merken
PLUS Kamenz

Elstra: Autozulieferer stemmt sich gegen die Krise

Corona und Lieferschwierigkeiten bei Halbleitern machen der Firma Linde und Wiemann zu schaffen. Wie der Standort bei Kamenz trotzdem wachsen soll.

Die Krise in der Autoindustrie wirkt sich auch auf Zulieferer wie Linde und Wiemann in Elstra-Rauschwitz aus. Werkleiter Michael Schlegel ist aber zuversichtlich, dass der Standort trotzdem wächst.
Die Krise in der Autoindustrie wirkt sich auch auf Zulieferer wie Linde und Wiemann in Elstra-Rauschwitz aus. Werkleiter Michael Schlegel ist aber zuversichtlich, dass der Standort trotzdem wächst. © Matthias Schumann

Elstra. Mit Ohrstöpseln wird das Wummern der gigantischen Pressen beim Auto-Zulieferer Linde und Wiemann in Elstra erträglicher. Stahlblechteile rutschen über Förderbänder klappernd in Kisten. Mit einer Kraft von 2.000 Tonnen stanzt eine Maschine - fast so hoch wie ein Einfamilienhaus – die Form aus dem Metall. Die fertigen Bleche sind für Daimler - und ein Teil der Radaufhängung in dessen Autos, erklärt ein Mitarbeiter.

Seit 1996 dröhnen hier die Pressen. In 25 Jahren ist das Werk stetig gewachsen. Das soll so weitergehen, das ist jedenfalls der Plan von Werkleiter Michael Schlegel und dem Betriebsratsvorsitzenden Lars Pietsch. Gerade das Jubiläumsjahr 2021 stellt das Werk aber auf eine harte Probe. Die Lieferschwierigkeiten bei den Halbleitern, mit denen sich die Autobauer seit geraumer Zeit herumschlagen, schlagen auch auf den Zulieferer in Elstra durch.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Acht Pressen stanzen dort in einer riesigen Halle Stahl- und Alu-Teile: Fensterrahmen, Schweller, Heck- und Frontteile. Vieles davon für die bekannten Autobauer wie Daimler, BMW, Opel, die VW-Gruppe. Erst 2017 investierte das Unternehmen 60 Millionen Euro in das Werk II - in eine sogenannte Warmumformung.

Zurzeit weniger Zeitarbeiter im Werk

Bei dieser im eigenen Haus entwickelten Technologie wird mit Hitze und Druck gearbeitet, um Metallteile in die gewünschte Form zu bringen. Roboter ersetzen einen Teil der Handarbeit. Autos lassen sich mit Komponenten, die auf diese Weise hergestellt wurden, effizienter bauen, und sie werden leichter. Solche Innovationen braucht die Industrie gerade im Zeitalter der E-Autos. Und solche Innovationen braucht auch das Werk in Elstra, um konkurrenzfähig zu bleiben.

So ist die Mitarbeiterzahl in den 25 Jahren erheblich gewachsen – von 37 zum Start 1996 auf heute 228 Festangestellte. Ein paar mehr könnten es noch werden, aber bestimmte Fachkräfte seien rar. Damit ist Elstra abgesehen vom Stammwerk im hessischen Dillenburg der größte Standort in Deutschland

Dazu kommen Zeitarbeiter - je nach Auftragslage. Die ist derzeit allerdings unberechenbar geworden, sagt Werkleiter Michael Schlegel. Das habe sich zuerst auf die Zeitarbeiter ausgewirkt, deren Zahl zurückgefahren wurde.

Halbleiterkrise zwingt zur Kurzarbeit

Bisher habe das Unternehmen in diesem Jahr aber trotz Corona- und Halbleiter-Krise keine Kurzarbeit ansagen müssen. Die werde allerdings – erst einmal in geringem Maße - in bestimmten Abteilungen, die nicht mehr ausgelastet sind, kommen, sagt Lars Pietsch vom Betriebsrat. Und ein Ende der Krise sei derzeit noch nicht in Sicht.

