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Großröhrsdorf: Weberei wird Wohnpark

Am Donnerstag wurde die letzte große Industrie-Esse in der Stadt gesprengt. Bald sollen umfangreiche Arbeiten auf dem Gelände starten. Was dort geplant ist.

Am Donnerstag um 13 Uhr fiel die letzte große Industrie-Esse von Großröhrsdorf. Auf dem Areal der früheren Bandweberei J. G. Schöne soll in ehemaligen Fabrikgebäuden und in Neubauten ein Wohnpark entstehen.
Am Donnerstag um 13 Uhr fiel die letzte große Industrie-Esse von Großröhrsdorf. Auf dem Areal der früheren Bandweberei J. G. Schöne soll in ehemaligen Fabrikgebäuden und in Neubauten ein Wohnpark entstehen. © Matthias Schumann

Großröhrsdorf. Pünktlich 13 Uhr drückt Sprengmeister Manfred Küchler am Donnerstag den roten Knopf. Und löst zwölf Sprengladungen aus. Ein Tag Vorbereitung lag da schon hinter dem Zweimann-Sprengteam. Nach einem leicht gedämpften Knall neigt sich der etwa 30 Meter hohe Schornstein Richtung Nordwesten, bricht dann auseinander und landet im vorgesehenen Bereich. Ohne viel Staub aufzuwirbeln.

Was bleibt, ist ein Haufen Ziegelsteine. Damit ist der letzte große Industrie-Schornstein von Großröhrsdorf Geschichte. Die Esse stand an der Bandweberei Johann Gottfried Schöne auf der Radeberger Straße.

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Eiko Großmann ist Geschäftsführer der Walther Projektmanagement GmbH und beobachtete die Sprengung. Sein Unternehmen hat im Auftrag des Investors Neth Immobilien mit Niederlassung in Dresden hier einiges vor. Beide Unternehmen sind in Großröhrsdorf nicht ganz unbekannt. So hat Neth bereits in den neuen Wohnkomplex mit dem früheren Lehrlingswohnheim investiert.

Nach dreimaligem Hupen drückte Sprengmeister Manfred Küchler den roten Knopf und zündete zwölf Sprengladungen. 750 Gramm Sprengstoff genügten, um die Esse zu fällen.
Nach dreimaligem Hupen drückte Sprengmeister Manfred Küchler den roten Knopf und zündete zwölf Sprengladungen. 750 Gramm Sprengstoff genügten, um die Esse zu fällen. © SZ/Reiner Hanke

Walther Projektmanagement ist auch an der Sanierung des früheren Kulturhauses - dem jetzigen Rödersaal - beteiligt. Dass es in der Stadt auch interessante Industrieobjekte gibt, entging den Sanierern nicht: „Außerdem sehen wir in Großröhrsdorf ein großes Entwicklungspotenzial. Wir sind von der Zukunft des Standortes überzeugt“, erklärt Eiko Großmann.

So kommt jetzt die nächste Investition, auch wenn es vielleicht nicht die Liebe auf den ersten Blick zu dem Fabrikkomplex war. Die alte Bandweberei sei ein ortsprägendes Gebäude, so Eiko Großmann, ein Industriebau mit Charme.

Die Sprengaktionl wurde auf Video festgehalten.
Die Sprengaktionl wurde auf Video festgehalten. © Matthias Schumann

Eine Reihe Anbauten unter anderem aus DDR-Zeiten wurde bereits abgerissen, zum Beispiel eine Scheune, Unterstände, eine Lagerhalle. Ein Garagenbau folge noch. Der Abriss schaffte den nötigen Freiraum, um jetzt den Schornstein sicher flachlegen zu können. Durch den Abriss der Anbauten werde zugleich die ursprüngliche Fassade der historisch wertvollen Gebäude wieder hergestellt werden können, erklärt Architektin Ute Markscheffel und spricht von einem "coolen Objekt".

Sie kann schon Einblick in die Pläne geben. Die denkmalgeschützen, historischen Gebäude auf dem Areal sind zwischen 1830 und den 1930er-Jahren entstanden und werden erhalten. Dazu habe es bereits Gespräche mit dem Denkmalschutz gegeben.

