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Kamenz: Was geschah tatsächlich im Asylheim?

Vor zwei Wochen wurde in der Unterkunft ein Venezolaner schwer verletzt. Der Angreifer ist auf freiem Fuß. Das wirft Fragen auf.

Francisco B. aus Venezuela wurde im Kamenzer Asylbewerberheim durch einen anderen Bewohner schwer verletzt. Dazu hat er jetzt bei der Polizei ausgesagt.
Francisco B. aus Venezuela wurde im Kamenzer Asylbewerberheim durch einen anderen Bewohner schwer verletzt. Dazu hat er jetzt bei der Polizei ausgesagt. © Matthias Schumann

Kamenz. Die Folgen des gewalttätigen Überfalls sind dem Mann im grünen Anorak noch anzumerken. Die Tat liegt inzwischen zwei Wochen zurück, doch sie lässt Francisco B. keine Ruhe. Zugetragen hat sie sich Mitte September in der Kamenzer Unterkunft für Asylbewerber.

Francisco B. hat Fotos seiner Verletzungen dabei, die ihn voller Blut zeigen mit Schnittwunden am Oberkörper, an Armen, Beinen und mit Blutergüssen. Im Bericht von der stationären Behandlung im Kamenzer Krankenhaus wird außerdem ein Schädelhirn-Trauma diagnostiziert. Er sei Opfer eines Gewalttäters geworden, eines Mannes, der nicht zum ersten Mal auffällt, sagt Francisco B., der aus Venezuela stammt. Er wolle einfach nur Gerechtigkeit, sagte er gegenüber Sächsische.de.

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Der Fall zog inzwischen Kreise. So meldete sich dazu der frühere Kamenzer Oberbürgermeister Lothar Kunze zu Wort. Er kenne Francisco B. aus der katholischen Kirchgemeinde.

Früherer Kamenzer OB: "Ich war schockiert"

Er schildert seinen Eindruck vom Hergang der Dinge. In einem Brief an Sächsische.de schreibt er zu den Verletzungen des Venezolaners: „Ich war schockiert.“ In der Pressemitteilung der Polizei, die am Tag nach dem Vorfall veröffentlicht wurde, sei von einer Auseinandersetzung die Rede gewesen. Die habe es aus seiner Sicht nicht gegeben. Schon wegen der Sprachbarriere zwischen dem Venezolaner und dem Angreifer, einem Syrer. Ein verbaler Schlagabtausch sei nicht möglich gewesen. Francisco B. habe den Täter nur vom Sehen gekannt.

Der habe an der Tür des Opfers geklopft. Als B. nichtsahnend öffnete, sei der Angreifer ohne jegliche Erklärung mit Faustschlägen, Fußtritten und einem Messer auf ihn losgegangen. Er habe keine Ahnung, was den Syrer dazu veranlasste, sagt Francisco B. Es habe keine Auseinandersetzung gegeben, sondern nur Gewalt gegenüber seiner Person.

Warum es keinen Antrag auf Untersuchungshaft gab

Lothar Kunze kann indes nicht verstehen, dass gegen den Täter nur Anzeige erstattet und der Mann dann wieder auf freien Fuß gesetzt und nicht in Untersuchungshaft genommen wurde. Das, sagt er, hätte er bei einem solchen Verbrechen erwartet. Es „hätte tödlich ausgehen können“, schätzt Lothar Kunze ein.

Der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden, teilt Kai Siebenäuger, Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz, mit. Nach dem Ermittlungsstand sei zu dem Zeitpunkt mit der Staatsanwaltschaft entschieden worden, den Mann erst einmal zu entlassen.

Ein Antrag auf Untersuchungshaft wurde bisher nicht gestellt, bestätigen das Amtsgericht Bautzen und die Staatsanwaltschaft. Deren Sache wäre es, aufgrund von Ermittlungsergebnissen einen solchen Antrag zu stellen.

Üblicherweise werde beim Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung keine Untersuchungshaft in Betracht gezogen, erklärt Christopher Gerhardi von der Staatsanwaltschaft Görlitz. Dafür müssten gewisse Voraussetzungen erfüllt sein, wie Flucht- oder Verdunklungsgefahr, Vorstrafen, eine eindeutige Beweislage. Gegebenenfalls müsste der Kamenzer Fall noch einmal hinsichtlich einer Untersuchungshaft geprüft werden.

Darum kam der Mann aus Venezuela nach Deutschland

Ob der mutmaßliche Täter in diesem Fall bereits einschlägig polizeilich bekannt ist, dazu macht die Polizeidirektion keine Angaben - wegen des Datenschutzes. Nach Informationen von Sächsische.de soll der tatverdächtige Syrer wegen anderer Delikte schon zweimal in ein anderes Asylbewerberheim verlegt worden sein. Inwieweit das stimmt, ob er bereits durch Gewalt aufgefallen ist - dazu gibt die Ausländerbehörde des Landkreises - ähnlich wie die Polizei - aus Datenschutzgründen oder wegen eines laufenden Verfahrens keine Auskunft.

Francisco B. sagt, er habe sich nach dem Übergriff nicht mehr in sein Zimmer im Asylbewerberheim zurück getraut. Stattdessen habe er nun bei freundlichen Menschen, die auch die deutsche Sprache mit ihm lernen wollen, ein Quartier gefunden. Noch ist Verständigung schwierig.

Seit Ende 2019 ist der 56-Jährige in Deutschland. In Venezuela sei er Unternehmer gewesen, habe Landwirtschaft betrieben und Metallbau. Die sozialistische Regierung habe ihn und die Familie enteignet. Alles hätten sie ihnen genommen, die gesamte Existenz, erzählt er. In der Flucht habe habe er die einzige Chance gesehen, den Repressalien des Regimes zu entkommen. Gern würde er hier mit seiner Erfahrung in der Landwirtschaft arbeiten.

Was die Ausländerbehörde jetzt unternimmt

Aber jetzt gehe es ihm vordringlich um Gerechtigkeit. Er habe Todesangst gelitten, so Francisco B., für ihn sei es versuchter Mord gewesen. Das habe er bei einer neuerlichen Aussage in dieser Woche bei der Polizei erklärt.

Staatsanwalt Christopher Gerhardi versichert, von Amts wegen werde auch das geprüft. So könne ein Verfahren durchaus noch anders eingeordnet werden. Die Polizei teilt indes mit, dass die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte andauern.

Für Lothar Kunze stellt sich die Frage: Was muss der Beschuldigte noch anstellen, bevor er Deutschland verlassen muss? Der Ausländerbehörde im Bautzener Landratsamt sind die Probleme mit dem mutmaßlichen Angreifer jedenfalls bekannt, wie die Pressestelle mitteilt. Sie sei inzwischen mit der Ausländerbehörde des Freistaates im Kontakt, um eine schnelle Ausreise des Syrers herbeizuführen.

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