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Kamenz: Ist der Hutberg-Wald noch zu retten?

Stürme, Borkenkäfer und Trockenheit machen den Bäumen zu schaffen. Die Stadt kämpft um die historische Anlage - und arbeitet dabei so wie einst der Schöpfer.

Die Kamenzer Stadtgärtnerei kämpft auf dem Hutberg gegen Trockenheit, Sturmschäden und Borkenkäfer. Mitarbeiter Lukas Köhler pflanzte jetzt neue Rhododendren.
Die Kamenzer Stadtgärtnerei kämpft auf dem Hutberg gegen Trockenheit, Sturmschäden und Borkenkäfer. Mitarbeiter Lukas Köhler pflanzte jetzt neue Rhododendren. © Matthias Schumann

Kamenz. Nach Kyrill war Manuela Rutkowsky die Erste im Wald. Und nach den Stürmen 2017 und 2018 ebenfalls. Die hießen Herbert und Frederike, waren aber keinen Deut gefälliger.  "Ich wollte immer erst einmal  alles auf mich allein wirken lassen", sagt die Chefin der Kamenzer Stadtgärtnerei. Das seien Naturereignisse gewesen, von denen sich der Hutbergwald bis jetzt nicht ganz erholt habe. Hinzu kam der Borkenkäfer, welcher sich auf den umgestürzten Bäumen niederließ. "Und die anhaltende Trockenheit  im dritten Jahr erledigte den Rest", sagt Manuela Rutkowsky. 

"Dem Hutberg geht es schlecht", so die 48-Jährige. Das könne man nicht verleugnen, aber etwas dagegen tun.  "Wir versuchen seit 13 Jahren, die historische Parkanlage durch ein ausgeklügeltes Konzept auf Kurs zu bringen. Dazu arbeiten wir als Stadtgärtnerei mit der Landschaftsarchitektin Christine Tenne zusammen. Vieles ist uns gelungen, aber es gibt Rückschläge und natürliche Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind", sagt die Fachfrau. 

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Trockenheit und Borkenkäfer - eine gefährliche Mischung, so wie vielerorts auch im Kamenzer Hutbergwald.
Trockenheit und Borkenkäfer - eine gefährliche Mischung, so wie vielerorts auch im Kamenzer Hutbergwald. © Matthias Schumann

"Blauer Wald" von Wilhelm Weiße nicht mehr zu retten

Der so genannte "Blaue Wald"  zum Beispiel sei wahrscheinlich nicht mehr zu retten. "Die dort zum großen Teil angepflanzte Blaufichte ist mittlerweile kein geeigneter Baum mehr für Mitteldeutschland", so Manuela Rutkowsky. Auf einer 30 Jahre alten Luftaufnahme sticht die Farbe noch ins Auge. "Das Foto hängt in meinem Büro, aber wenn wir heute eine Drohne drüber fliegen lassen würde, wäre alles braun", ist sich Manuela Rutkowsky sicher.

Als der Schöpfer der Hutberg-Anlage vor 127 Jahren die  Pflanzung vornahm, konnte er diese Entwicklung nicht erahnen. Wie vieles andere auch nicht. Doch Wilhelm Weiße wollte lernen und war experimentierfreudig. Er kaufte die große Fläche auf dem Hutberg schon 1893 mit dem Hintergrund, botanische Forschungen vorzunehmen.

"Ihm verdanken wir die Artenvielfalt, die man hier vorfindet", weiß Heidrun Pallmann, Vorsitzende des Hutberg-Fördervereines. Die ehemalige Chefin der Stadtgärtnerei gibt noch mit 74 Jahren alles für "ihren" Berg und ist an diesem Morgen bei der Besprechung mit der Landschaftsarchitektin vor Ort. 