In der dominierenden, stolzen Fabrikhalle sollen 24 Wohnungen entstehen, sehr hell durch die großen Fenster. Auch der historische Aufzug darin werde erhalten. In den kleineren Verwaltungs- und Fabrikgebäuden gegenüber sind weitere 15 Wohnungen geplant, teils in Reihenhauscharakter. Alle Wohnungen bekommen einen Balkon oder eine Terrasse. In der Fabrikantenvilla plant die Architektin drei Wohnungen - insgesamt entstehen also 42.

Was nach wenigen Sekunden von dem Schornstein blieb, war ein Haufen Ziegel. Bagger machten sich sofort daran, den Abraum zu beseitigen.
Was nach wenigen Sekunden von dem Schornstein blieb, war ein Haufen Ziegel. Bagger machten sich sofort daran, den Abraum zu beseitigen. © SZ/Reiner Hanke

Auf der nördlichen Abrissfläche sind dann noch Neubauten geplant, passend zur Industriearchitektur, erklärt Eiko Großmann. Dort sei man aber noch in der Ideenfindung. Es könne auch nicht alles zugebaut werden. Platz für Grünanlagen müsse bleiben. An Pkw-Stellplätze, eventuell als Tiefgarage, sei ebenfalls zu denken. Los gehe es mit der Sanierung und dem Umbau des großen Fabrikgebäudes.

Die Wohnungen dort seien schon weitgehend verkauft. Für die künftigen Bewohner werde ein kleiner Park auf dem etwa einen Hektar großen Areal hergerichtet, kündigt Eiko Großmann an.

Die Fabrikantin noch gekannt

Es werde erneut ein Projekt von mehreren Millionen Euro, wie schon beim Lehrlingswohnheim. Er habe die frühere Fabrikantin Annegret Schöne – inzwischen verstorben - selbst noch erlebt, so Großmann. Eine Frau voller Energie und Esprit, erinnert er sich. Sie habe ihn noch selbst durchs Gebäude geführt, sich über das Interesse an ihrer Fabrik gefreut und das Wohnprojekt unterstützt. Eine sinnvolle Nutzung sei ihr wichtig gewesen. Nach ihrem Tod sei der Kauf dann mit den Erben abgeschlossen worden.

Die Geschichte der Firma J. G. Schöne geht bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts. Sicherheitsgurte für die Autoindustrie, Gurte für Rollläden und für Blutdruckmessgeräte, auch Armeekoppel gehörten zu den Produkten.

Wenige Augenblicke nach 13 Uhr war der 30 Meter hohe Schornstein Geschichte. Schaulustige verfolgten das Spektakel.
Wenige Augenblicke nach 13 Uhr war der 30 Meter hohe Schornstein Geschichte. Schaulustige verfolgten das Spektakel. © Matthias Schumann

Noch bis ins Jahr 2013 lief die Produktion. Die stellte Besitzerin Annegret Schöne schließlich ein, aus Altersgründen – ein Nachfolger war nicht in Sicht, auch wegen des Personalmangels.

Zum Tag des Denkmals 2014 durften die Webstühle für Besucher noch einmal rattern. Im Vorjahr hatten Mitglieder des Vereins des Technischen Museums der Bandweberei noch Gelegenheit, historische Stücke zu sichern, auch eine Maschine aus dem historischen Websaal. Zum Tag des Denkmals sprach die inzwischen verstorbene Annegret Schöne damals über ihre große Sorge: „Es wäre bitter, wenn die Fabrik verfällt.“ Die Gefahr ist gebannt: Als Wohnpark soll nun neues Leben in die alten Hallen kommen.

Die nächste Esse wartet schon

Die Sprengung ebnete wieder ein Stück des Wegs. Eine Reihe Schaulustiger verfolgte das Spektakel, wie Michael Köhler mit seinem Enkel Matteo. Köhlers Vater hat früher in der Fabrik als Meister gearbeitet.

"Das ging aber flott", meinte der Opa, nachdem der Schornstein gefallen war. Zum Glück hat Matteo alles auf Video festgehalten, während es durch die Zuschauer raunte: "So schnell konnte man gar nicht gucken." Für die Sprengmeister Manfred Küchler und Christoph Oswald war alles glatt gelaufen und die Esse optimal gefallen. Es war genau die 458. Und vielleicht wird ja auch noch die 500 voll. Fest steht schon: Demnächst kommt ein Schornstein im Großröhrsdorfer Ortsteil Bretnig an die Reihe.

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