mehr.

Senior Henry Rasch (71) hilft immer noch mit im Musikfachgeschäft an der Pulsnitzer Straße in Kamenz. Und nebenbei ist er auch viel in der gesamten Lausitz als Klavierstimmer unterwegs. Alle Kollegen kennen ihn.
Senior Henry Rasch (71) hilft immer noch mit im Musikfachgeschäft an der Pulsnitzer Straße in Kamenz. Und nebenbei ist er auch viel in der gesamten Lausitz als Klavierstimmer unterwegs. Alle Kollegen kennen ihn. © Ina Förster

Kamenz. Bei Raschs hängt der Himmel voller Geigen. Nicht nur im sprichwörtlichen Sinn, sondern ganz real. Neben Violinen und Gitarren stehen auch jede Menge Klaviere, E-Pianos, ein Spinett und Schlagzeuge in der Musikalienhandlung. Und allerhand Zubehör. Es singt und klingt endlich wieder im Musikhaus Rasch in Kamenz. Pünktlich zum 125. Jubiläum konnte das Team nach der Corona-Zwangspause aufatmen. Die Industrie- und Handelskammer brachte sogar eine Urkunde anlässlich des eher seltenen Geburtstages vorbei.

Als Otto und Johannes Haase 1896 ihren Musikalienhandel gründeten, wagten sie sicher nicht zu hoffen, dass 125 Jahre später an der gleichen Stelle immer noch Instrumente verkauft werden. Doch der Laden an der Pulsnitzer Straße hat Tradition. Und ist irgendwie auch Kult. Bis heute holen sich hier Musikfans und Musiker von nah und fern Anregungen, bestellen Fachliteratur, Notensätze, lassen ihre Klaviere stimmen oder diverse Instrumente reparieren. "Wir setzen alles wieder instand. Alles - außer Blech", wirft Henry Rasch ein. Dafür sei sein Kollege im Bautzener Musikhaus Löbner erste Ansprechstelle.

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Im Musikgeschäft der Mutter aufgewachsen

Familie Rasch ist mehr im Klavierbereich unterwegs. Vor allem der Senior. Alle kennen ihn. Auch die Kollegen in der ganzen Lausitz. Und vor allem die Instrumentenbauer in Löbau, Seifhennersdorf oder Klingenthal. Bis vor sechs Jahren stand er noch in Vollzeit im Laden. Dann übergab er an seinen Sohn Sebastian Rasch. Dieser führt das Geschäft nun bereits in vierter Generation.

Seine Urgroßeltern übernahmen im Zweiten Weltkrieg das Geschäft von den Haases. Sie hießen Alert mit Familiennamen. Ihre Tochter Lilly Rasch übernahm später das Zepter. Nach deren Tod 1990 war dann Henry Rasch als Sohn gefragt. Und der überlegte nicht lange.

"Musik hat mich schon von frühester Kindheit an geprägt", sagt er heute. Kein Wunder, wuchs er doch irgendwie auch im Musikgeschäft der Mutter auf. Und bekam so frühzeitig mit, was es heißt, ein solches zu lenken. Und die Lust an der Musik packte ihn, führte ihn als E-Piano- und Keyboardspieler auch in verschiedene Bands, wie "Topas" oder aktuell zu "Charlotte de Cognac und den Weinbrandbohnen". Selbst sein späterer Beruf als Klavierbauer war nur eine logische Schlussfolgerung.

Noten, Zubehör und Instrumente sind seit 125 Jahren in der Musikalienhandlung erhältlich.
Noten, Zubehör und Instrumente sind seit 125 Jahren in der Musikalienhandlung erhältlich. © Ina Förster
Wer eine gewisse Auswahl an Instrumenten haben möchte, ist bei Raschs richtig.
Wer eine gewisse Auswahl an Instrumenten haben möchte, ist bei Raschs richtig. © Ina Förster
Dieses alte Bandoneon hat Henry Rasch im Geschäft ausgestellt. "Wir reparieren alles außer Blech", sagt er.
Dieses alte Bandoneon hat Henry Rasch im Geschäft ausgestellt. "Wir reparieren alles außer Blech", sagt er. © Ina Förster
Auch Reparaturen werden im Musikgeschäft Rasch vorgenommen. Hier zeigt Henry Rasch ein kaputtes Teil eines Akkordeons.
Auch Reparaturen werden im Musikgeschäft Rasch vorgenommen. Hier zeigt Henry Rasch ein kaputtes Teil eines Akkordeons. © Ina Förster
Auch alte Zittern sammelt Henry Rasch. Einige davon haben ihm Leute einfach vor die Tür gestellt.
Auch alte Zittern sammelt Henry Rasch. Einige davon haben ihm Leute einfach vor die Tür gestellt. © Ina Förster
Die IHK beglückwünschte Familie Rasch kürzlich zum 125. Geschäftsjubiläum.
Die IHK beglückwünschte Familie Rasch kürzlich zum 125. Geschäftsjubiläum. © Ina Förster
Auch Flötenputzer gibt es in der Musikalienhandlung.
Auch Flötenputzer gibt es in der Musikalienhandlung. © Ina Förster
Kleine Nettigkeiten und Geschenke wie dieses Mini-Schlagzeug sind ebenfalls erhältlich.
Kleine Nettigkeiten und Geschenke wie dieses Mini-Schlagzeug sind ebenfalls erhältlich. © Ina Förster

Einiges hat Familie Rasch erlebt über die Jahrzehnte. Immer wieder musste man sich neu erfinden. Die Musikschule "Musica Gaudium" kam 2005 dazu, welche von Henry Raschs Ehefrau Eva-Maria geleitet wird. Mit Durchhaltewillen und Traditionen gelang das Bestehenbleiben auch in unruhigen Zeiten.

Im Dezember 2020 musste das Traditionsgeschäft beispielsweise wie alle anderen Einzelhändler schließen. "Einen Musikladen kurz vor dem Weihnachtsgeschäft zumachen zu müssen - das kommt einem Todesstoß gleich", sagt Henry Rasch.

Als Klavierstimmer in der ganzen Lausitz unterwegs

Während Supermärkte billige Keyboards, Gitarren und Flöten verkauften, schaute das Fachgeschäft in die Röhre. "Wir haben den Kunden später aber stoisch geholfen, den Billigkram zu reparieren", erzählt Rasch. Und so gewann man neue Fans dazu.

Man habe zusammen gehalten wie so oft, der Musikschulunterricht lief online weiter. Und Henry Rasch fuhr kreuz und quer durch die Lausitz. Stimmte und reparierte Klaviere. "Das älteste, das ich bislang in Kamenz unter den Fingern hatte, war eines von 1870", erzählt er.

Freude mache ihm die alte Kunst des Klavierstimmens immer noch. "Man lernt viele Leute kennen. Allein diese Woche waren wir ins Schloss Oberlichtenau und nach Niesky bestellt ", so Henry Rasch. Über die Jahre habe man sich Ansehen und Respekt erarbeitet. "Die großen Klavierproduzenten Förster oder Bechstein in der Lausitz haben natürlich ihre eigenen Stimmer, aber als Einzelkämpfer bin schon relativ lange zu Gange in der Branche", meint der 71-Jährige.

Und die Musik verbindet die Menschen über die Zeiten. Die Raschs machen sich keine Sorgen, dass es nicht weitergehen wird. "Ein Instrument zu spielen, gehört für viele Familien einfach dazu. Und so erlernen immer wieder Kinder und junge Leute diese Kunst", sagt Henry Rasch. Das gefragteste Instrument sei übrigens nach wie vor das Klavier.

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