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Kamenz: Chaos am Impfzentrum

Senioren mussten stundenlang bei Kälte vor der umfunktionierten Turnhalle stehen. Das sorgt für Empörung. Was die Gründe dafür waren und wie das DRK reagiert.

Über zwei Stunden mussten Senioren am vorigen Freitag in einer langen Schlange am Impfzentrum für den Kreis Bautzen in Kamenz warten.
Über zwei Stunden mussten Senioren am vorigen Freitag in einer langen Schlange am Impfzentrum für den Kreis Bautzen in Kamenz warten. © privat

Kamenz. Probleme mit großem Andrang am Impfzentrum des Landkreises Bautzen in Kamenz gab schon einmal zum Start. Dann war es ruhig, der Impfstoff und Termine ohnehin knapp. So war Achim Draeger froh, endlich einen Termin für seine hochbetagten Schwiegereltern aus Wilthen ergattert zu haben. Seit Mitte Januar habe er täglich versucht, einen Impftermin zu bekommen. Dann klappte es endlich vorigen Freitag.

Genau 12.03 und 12.54 Uhr waren die beiden über 90 Jahre alten Senioren eingeplant. Sie waren extra mit dem Taxi angereist, für über 50 Euro pro Tour. Über Pflegedienste oder die Krankenkasse sei kein Transport zu machen gewesen, so Draeger.

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Das Impfzentrum des Landkreises Bautzen befindet sich am Kamenzer Flugplatz.
Das Impfzentrum des Landkreises Bautzen befindet sich am Kamenzer Flugplatz. © Matthias Schumann

Doch was in Kamenz ablief, sei eine Katastrophe gewesen. Die über 90-jährigen Senioren empfing eine lange Schlange. Die ringelte sich von einem roten Zelt mit Security vor der umfunktionierten Turnhalle am Absperrzaun entlang. Darin befanden sich etwa 80 bis 100 Senioren, teilwiese mit ihren Begleitpersonen, berichteten die beiden Wilthener. Manche warteten wohl schon über zwei Stunden, bei vier Grad Celsius und eisigem Wind. Natürlich komme man auch nicht auf den letzten Drücker.

Er selbst wohne nicht in Sachsen, habe alles organisiert, so Draeger, sei mit den Schwiegereltern vor Ort in Kontakt gewesen: „Ich habe mir große Sorgen um ihre Gesundheit gemacht.“ Es sei dramatisch gewesen. Eine Art Campingstuhl habe man der Schwiegermutter gebracht, weil sie nicht mehr gut zu Fuß ist: „Gutgemeinte Geste, aber bei der Kälte?", so Achim Draeger.

Der Schwiegersohn ärgert sich, dass es keine Ansprechpartner gegeben habe, die sagen, wie es weitergeht. Deshalb haben die Schwiegereltern nach fast zwei Stunden das Handtuch geworfen und unverrichteter Dinge den Heimweg im Taxi angetreten: „Das ist doch nicht in Ordnung. Was wir im Zusammenhang mit der Impfaktion erleben mussten, macht sprachlos! Wir fühlen uns frustriert, hilflos und wütend.“

Weitere Beschwerden von Senioren

Ähnlich erging es Michael Ziesch, der seinen 82-jährigen Vater begleitete: „Da werden Minuten genaue Termine vergeben und dann das.“ Leute mit Gehstock, im Rollstuhl, mit Rollator – alle in der Kälte draußen. Auch er sagt: „Vom DRK ist niemand mal vor das Zentrum getreten, um die Situation zu erklären.“ Es müsste drin einen größeren Wartebereich geben. Von einem hoffnungslosen Versagen der Organisatoren schreibt Ralph Nitschke, der seine 89-jährige Mutter begleitete. Nach zwei Stunden hatte sie den lebensrettenden Pieks.

Dr. Kai Kranich ist Pressesprecher des DRK in Sachsen. Er entschuldige sich in aller Form bei den vielen Senioren: „Es tut uns sehr leid.“ Es seien Kaffee , Stühle und Decken rausgegeben worden, "aber das hat wohl auch nicht alle erreicht. Die Stimmung war angespannt", so Kranich.

Die Impfaktion sei nicht wie geplant und erhofft gelaufen. An dem Tag seien mehr Termine vereinbart worden. Tatsächlich habe das DRK auch schauen wollen, was das Impfzentrum leisten kann, wie das funktioniert. Das ging wohl nach hinten los.

Auch noch ein Systemausfall

Trotz Pannen und Stau sei an dem Tag in Kamenz mit 400 Erst- und Zweitimpfungen so viel geimpft worden, wie noch nie, stellt Kranich fest. Dazu wurden auf zwei der sogenannten Impflinien parallel Patienten aufgeklärt und immunisiert. Vier solcher Strecken – mit entsprechendem Personal - wären möglich. Bisher war in Kamenz eine Standard. Woher kam der viele Impfstoff? Das DRK räumt ein, dass in den Tagen zuvor weniger geimpft worden sei als möglich.

Möglicherweise wäre es nicht ganz so schlimm gekommen. Aber ein Ausfall des Computersystems im Impfzentrum habe den Check-in lahmgelegt. Technische Probleme verzögerten den ganzen Prozess. Die Chipkarten der Impfkandidaten konnten nicht mehr eingelesen werden. Darauf habe das DRK keinen Einfluss. Das wiederum sei Sache der Kassenärztlichen Vereinigung.

Außerdem sei der enge Takt von zwei bis sechs Minuten zwischen den Terminen nicht aufgegangen. Es habe an dem Tag einen sehr hohen Beratungsbedarf gegeben. „Natürlich sind das alles berechtigte Fragen“, so Kranich.

Das DRK müsse die Ereignisse genau analysieren und Konsequenzen ziehen, um die Logistik zu optimieren. Zum Beispiel, wie viele Ärzte gebraucht werden. Das System habe einige Schwächen gezeigt.

System wird überprüft

So könnte es effektiver sein, in allen Kabinen Aufklärungsgespräche zu führen und gleich zu impfen. Derzeit läuft die Immunisierung im Stationsbetrieb - zwei Kabinen fürs Arztgespräch, vier zum Impfen. Auch mit Decken, Stühlen, heißen Getränken sollte man für so einen Fall besser vorbereitet sein. Oder eben weniger Termine vergeben. Bis zu 1.000 Impfungen bei voller Auslastung in Kamenz, wie mal angedacht, davon sei nicht mehr auszugehen, so Kai Kranich.

Am Dienstag dieser Woche erhielten 141 Personen die Erstimpfung. An manchen Tagen seien aber auch mal nur sechs Termine vergeben worden. Nun hofft das DRK, dass am Mittwoch die nächste Lieferung an Vakzin eintrifft.

Die 34.000 avisierten Dosen, sollten schon Montag ankommen. Bleiben sie aus, werde es wieder eng mit Terminen. Dann würden nur etwa 200 Dosen für den Rest der Woche für die Erst- und Zweitimpfung in Kamenz zur Verfügung stehen: „Wir werden sehen, wie viel kommt“, sagt Kai Kranich.

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