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Julias Neustart in Kamenz

Schwanger mit 15. In einer Wohngruppe bekommt eine junge Frau Hilfe. Mit 18 zieht sie aus. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen folgt. Und doch ist sie zuversichtlich.

Von Reiner Hanke
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Mama Julia und der dreijährige Finn. Die 19-jährige Mutti hat sich mit ihrer kleinen Familie hübsch eingerichtet. Ihr Start war schwierig.
Mama Julia und der dreijährige Finn. Die 19-jährige Mutti hat sich mit ihrer kleinen Familie hübsch eingerichtet. Ihr Start war schwierig. © Matthias Schumann

Kamenz. Im Kinderzimmer hat es gerade zwischen mehreren Autos und zwei Dinos ordentlich im Verkehr gekracht. Das Chaos hat der dreijährige Finn angerichtet. Er muss derzeit mit Bindehautentzündung daheim bleiben. Zwillingsbruder Marlon ist noch in der Kita.

Vor gut einem Jahr lebte Mama Julia mit ihren beiden Wildfängen noch im Mutter-Kind-Projekt, bei den Kleeblattwichteln der Kamenzer Kinderarche - unterstützt von den Erzieherinnen. Damals hatte die junge Frau eine schwierige Zeit hinter sich, mit 15 schwanger, Probleme mit Eltern, Schule, Polizei.

Die Schwangerschaft habe sie gerettet, sagte Julia damals. Das Mädchen schloss die Schule ab, und fand wieder zurück in ein geordnetes Leben. Das sollte inzwischen neue Wendungen nehmen.

Voll eingespannt im Pflegebetrieb

Vor einem Jahr saß Julia am Ende der behüteten Kinderarche-Zeit auf gepackten Koffern, um das Leben künftig allein in die Hände zu nehmen: Mit dem Start in eine Ausbildung als Krankenpflegehelferin und mit einer kleinen Wohnung auf der Kamenzer Macherstraße. Von der schwärmte sie damals und der weißen lackierten Wohnwand mit LED-Beleuchtung. Zwar gebraucht, wie das Sofa. Aber schick, findet sie auch heute noch.

Heute mit 19 Jahren sagt Julia rückblickend: „Die Lage ist gut.“ Das war sie seit dem Herbst 2020 nicht immer. Hinter der jungen alleinstehenden Mutter liegen Höhen und Tiefen.

So kam einiges zusammen: der eigene Haushalt, die Kinder, die Ausbildung zur Krankenpflegehelferin und dann auch noch Knie-Probleme und eine Operation. Das sei ihr am Ende doch über den Kopf gewachsen.

Nach dem Umzug kam einiges zusammen

Die Komplikationen habe nicht die schulische Ausbildung gebracht, sondern die Arbeit im Praxisbetrieb. Die sei eben nur als Fulltime-Job möglich gewesen, voll eingespannt im Pflegebetrieb. Teilzeit wäre die Lösung gewesen, sagt Julia. Dann hätte sich alles besser aufeinander abstimmen lassen. Das sei leider nicht möglich gewesen.

„Es war einfach kein Leben mehr, ich habe mich in dem Dauerstress nicht mehr als Mensch gefühlt.“ Von früh um Fünf bis zu den Schulaufgaben spätabends - der Haushalt, die Kinder. Sie sei kaputt ins Bett gefallen. Dazu die Knie-OP. Natürlich habe Sie Unterstützung durch die Eltern bekommen. Die hätten auch gesagt, du schaffst das. Sie sei aber nervlich am Ende gewesen. Die Kinder seien zu kurz gekommen.

"Eine tolle Mama"

Die Eltern, auch die väterlicherseits, habe sie nach wie vor an ihrer Seite. Dazu der Kumpel und die Freundin. Die bescheinigt ihr: Julia sei eine tolle Mama. Alle unterstützten sie.

Eine Familienhelferin vom Jugendamt ebenfalls. Das hat einen Plan mit ihr vereinbart und Ziele. „Die werden jetzt abgearbeitet.“ Insbesondere auch in der Kindererziehung. Das hatte wohl auch die Kita angemahnt.

Die Jungs seien schwer zu bändigen. Sie müsse konsequenter in der Erziehung sein, sagt die junge Mama und trotzdem liebevoll. Sie habe zu viel durchgehen lassen, sagt sie selbstkritisch. Die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen, beim Essen, waschen, Zähneputzen seien auch solche Dinge, an denen sie dran sei, versichert Julia.

Immerhin könne sie jetzt wieder ein bisschen durchatmen. Das ist nicht zu übersehen, die junge Frau lacht gern. So sei sie auch beruflich erneut durchgestartet. Eine zweite Option habe sie im Hinterkopf gehabt, Richtung Handel.

Nun sei sie im ersten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement. Die Praxis absolviert sie diesmal in der Kamenzer Firma Weinhold am Flugplatz für Feuerwehrbedarf. Arbeit, Schule, Familie seien jetzt viel besser im Einklang zu bringen.

Deshalb sei sie jetzt auch sehr optimistisch alles zu schaffen. Und zuversichtlich, die Ausbildung diesmal durchzuziehen. Die Arbeit in dem Fachhandel mache Spaß. Leider sei das Kind krank: „Ich will schnell wieder arbeiten“, sagt sie und sei dankbar für das Verständnis in der Firma für ihre Situation.

Unterstützung vom Praxisbetrieb

In der Firma ist Mitarbeiterin Stefanie Hellmann eine ihrer Ansprechpartnerinnen. Für die junge Mutter sei es natürlich gerade jetzt in dieser Corona-Situation mit den zwei kleinen Kindern nicht leicht, sagt sie.

Julia gebe sich sehr viel Mühe, schätzt Stefanie Hellmann ein und das Unternehmen gebe ihr gern die Chance, die Ausbildung zu meistern und unterstütze sie. Dazu ist Julia fest entschlossen.

Manchmal melde sie sich noch im Kleeblatt, sagt Erzieherin Kerstin Naumann. Es sei nicht einfach für Julia: "Sie sei aber immer noch eine Frohnatur, die nicht aufgibt und an ihren Zielen festhält." Natürlich seien stolz auf ihre ehemaligen Schützlinge, wenn sie sich im Leben durchboxen.

Eine wunderbare Zeit sei es im Kleeblatt gewesen, sagt Julia, ein wunderbares Team. Es habe ihr geholfen, wieder Fuß zu fassen: Julia sagt: „Sonst würde ich nicht so entspannt hier sitzen.“