Neues Pflanzquartier ist gerade in Arbeit

Gerade sind zwei Hand voll Mitarbeiter auf dem Berg im Einsatz. Jetzt im Herbst ist Pflanzzeit. "Wir haben in den letzten Jahren vor allem gegen die zunehmende Verwilderung der Quartiere angekämpft", sagt Landschaftsarchitektin Christine Tenne. "Wenn wir hier nichts tun, geht der komplette Charakter der historischen Parkanlage verloren", weiß sie. Das historische Vorbild von Wilhelm Weiße stehe im Fokus der Bemühungen.  

Jährlich besuchen Tausende Gäste aus Nah und Fern den Hutberg, vor allem wenn die Rhododendren in voller Blüte stehen. In diesem Jahr spielte Corona und die Lust, im eigenen Land zu verreisen, Kamenz bei der touristischen Vermarktung zusätzlich in die Karten. Viele kamen wegen der exotischen Gewächse, wegen seltenen Riesenlebens- und Mammutbäumen oder Kaukasischen Fichten. Diese im Notfall wegen Krankheitsbefall oder Dürre fällen zu müssen, schmerzt doppelt.  

Wer regelmäßig herkommt, erkennt die Bemühungen von Stadt, Kommunalen Diensten und Verein an. "Die meisten äußern sich lobend, doch es gibt auch kritische Stimmen. Wenn über 150 Jahre alte Rhododendren vertrocknen, weil wir einfach nicht den kompletten Berg gießen können, dann fällt das auf." Schnell landet so ein Foto in den sozialen Medien. Und dann werde ohne Fachwissen diskutiert.

Dabei werde kontinuierlich an der Anlage gearbeitet. Ganze Wiesen wurden auch 2020 vom Wildwuchs befreit. Brombeeren, Holunder und Ahorn machen sich schnell breit. "Hier wurde vieles geschafft, wir haben neuen Rasen angesät, der nun mit Technik bearbeitet werden kann", so Christine Tenne. Und auf einer frei gewordenen Fläche im unteren Bereich  werden dieser Tage Rhododendren, Azaleen, Berglorbeer und Lavendelheide in die Erde gebracht. Und auch schon mal ein junger Eichenbaum. Dafür wurden Terrassen angelegt, damit der wenige Regen nicht sofort abläuft. Das Geld dafür floss aus über 9.000 Euro Spenden, um die der Förderverein 2018 öffentlich gebeten hatte, und die durch Firmen, aber auch Privatleute zusammen kamen. 

167.000 Euro flossen 2019 in die Parkanlage

Seit 2003 ist Manuela Rutkowsky bei den Kommunalen Diensten Kamenz beschäftigt.  Anpacken lautet ihr Motto, und das gibt sie an ihre fast 30 Mitarbeiter weiter. Die Truppe funktioniert gut. Das muss sie auch, denn die Stadt Kamenz hat bei der Pflege ihrer Parks und Anlagen einiges zu leisten. Außerdem wollen mittlerweile 19 Ortsteile gepflegt sein.

Im Mittelpunkt steht aber der Hutberg. Allein hier gilt es jährlich, 24 Hektar Fläche zu bewirtschaften und zu unterhalten. Im letzten Jahr investierte die Stadt rund 140.000 Euro in die Unterhaltung der Anlage, zuzüglich 27.000 Euro für die Rekonstruktion der alten Pflanzquartiere. "Neues wird ausprobiert, aber wir erhalten auf jeden Fall das, was erhaltenswert ist", so Manuela Rutkowsky. "Wir sind genau wie Wilhelm Weiße damals Forscher. Manchmal geht Probieren vor Studieren!"  

Die Chefin der Stadtgärtnerei, Manuela Rutkowsky (l.), trifft sich regelmäßig mit Landschaftsarchitektin Christine Tenne (M.) und Heidrun Pallmann vom Hutberg-Förderverein.
Die Chefin der Stadtgärtnerei, Manuela Rutkowsky (l.), trifft sich regelmäßig mit Landschaftsarchitektin Christine Tenne (M.) und Heidrun Pallmann vom Hutberg-Förderverein. © Matthias Schumann

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