merken
PLUS Kamenz

In einer Woche zur Eisbaderin

Die kalte Dusche am Morgen ist für SZ-Autorin Ina Förster aus Kamenz okay. Doch da geht noch mehr: Abtauchen im 1,5 Grad kalten Steinbruch.

Gequältes Lachen: Im Moment des Innehaltens unter Wasser tut alles weh, doch ein bisschen Posen für den Fotografen muss sein: Reporterin Ina Förster und Reiki-Meister Jens Würtenberger aus Kamenz im Steinbruch Luise in Haselbachtal.
Gequältes Lachen: Im Moment des Innehaltens unter Wasser tut alles weh, doch ein bisschen Posen für den Fotografen muss sein: Reporterin Ina Förster und Reiki-Meister Jens Würtenberger aus Kamenz im Steinbruch Luise in Haselbachtal. © Matthias Schumann

Kamenz/Haselbachtal. Baden Mitte Januar im Steinbruch? Geht! Mit ein bisschen Ehrgeiz und Neugier sowieso. Beides habe ich. Die Kälte zieht mich magisch an. Schon länger. Auch wenn ich Skifahren und Winterurlaub nicht mag.

Dafür dusche ich seit über einem Jahr morgens kalt. Nicht nur paar Sekunden und nicht furzlau, sondern Hardcore, was die städtische Wasserleitung hergibt. Es ist kein Hechten von Tropfen zu Tropfen, vielmehr ein Ausharren für ein paar Minuten. Wer einmal den Kältekick hatte, der braucht ihn wieder. Ein Morgen ohne Ritual ist kein guter Morgen.

Küchen-Profi-Center Hülsbusch
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!

Schon Goethe wusste: Essen soll zuerst das Auge erfassen und dann den Magen. Das gelingt besonders gut in einer schicken neuen Küche. Jetzt zum Küchen-Profi-Center Hülsbusch und sich beraten lassen.

Schon lange kein Warmduscher mehr

Während sich mein Mann vor Grausen beim bloßen Anblick schüttelt, ziehe ich durch. Warum? Es ist meine Art, etwas für meine Gesundheit zu tun. Ich bin nicht sportlich, kein Bewegungsmensch, der Schritte zählt und Fitness-Runden mit der Community teilt. Ich stehe kurz vor der 50 und weiß, dass ich mit meiner chronischen Schilddrüsenentzündung, Übergewicht und einsetzenden Wehwehchen etwas tun sollte.

Als ich Jens Würtenberger aus Kamenz auf Facebook sehe, wie er fröhlich mit Badehose und Pudelmütze in den Steinbruch Luise im Haselbachtal steigt, möchte ich über ihn schreiben. Über das Hobby des Eisbadens. Oder ist es eher eine Philosophie?

Aus meiner Anfrage wird ein Treffen, aus dem Treffen die Idee eines Selbsttestes. "Über mich wurde schon paar mal berichtet. Das machen wir jetzt anders, und du gehst baden", sagt Jens Würtenberger. "Und ich mache dich mit der Wim-Hof-Atemtechnik vertraut. Die kannst du so oder so gebrauchen."

Vor dem Eisbaden kommt das richtige Atmen. Nach der Methode des Niederländers Wim Hof trainierte Ina Förster zusammen mit Jens Würtenberger.
Vor dem Eisbaden kommt das richtige Atmen. Nach der Methode des Niederländers Wim Hof trainierte Ina Förster zusammen mit Jens Würtenberger. © Matthias Schumann

Ich schlucke kurz. Doch das Geprotze über meine morgendliche Meisterleistung lässt sich nicht zurücknehmen. Was soll passieren? Dümmer werde ich nicht. Vielleicht mache ich keine gute Figur, aber diese Überlegung ist schnell unter "egal" abgelegt. "Mädel, du wirst 50. Stehe zu dir. Hier geht's um deinen inneren Schweinhund", rede ich mir ein.

Wim Hof - zuerst habe ich gar nicht verstanden, was Jens von mir will. Doch er schickt mir Material zu. Ich lese, höre und staune mich ein in die anfangs absurd erscheinende Welt des Niederländers. Dieser Typ hält allein 26 Kälte-Rekorde.

Ein paar Aufwärmübungen müssen sein, vorzugsweise in der Phase des Luftanhaltens.
Ein paar Aufwärmübungen müssen sein, vorzugsweise in der Phase des Luftanhaltens. © Matthias Schumann

Lediglich in Schlüppis und Schuhen auf den Kilimandscharo, ein Marathon am Polarkreis? Kein Ding für Wim Hof. Fast zwei Stunden im Eisbad unter Dauerbeobachtung von Medien und Ärzten - nur einer seiner Rekorde. Hitze kann er auch: Ein Marathon führte ihn durch die Wüste Namib, ohne einen Tropfen zu trinken. Der Mann ist ein kleines Wunder! Er selbst sieht das gar nicht so - und ist überzeugt, dass jeder Mensch ähnliche Fähigkeiten entwickeln könne, soweit er sich darauf einlasse.

Auch Jens Würtenberger liebt das Eisbaden. Sonntags trifft er sich mit Gleichgesinnten am Steinbruch. Sie nennen sich die "Eis-Diele".
Auch Jens Würtenberger liebt das Eisbaden. Sonntags trifft er sich mit Gleichgesinnten am Steinbruch. Sie nennen sich die "Eis-Diele". © Matthias Schumann

Jens Würtenberger, der als Reiki-Meister praktiziert, denkt das auch. Und er will es mir beweisen. Wir treffen uns, reden über sein Leben, Berufung, Sport. In der Triathlonstaffel des OSSV Kamenz nimmt er den Schwimmpart ein. Dabei ärgerte ihn, dass er so kälteempfindlich war. Er suchte nach Übungen, um das gelassener zu sehen. So stieß er auf Wim Hof.

