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Tote 16-Jährige: Jetzt meldet sich die Familie zu Wort

Wiktoria wurde in Großröhrsdorf Opfer einer Gewalttat. Jetzt wenden sich ihre Angehörigen an die Öffentlichkeit - mit einer dringenden Bitte.

Die 16-jährige Wiktoria kam vergangene Woche in Großröhrsdorf ums Leben. Mit diesem Foto von ihr und einer dringenden Bitte wendet sich ihre Familie nun an die Öffentlichkeit.
Die 16-jährige Wiktoria kam vergangene Woche in Großröhrsdorf ums Leben. Mit diesem Foto von ihr und einer dringenden Bitte wendet sich ihre Familie nun an die Öffentlichkeit. © privat

Großröhrsdorf. Im Fall der am 15. September in Großröhrsdorf getöteten 16-Jährigen hat sich jetzt ihre Familie zu Wort gemeldet: Sie stehe nach dieser furchtbaren Gewalttat noch unter Schock, lässt sie über ihren Dresdner Rechtsanwalt Robert Zukowski mitteilen. Sie könne die Tat und den Tod ihrer Tochter noch nicht begreifen, so Robert Zukowski. Auch sei die Familie in großer Sorge wegen der in den sozialen Netzwerken gestarteten und in Großröhrsdorf beginnenden Selbstjustiz. Diese Situation belaste die Familie sehr und sei ein Grund, an die Öffentlichkeit zu gehen.

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„Wir bitten hiermit die Öffentlichkeit, die Ermittlungen den erfahrenen Polizeibeamten der Mordkommission Bautzen zu überlassen und sind uns auch sehr sicher, dass der Täter zeitnah dingfest gemacht werden kann“, so Rechtsanwalt Zukowski. Die Menschen sollten Alleingänge und unbegründete Vermutungen in sozialen Netzwerken unterlassen und diese Hinweise stattdessen der Polizei mitteilen: „Dies wäre auch der Wunsch von Wiktoria gewesen“, so Zukowski.

Das Mädchen war am vergangenen Mittwoch in einem Garagenkomplex in Großröhrsdorf schwer verletzt worden, wahrscheinlich bei einem Streit. Später starb es an den Folgen der Tat.

Ein Tatverdächtiger ist auf der Flucht. Die Polizei erhält viele Hinweise von Zeugen, zugleich kämpft sie gegen Gerüchte an. Wir fassen zusammen, was bekannt ist und erklären, warum Polizei und Staatsanwaltschaft bisher noch keine genaueren Angaben zum Täter gemacht haben.

Was ist bisher über die Tat bekannt?

Tatort war ein Garagenhof an der Johann-Sebastian-Bach-Straße in Großröhrsdorf. Dort wurde das Mädchen am vergangenen Mittwoch Opfer eines Angreifers, der sie gegen 15.45 Uhr attackierte. Laut Staatsanwaltschaft hat ein Zeuge die Ereignisse beobachtet. Demnach soll der Gewalttat ein Streit vorausgegangen sein. Jedenfalls stellte es sich für den Zeugen so dar. Dieser verständigte den Rettungsdienst, der das Mädchen ins Krankenhaus brachte. Dort sei die Schülerin der Oberschule Rödertal an ihren Verletzungen und dem hohen Blutverlust gestorben. Sie lebte nach Informationen von Sächsische.de in Lichtenberg.

Die Polizei suchte vergangene Woche mit einem Großaufgebot nach Spuren, die zum Täter führen könnten und befragte Anwohner. Diese zeigten sich erschüttert, dass in der Kleinstadt so etwas passieren konnte. Die Gegend um den Tatort sei eher eine ruhige, auch kein bekannter Jugendtreff.

Was ergab die Obduktion?

Das Mädchen wurde nach Aussagen von Staatsanwalt Christopher Gerhardi durch mehrere Stiche tödlich verletzt. Mit Angaben zum Tatwerkzeug ist die ermittelnde Staatsanwaltschaft noch vorsichtig und bestätigt nicht, ob es sich um ein Messer gehandelt haben könnte. Das sei noch Gegenstand der Ermittlungen.

Wie weit ist die Suche nach dem Täter?

