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Kamenz: Fitnessstudio kämpft ums Überleben

Die Betreiber des MyGym haben Millionen investiert - und dürfen den Sportbereich seit Monaten nicht öffnen. Fehlende Einnahmen sind nicht das einzige Problem.

Dörte Panitz betreibt ein Fitnessstudio in Kamenz. Sie sagt: "Es ist den Mitgliedern zu verdanken, dass wir noch da sind". Sonst wäre der Lockdown nicht zu stemmen.
Dörte Panitz betreibt ein Fitnessstudio in Kamenz. Sie sagt: "Es ist den Mitgliedern zu verdanken, dass wir noch da sind". Sonst wäre der Lockdown nicht zu stemmen. © René Plaul

Kamenz. Der große Kursraum ist leer. Trainerin Jasmin Marsch legt trotzdem eine flotte Musik auf. Scheinwerfer rotieren an der Decke. Sie lassen bunte Kreise und Ornamente über den Fußboden huschen. Dort markieren Klebeband-Kreuze, wo sich die Sportler aufstellen sollen – mit Corona-Abstand natürlich - etwa zwölf, statt bis zu 40 Leute.

Aber auch die zwölf waren schon seit Anfang November nicht mehr hier, als es vom Teil- in den Voll-Lockdown ging. Die Trainerin hat trotzdem ihr Headset aufgesetzt. Es gibt Pilates-Übungen im Livestream übers Smartphone. Das Video kann dann noch mehrere Tage von den Mitgliedern abgerufen werden.

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Eine kleine Geste, die nicht darüber hinweg täuschen kann, dass die die Fitness-Studios durch die Corona-Zwangspause an die Schmerzgrenze kommen oder sie schon überschritten haben. Das besondere an der Situation von Dörte Panitz und André Schmidt mit ihrem neuen Studio „MyGym Prime“ ist: Nur wenige Monate vor dem ersten Lockdown hatten die Betreiber – damals noch als Injoy – ihren neuen Fitness-Komplex mit Physiotherapie in Kamenz am Siedlungsweg eröffnet. Fast vier Millionen Euro wurden von ihnen in den Bau mit Sauna, Wellness und neuen Geräten investiert, die eigenen Reserven aufgebraucht und ein Kredit aufgenommen. Dann der erste Lockdown, später kleine Lockerungen, nun ist seit Monaten erneut alles dicht.

Verlust geht in die Hunderttausende

Kein Fitnessbetrieb auf der einen, aber die Raten auf der anderen Seite. Der Betrieb lasse sich ja nicht total runterfahren, sagen die Betreiber. Fixkosten, wie Versicherungen, laufen sowieso weiter. Die Banker verlangten als Sicherheit Geschäftspläne für die kommenden Jahre. Das sei derzeit wie ein Blick in die Glaskugel.

„Wie sollen wir planen, ohne eine Perspektive. Wir wissen nicht einmal genau, wann wir wirklich wieder öffnen können“, so Dörte Panitz. Diese Unsicherheit gehe an die Nieren und sei auch für die kleine Belegschaft belastend. 15 Leute insgesamt. Teilweise jetzt in Kurzarbeit. Zum Glück dürfe die Physiotherapie öffnen.

Gerade die Monate von Herbst bis Ostern seien für Fitnessstudios so wichtig wie der Sommer für die Freibäder: „Da entscheiden sich die Leute für Sport, sie wollen die Lebensweise ändern, etwas für den Körper tun. Dass passiert eher nicht im Sommer bei 30 Grad Celsius“, sagt Dörte Panitz.

Genau diese Zeit sei schon im Vorjahr teilweise weggebrochen und jetzt komplett. „Innerhalb von zwölf Monaten sind wir inzwischen insgesamt ein halbes Jahr zu.“ Der Verlust gehe inzwischen in die Hunderttausende. Die Hilfen für November und Dezember seien erst im März endlich gekommen und deckten auch nicht alle Kosten. „Welches Unternehmen soll das verkraften“, fragt Dörte Panitz rhetorisch. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“

Einige Mitglieder zahlen ihre Beiträge weiter

Der Lockdown ließe sich längst nicht mehr finanzieren, wenn die Mitglieder nicht wären. Ihnen sei es zu verdanken, „dass wir noch da sind“. Etwa 30 Prozent hätten ihre Beiträge aus Solidarität weitergezahlt: „Sonst könnten wir die Kredite nicht finanzieren.“ Aber wie lange halten die Mitglieder durch?

Es sei ein großer Vertrauensvorschuss. Denn die Beiträge seien natürlich nicht geschenkt. Die Mitglieder wollen den Vorschuss später einlösen und vertrauen, dass das Studio dann noch da ist. Dörte Panitz verspricht: „Wir überleben den Lockdown. Aber wir fangen dann unter Null an.“

So sei auch ein Teil der Mitglieder weggebrochen. Eine gewisse Fluktuation gebe es immer. Aber inzwischen fehle ein Drittel, weil durch den Lockdown keine neuen Sportler hinzukämen. Woher nimmt Dörte Panitz trotzdem der Optimismus? Eben von den vielen Mitgliedern, die zur Stange halten. Die anrufen und "mit den Hufen scharren".

Zuverlässige Prognose zur Öffnung fehlt

Die klagen über Schmerzen in Knie und Rücken, die ohne den Sport wieder zurückkehren. Die loslegen wollen, aber nicht können. Hoffnung mache zudem die Zusammenarbeit mit dem neuen Franchise-Partner „MyGym“. Die Kamenzer wollten weg von Langzeitverträgen und hin zu kundenfreundlicheren Angeboten: „Der Besucher bezahlt jetzt, was er buchen möchte, und kann monatlich kündigen.“

Wenn es wenigstens eine zuverlässige Prognose gebe, wann die Studios wieder aufmachen dürfen. Am Montag könnte das Fitness-Zentrum theoretisch teilöffnen. Bei den schwankenden Infektionszahlen ist das aber zweifelhaft.

Außerdem seien die Auflagen drastisch und kaum erfüllbar: „Die Mitglieder kommen zwei- bis dreimal in der Woche und sollen jedes mal einen tagesaktuellen Test vorweisen.“ Das funktioniere nicht. Das könne sich kein Mitglied leisten.

Ministerpräsident antwortet auf Brief

Es wäre gut, mal mit Betroffenen zu reden, wie Auflagen aussehen können, damit sie nicht an der Realität vorbei gehen, finden die Kamenzer Studiobetreiber. Das Fitnessstudio könnte zwar die Tests selbst stellen. Für bis zu 200 Besucher am Tag sei das aber unternehmerisch unmöglich. „Die schlaflosen Nächte nehmen zu, je länger der Lockdown dauert“, sagt Dörte Panitz.

Sie hat die Lage per Brief dem Ministerpräsidenten geschildert, lange auf eine Antwort gewartet. Die kam am Mittwoch. Aber auch ohne konkrete Perspektive. Man habe Verständnis und den Sport im Blick. Für Dörte Panitz ist aber gerade der Sport ein Teil der Lösung des Corona-Problems. Das sagen ebenso die Sportverbände: Wer trainiert, stärkt sein Immunsystem.

Jasmin Marsch hat unterdessen die per Livestream übertragene Trainingseinheit im Saal beendet und die Hoffnung, irgendwann wieder mit Publikum üben zu können.

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