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"Ich war noch nie schlank!"

Sandra Schlenkrich aus Kamenz ist stark übergewichtig. Sie steht dazu und will trotzdem etwas ändern. Zusammen mit anderen, denen es ähnlich geht.

Sandra Schlenkrich hat eine Selbsthilfegruppe für Übergewichtige gegründet. Bis jetzt gibt es 14 Mitglieder, die sich regelmäßig einmal pro Monat in Kamenz treffen, außer in Corona-Zeiten.
Sandra Schlenkrich hat eine Selbsthilfegruppe für Übergewichtige gegründet. Bis jetzt gibt es 14 Mitglieder, die sich regelmäßig einmal pro Monat in Kamenz treffen, außer in Corona-Zeiten. © Matthias Schumann

Kamenz / Landkreis. "Kind, iss doch mal auf! Dann wird schönes Wetter!" Sandra Schlenkrich erinnert sich gut an solche Worte. Und das Kind hat gegessen, hat sich verwöhnen lassen von den Eltern und der lieben Oma. "Ich war noch nie schlank", sagt die heute 36-Jährige. Sie kennt die Demütigungen, die Hänselei auf dem Schulhof. Dicke Tilla, Moppel - das waren noch die feinsten Schimpfworte, die sie zu hören bekam.

Mit zwölf Jahren maß erstmals ein Arzt ihren Halsumfang und stellte fest, dass sie adipös sei. "Seitdem hat mir jeder Arzt, bei dem ich war, gesagt, dass ich dringend abnehmen muss. Aber nie sagte einer konkret, wie das gehen soll", erzählt die junge Mutter.

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In Hoch-Zeiten wog Sandra Schlenkrich 129 Kilo. Hinter sich hatte sie da schon unzählige Diäten und verzweifelte Abnehmversuche. "Ich habe alles probiert - vom Detlef-D.-Soost-Programm bis zur einfachen Trennkost. Aber es wurde immer mehr", sagt sie. Trotz Sport - sie spielte aktiv Fußball und Handball - und trotz scheinbar gesunder Ernährung. Und mit den Kilos wuchs der Frust.

Wegen Corona Treffen nur online oder am Telefon

Trotzdem wurde aus ihr eine selbstbewusste Frau, die genau weiß, was sie will. Und was nicht. "Ich bin adipös und stehe dazu", sagt die Kamenzerin, die als Kundenberaterin bei einer großen Krankenkasse arbeitet. Beim Body-Mass-Index wird man in Kategorien eingestuft. Sandra Schlenkrichs Botschaft lautet: "Steckt die Menschen nicht immer in Schubladen! Wir stopfen uns doch nicht aus Langeweile voll!"

Vor ein paar Monaten gründete sie die Selbsthilfegruppe "Adipositas Westlausitz", um aufzuklären und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Drei Hand voll Betroffener von 30 bis 80 Jahre stehen seitdem miteinander im engen Kontakt. In den letzten Wochen online oder telefonisch, denn Corona bremst alles aus. "Wir haben aber viel zusammen geredet, Erfahrungen ausgetauscht, manchmal einfach nur ein gesundes Rezept", erzählt Sandra Schlenkrich. Es sei eine prima Runde, die sich vergrößern soll. Die ersten Schritte sind gemacht.

Adipositas erst seit Juli als Krankheit anerkannt

Einen wichtigen Schritt machte in diesem Sommer auch die Politik in Deutschland: Am 3. Juli erkannte der Bundestag Adipositas als Krankheit an. Weil das bisher eben nicht der Fall war, gab es ein Problem bei der Erstattung der Therapie durch die Krankenkassen. Adipositas ist aber nachweisbar eine der Hauptursachen von Diabetes. Dieser Fakt half am Ende im Kampf um die Anerkennung. "Die Anerkennung durch die Politik ist für uns Betroffene noch viel mehr: Es wird anerkannt, dass wir bislang stigmatisiert wurden", sagt Sandra Schlenkrich.

Erstmals im Leben ernst genommen worden

Auf die Idee mit der Selbsthilfegruppe kam sie, als sie im Herbst 2019 aus dem Adipositas-Zentrum der Helios Weißeritztal-Kliniken nach Hause kam. "Erstmals in meinem Leben haben mir Ärzte zugehört, mich ernstgenommen und mit mir gemeinsam nach Lösungen gesucht", sagt sie.

Eine Woche lang wurde die 36-Jährige durchgecheckt, Organe wurden untersucht, ein Bauch-Ultraschall veranlasst. "Wir bekamen Ernährungsberatung, haben auch in Gruppen gearbeitet", erzählt sie. Da saßen Männer und Frauen mit bis 180 Kilogramm am Tisch. Zwei Kilo und um großes Herzdrücken leichter kam Schlenkrich nach der Woche nach Hause. Mittlerweile sind es 15,5 Kilogramm weniger!

Mit solchen Karten wirbt das bundesweite Netzwerk der Adipositas-Selbsthilfegruppen für sich und seine Themen.
Mit solchen Karten wirbt das bundesweite Netzwerk der Adipositas-Selbsthilfegruppen für sich und seine Themen. © Ina Förster

"Ich merkte, dass die Gruppenarbeit mir gut tat. Und ich wollte das weiterhin haben - das gegenseitige Mutzusprechen und auch mal gemeinsam lachen zu können", sagt Sandra Schlenkrich. Tränen trocknen im Team besser. So machte sie Nägel mit Köpfen und fragte sich durch, wie man eine Selbsthilfegruppe gründet.

Mittlerweile ist alles in Sack und Tüten, hat die Gruppe eine eigene Homepage, ein Bankkonto, Aussicht auf Förderung und viele Mitstreiter. Und auch viele Ideen, was man nach Corona alles gemeinsam anstellen möchte - Walking-Kurse, Ernährungsberatung, Ausflüge und Vorträge.

Weg zum eigenen Nachwuchs war schwierig

Sandra Schlenkrich tut diese Arbeit gut. Sie möchte aber keine Schuld abwälzen, sagt sie. Nicht auf die Eltern, die das übergewichtige Mädchen vielleicht einst hätten bremsen können. Auch nicht auf die Oma, die ihre Liebe mit Keksen und Limonade krönte. "Ich kann das niemanden in die Schuhe schieben", sagt Sandra Schlenkrich. Und doch schaut sie gerade bei ihrem Kind nun genau hin.

Lukas liegt in seinem Bettchen. Die Arme ausgebreitet und entspannt. Er ist vier Monate alt und gesund und munter. Nur seine Mama hatte eine Schwangerschafts-Diabetes. Viele Jahre hatten ihr Mann Marcus und sie es probiert mit dem Nachwuchs. Bis in die Kinderwunschklinik hat sie die Sehnsucht danach geführt. Auch dort stand als Erstes die Forderung im Raum: Sie müssen abnehmen!

"Das Thema Adipositas wird nicht plötzlich verschwinden, es ist immer präsent. Aber ich will ein normales Leben haben. Und ein Uhu sein - unter hundert Kilo", sagt Sandra Schlenkrich lachend.

Kontakt zur SHG "Kügelchen": Mail: [email protected] Telefon: 0162 6360191, Sandra Schlenkrich, www.shg-adipositas-westlausitz.de

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