Die Polizei sucht nach einem jungen Mann in dunkler Kleidung. Es wurden mögliche Zeugen vernommen. Weitere Hinweise habe auch ein Beitrag in der MDR-Sendung Kripo Live gebracht. Aber es fehlt offenbar noch der entscheidende Tipp. So gibt es laut Staatsanwaltschaft derzeit keinen dringenden Tatverdacht gegenüber einer bestimmten Person. Die Suche erfolge ergebnisoffen.

Ebenfalls aus ermittlungstaktischen Gründen hält sich Christopher Gerhardi bedeckt, was Ergebnisse der Spurensuche und der Ermittlungen im Umfeld der Toten betrifft. So könne immer noch nicht gesagt werden, ob ein Beziehungsdrama hinter der Gewalttat stecke. Es sei aber die Erfahrung der Ermittler, dass der Täter in den meisten Fällen im Umfeld zu suchen ist.

Warum gibt es keine Täterbeschreibung?

Viele Menschen wundern sich, dass bisher noch nicht mit einer Täterbeschreibung gesucht wird. Es gebe keine fahndungsfähige Personenbeschreibung, erklärt Staatsanwalt Gerhardi. So gibt es keinerlei Hinweise auf Haar- oder Hautfarbe. Der Zeuge am Tatort habe den Täter nicht erkannt oder genauer gesehen. Er habe das Mädchen in seinem Blut erblickt und sich vor allem um die Rettung gekümmert.

Wie reagiert die Polizei auf Gerüchte?

Im Internet sollen sogar Namen und Bilder möglicher Verdächtiger kursieren. Auch solchen Hinweisen gehe die Mordkommission nach. Allerdings kämpft sie auch gegen Gerüchte an. Am Wochenende musste ein Polizeistreife eingreifen, weil ein Einwohner in sozialen Medien das Bild eines angeblich Verdächtigen gesehen hatte. Er wollte daraufhin die Angelegenheit auf eigene Faust klären. Zudem gibt es in den sozialen Netzwerken immer wieder fremdenfeindliche Kommentare. Aussagen in dieser Richtung entbehren jeder Grundlage, so Staatsanwalt Gerhardi. Zur Identität des Täters sei derzeit nichts bekannt.

Wie trauern Schüler und Freunde?

Die Anteilnahme am Schicksal des Mädchens ist riesig. Mitschüler sind schockiert und schrieben ihre Gedanken nieder: „Hey mein kleiner Stern, … wir vermissen dich so sehr“. Den Mitschülern falle es schwer zu begreifen, was hier passiert ist. Von tiefer Trauer ist die Rede. In einem weiteren Brief steht: „Ich wünschte du wärst noch da.“ Eine Freundin schildert die Tote als lebensfroh und liebenswert. Auch der eindringliche Wunsch wird deutlich, dass der Täter bald gefasst werde und seine gerecht Strafe erhalten soll.

Staatsanwalt Gerhardi hätte sich gewünscht, dass die Ermittlungen schneller zum Täter führen. Auch wegen der Verunsicherung unter den Menschen im Rödertal. Denn nach wie vor laufe ja der Täter frei herum. Die zuständige Polizeidirektion in Görlitz versichert, man ermittle auf Hochtouren. Unterstützung komme jetzt zudem vom Landeskriminalamt und der Rechtsmedizin in Dresden.

Wie haben Stadt und Kirche reagiert?

Ende der Woche wurden Blumen-Gebinde der Stadtverwaltung, des Stadtrates und der Kirchgemeinde am Ort der Gewalttat niedergelegt, berichtet Pfarrer Stefan Schwarzenberg. Auch beim Gottesdienst am Sonntag wurde der Toten gedacht.

Am 29. September findet ein Friedensgebet statt. Es werde im Zeichen der furchtbaren Ereignisse stehen: „Wir werden allen Menschen in Großröhrsdorf die Möglichkeit geben, sich an der Trauer zu beteiligen, allen, denen die Ereignisse keine Ruhe lassen. Das sei mit Stadt und Schule abgesprochen. Seelsorger seien für persönliche Gespräche da, „um die Ereignisse und Gefühle zu verarbeiten und über die Folgen zu sprechen“.

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Die Bluttat habe gezeigt, was geschehen kann, wenn sich Menschen Hass und Gewalt hingeben, so Schwarzenberg. Er sehe eine wichtige Erfahrung aus dieser Bluttat: Wenn sich Gewalt in Sprache und Verhalten offenbare, rechtzeitig und sensibler auf solche Anzeichen zu reagieren.

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