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Gartenparadies hinterm alten Konsum

Sächsische.de zeigt die schönsten Gärten im Kreis Bautzen. Heute: Wie aus einer verwilderten Apfelplantage bei Kamenz ein parkähnliches Refugium wurde.

Jutta Fessel aus Zschornau bei Kamenz liebt ihren Garten hinterm Haus über alles. Zurzeit blühen die Dahlien in allen möglichen Farben.
Jutta Fessel aus Zschornau bei Kamenz liebt ihren Garten hinterm Haus über alles. Zurzeit blühen die Dahlien in allen möglichen Farben. © René Plaul

Kamenz. Die Blätter der Weide säuseln im Wind. Wenn man auf der hölzernen Empore verweilt, schließen sich beschützend über einem die knorrigen Äste. Rüdiger Fessel hat die Baum-Terrasse vor Jahren gebaut. Unzählige Male hat die Familie seitdem hier Kaffee getrunken oder an lauen Sommerabenden einen Wein. Von der viel befahrenen Straße vor der Tür ist das alles nicht zu sehen. Ungestört kann man hier genießen - die Natur und das Leben. Das Schwosdorfer Wasser plätschert am Zaun vorbei.

Früher kamen die Einwohner des Kamenzer Ortsteils Zschornau auf das Grundstück, wenn sie in den Konsum wollten. Noch bis zur Wende konnte man hier alle möglichen Dinge zur Grundversorgung erstehen, und die Poststelle befand sich ebenfalls im Haus.

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Zweitweise wohnten vier Generationen im Haus

Als Jutta Fessels Eltern 1974 das Anwesen kauften, war sie 16 Jahre alt. "Von der Kamenzer Neubauwohnung aufs Dorf", erinnert sie sich. Doch die Eltern wollten Tiere halten, und das ging hier nun einmal besser. "Wir hatten alles über die Jahre - von Hunden bis Katzen, von Schafen über Tauben bis hin zu Hühnern. Und Nutrias", sagt die heute 63-Jährige. Zu Hochzeiten züchtete der Vater etwa 100 Stück davon im Garten. Heute steht dort eine überdachte Sitzecke. Und die Wäsche kann dort bei jedem Wetter trocknen.

Vier Generationen wohnten bis vor ein paar Jahren im gelben Klinkerbau. Dieser wurde um 1900 errichtet. Er ist immer noch ein Hingucker und fällt auf im Vorbeifahren. "Ich erinnere mich genau an früher, vor allem, dass immer irgendwie Betrieb war im Haus", sagt Jutta Fessel und lacht. Während sie ausschlafen wollte, wurden nebenan in der Poststelle Briefmarken verlangt. "Die Wände waren äußerst dünn", sagt sie.

Der gelbe Klinkerbau wurde bereits um 1900 errichtet. Hier waren bis zur Wende der Konsum und die Poststelle untergebracht.
Der gelbe Klinkerbau wurde bereits um 1900 errichtet. Hier waren bis zur Wende der Konsum und die Poststelle untergebracht. © René Plaul

"Eine alte Weide gab es schon auf dem Grundstück, als meine Eltern es in den Siebzigern kauften. Die musste einer Brückensanierung weichen, aber eine neue wurde gepflanzt. Über 25 Jahre ist diese hier nun auch schon wieder alt", erzählt Jutta Fessel. Die Zschornauerin hat täglich stundenlang im Garten zu tun. Es ist vor allem ihr Refugium, auch wenn alle Generationen im Haus ihre Aufgaben haben. Denn das Gartenjahr kennt keine Pause.

Ehemann Rüdiger hat den Rasen zugeteilt bekommen. Das heißt, er liebt es mittlerweile, akribisch die kleinen einzelnen Grünflächen zu mähen. Aller zwei Wochen muss das sein. Sonst ist die schöne Struktur raus. "Viele meinen, unser Garten ähnelt einem kleinen Park", sagt Jutta Fessel.

Die Baumterrasse an der alten Weide ist nur einer von vielen Sitzmöglichkeiten im Garten. Bei mehreren Generationen unter einem Dach hat jeder so die Auswahl und kann auch einmal für sich sein.
Die Baumterrasse an der alten Weide ist nur einer von vielen Sitzmöglichkeiten im Garten. Bei mehreren Generationen unter einem Dach hat jeder so die Auswahl und kann auch einmal für sich sein. © René Plaul

Und damit haben die Betrachter recht. Geschwungene Wege, geschickt arrangierte Blumen-Rondelle, ein wundervolles Zusammenspiel exotischer Bäume und Sträucher, wohin das Auge blickt. Kugel-Esche, Etagen-Hartriegel, Kugel-Ahorn und ein riesiger Amber-Baum sind wie zufällig angeordnet. Und tragen gerade jetzt im Herbst wundervolle Farben.

Jutta Fessel überlässt nichts dem Zufall. Dabei ist sie erst ziemlich spät zum Gartenfan geworden. "Da war ich schon 35 Jahre und zuerst einmal ziemlich unbeleckt, was Gartenarbeit anging. Als Kind hatte man immer helfen müssen. Doch das endete meistens beim Beerenabnehmen und war viel Arbeit, deswegen verlor man schnell das Interesse", erinnert sie sich.

Das Areal hinter dem Haus war vor Jahrzehnten eine verwilderte Apfelplantage. Irgendetwas musste damit passieren. Und die Familie lernte im Laufe der Zeit dazu. Sie probierte vieles aus, nahm alten Fichten- und Kiefernbestand weg, ersetzte ihn durch neue Pflanzen und Gehölze.

Rüdiger Fessel konnte seine handwerkliche Veranlagung ausleben. Frei nach dem Motto "Ein Mann muss tun, was er tun muss. Und es gibt immer eine Frau, die ihm sagt, was das ist", werkelten die Fessels im Laufe der Jahrzehnte harmonisch in ihrem grünen Paradies. Sie gehören seit einiger Zeit auch mit zur Gruppe der Offenen Gartenpforte Kamenz & Umgebung. "Hier haben wir Gleichgesinnte gefunden, der Austausch ist herrlich. Und man fühlt sich nicht wie ein Exot, wenn man erzählt, dass sich ein Großteil der Alltagsplanung darum dreht", sagt Jutta Fessel.

Für die ganzjährig blühende Blumenpracht zeichnet Jutta Fessel verantwortlich.
Für die ganzjährig blühende Blumenpracht zeichnet Jutta Fessel verantwortlich. © René Plaul

Ihre Eltern sind mittlerweile verstorben, aber die jüngste Tochter Maxi lebt mit ihrer Tochter Anna noch mit im Mehrgenerationenhaus. Die Töpferin kümmert sich um alles Kreative im Garten. Kleine Hingucker gibt es, wohin man schaut. Früher wohnte noch die große Tochter Yvonne mit Mann und Kind im Anbau, direkt im früheren Konsum.

Maxi betreibt seit ein paar Jahren auch noch die Imkerei auf dem Anwesen. Sie hat dafür alles von einem alten Zschornauer von der Pike auf gelernt und auch seine Völker übernommen. Seitdem gibt es nun eigenen Honig im Hause. "Sie kümmert sich auch um den Obst- und Gemüseanbau und die Verarbeitung des Ganzen", freut sich ihre Mutter.

Die Hochbeete sind jetzt im Herbst bereits fast komplett abgeerntet. Hier gedeihen Gemüse und Kräuter für den Eigenbedarf.
Die Hochbeete sind jetzt im Herbst bereits fast komplett abgeerntet. Hier gedeihen Gemüse und Kräuter für den Eigenbedarf. © René Plaul

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Seit einiger Zeit sind ein paar Bienenvölker in den Garten eingezogen. Die ganze Familie hilft bei der Honigernte mit. © René Plaul

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