Der Betriebsratsvorsitzende spricht von einer gruseligen Situation in der Automobilindustrie, die es so noch nie gegeben habe. Alle Auto-Konzerne würden derzeit nur bestimmte Modelle bauen, meist die profitabelsten. Dass das Opel-Werk in Eisenach für Monate bis zum Jahresende schließt, wie der Autobauer Ende September bekannt gab, sei ein Novum. So etwas werde es bei Linde und Wiemann aber nicht geben, schätzt Pietsch ein.

Im Elstraer Werk könne derzeit allerdings nur von Tag zu Tag geplant werden: „Wir fahren auf Sicht“, sagt Werkleiter Michael Schlegel. Die großen Konzerne würden Lieferungen einfach stornieren: „Abnahmeverpflichtungen interessieren nicht mehr.“ Und Lars Pietsch ergänzt: „Es gibt derzeit keine Planungssicherheit.“ Es sei manchmal ein Kunststück, die Schichten so zu koordinieren, dass alle Mitarbeiter in der Produktion auch wirklich zu tun haben.

Riesige Pressen bringen hier verschiedene Autoteile in Form.
Riesige Pressen bringen hier verschiedene Autoteile in Form. © Matthias Schumann

Durch Corona sei der Umsatz gesunken, „aber wir werden weiter wachsen“, ist sich Schlegel sicher. So seien erhebliche Investitionen geplant. Dafür wird in der Halle von Werk I bereits Platz geschaffen, veraltete Technik ausrangiert. Ein Großpresswerk soll das Produktionsspektrum erweitern.

Elstra will das Großpresswerk im Verbund von Linde und Wiemann werden und damit auch die Zukunft des Standortes sichern – erstmal, ohne zu erweitern. Mit einer Kraft von 3.000 Tonnen soll die neue Anlage zum Beispiel Großteile und besonders harte Stähle pressen. Reichlich zehn Millionen Euro soll die Investition kosten.

Die wäre aus Sicht des Werkleiters auch ganz im Sinne einer umweltbewussten Klima-Politik, würde sich dadurch doch die CO2-Bilanz von Linde und Wiemann verbessern. Bestimmte Produkte müssten nicht mehr quer durch Europa transportiert werden. Aktuell hat das Unternehmen bereits in eine effizientere, sparsamere Lüftungsanlage und in ein Blockheizwerk investiert. Damit kann auch ein Teil des Stroms für das Werk selbst produziert werden. Ein Vorteil angesichts steigender Energiepreise.

Etliche Mitarbeiter seit 25 Jahren dabei

Lars Pietsch denkt unterdessen an die Sicherheit der Arbeitsplätze in einer sich wandelnden Gesellschaft mit weniger Autoverkehr: „Wir müssen so spezialisiert sein und flexibel, dass wir für die Autohersteller unverzichtbar sind.“ Dafür sei die neue Mega-Presse immens wichtig.

Die Mitarbeiter, erklärt Pietsch noch, würden sich auch durch ihre Treue zum Unternehmen auszeichnen. Von der Startmannschaft aus dem Jahr 1996 sind heute noch immer 26 Leute an Bord, neun inzwischen in Rente gegangen. Für Werkleiter und Betriebsratschef ein gutes Zeichen. Qualitätskontrolleur Norbert Krause ist einer der 26. Er habe das Werk gewissermaßen mit aufgebaut: „Da hängt so viel Herzblut dran“, sagt er, während die Pressen in der Halle dröhnen.

Norbert Krause arbeitet seit dem Start vor 25 Jahren bei Linde und Wiemann in Elstra-Rauschwitz. Sein Herzblut stecke in dem Werk, sagt er.
Norbert Krause arbeitet seit dem Start vor 25 Jahren bei Linde und Wiemann in Elstra-Rauschwitz. Sein Herzblut stecke in dem Werk, sagt er. © Matthias Schumann

Mehr zum Thema Kamenz