Eigentlich ist Jens Würtenberger Finanzberater. Aber Reiki ist sein Herzensding. Seit Jahren hilft er Menschen, körperliche und seelische Blockaden aufzulösen, Heilungshindernisse zu finden sowie Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Er selbst war 2005 schwer an Neurodermitis erkrankt und fand über die alternative Methode Heilung. Diese Erfahrung wollte er weiter geben, so ließ er sich ausbilden.

Vor dem Eisbaden am Steinbruch Luise im Haselbachtal muss erst einmal das Eis aufgeklopft werden. Am Test-Badetag hatte das Wasser nur 1,5 Grad Celsius.
Vor dem Eisbaden am Steinbruch Luise im Haselbachtal muss erst einmal das Eis aufgeklopft werden. Am Test-Badetag hatte das Wasser nur 1,5 Grad Celsius. © Matthias Schumann

Die Kälte passt in sein Konzept. Jens Würtenberger bringt mir Wim Hofs Atemmethode bei. Sie ist simpel. Als Ungeübter sollte man sich dazu hinlegen oder -setzen. Man atmet 30-mal tief ein und aus, ohne Unterbrechung. Mit dem 30. Ausatmen hält man den Atem im ausgeatmeten Zustand an, solange bis der Atemreflex einsetzt. Anschließend noch einmal tief einatmen und 15 Sekunden so verharren. Das Ganze dreimal wiederholen. Früh und abends.

Ich bin beim ersten Mal aufgeregt, muss schnell nach Luft japsen. Doch schon nach ein paar Tagen Training schaffe ich es, den Atem anderthalb Minuten anzuhalten. 21 Tage soll ich das Ritual wiederholen. Dann verfestigt es sich. Mir geht es nach ein paar Tagen gut wie lange nicht.

Nach dem Eisbaden gibt's Glücksgefühle gratis. Coach Jens Würtenberger hatte SZ-Autorin Ina Förster zuvor nicht zu viel versprochen.
Nach dem Eisbaden gibt's Glücksgefühle gratis. Coach Jens Würtenberger hatte SZ-Autorin Ina Förster zuvor nicht zu viel versprochen. © Matthias Schumann

Weil draußen unterdessen der Schnee der letzten Wochen wegtaut, beschleunigen wir das Projekt. "Da du so lange kalt duschst, kriegen wir das hin", sagt Jens Würtenberger. Schon nach einer Woche fahren wir an den Steinbruch. Wir atmen - eingehüllt in warme Sachen. Während wir die Luft anhalten, mache ich Kniebeuge. Und er ganz schön viele Liegestütze. Das Infrarot-Thermometer zeigt 1,5 Grad. Der Steinbruch ist teils zugefroren.

Dann geht alles schnell. "Wir wollen ja nicht auskühlen", sagt Jens lachend und entledigt sich der Sachen. Ich kann nicht kneifen. Da drüben steht der Fotograf und grinst. Badeanzug, Latschen und Pudelmütze - das muss reichen. Während ich bis zu den Waden im Eiswasser stehe und mir ein jäher Schmerz durch die Beine fährt, hackt Jens die Eisschollen auf. Es geht los.

Schnelles Abtrocknen und Anziehen sind wichtig. Denn auch wenn die Durchblutung prima klappt, kühlt man bei den winterlichen Temperaturen schnell aus.
Schnelles Abtrocknen und Anziehen sind wichtig. Denn auch wenn die Durchblutung prima klappt, kühlt man bei den winterlichen Temperaturen schnell aus. © Matthias Schumann

Auf Drei tauchen wir unter. Bis zum Hals. Jens lacht, ich verziehe das Gesicht. Wir haben uns eine Minute unter Wasser vorgenommen. In dieser Zeit müssen alle Beweisfotos werden. Doch der Fotograf wechselt erst einmal in Ruhe das Objektiv...

Die Kälte tut weh. Die Gefäße in der Haut verengen sich, und die Blutbahnen im Körperinneren weiten sich, damit der Körper seine Kerntemperatur halten kann. Und die Kälte lähmt, auch das Hirn. Ich möchte jetzt nicht viel sagen. Das kommt selten vor. Mein Herz klopft laut in der Brust. "Das Schlimmste ist vorbei, gleich wird's besser", sagt Jens mantramäßig. "Genieße es!" Ich lache gequält fürs Foto. Dann darf ich raus.

Was folgt, ist der Hammer. Alles, was an guten Hormonen unterwegs ist, will raus. Der Körper reagiert. Auf die Extremsituation folgen Glücksgefühle und Energie. "Du wirst heute das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen", sagt mein Coach. Und es stimmt. Was bleibt, ist auch nach Tagen ein positives Gefühl. Eisbaden ist kein Hexenwerk. Und Jens Würtenberger hat eine Mission: Genau das anderen Menschen zu beweisen. Die hat er einmal mehr erfüllt.

Gut gemacht fürs erste Mal! So kommentiert Sportler, Reiki-Meister und Wim-Hof-Fan Jens Würtenberger den Eisbade-Test von SZ-Autorin Ina Förster.
Gut gemacht fürs erste Mal! So kommentiert Sportler, Reiki-Meister und Wim-Hof-Fan Jens Würtenberger den Eisbade-Test von SZ-Autorin Ina Förster. © Matthias Schumann

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zum kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz