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"Es ist deutlich, dass Corona-Impfungen etwas bringen"

Nach Schließung der Impfzentren äußert sich ein Hausarzt aus dem Haselbachtal über Erfolge, Skeptiker, politischen Druck - und dazu, was Arztpraxen jetzt erwarten.

Allgemeinmediziner Dr. David Bannert war Impfarzt im Kamenzer Impfzentrum. Als Hausarzt ist er überzeugt davon, dass jetzt die Praxen die Corona-Impfungen bewältigen können.
Allgemeinmediziner Dr. David Bannert war Impfarzt im Kamenzer Impfzentrum. Als Hausarzt ist er überzeugt davon, dass jetzt die Praxen die Corona-Impfungen bewältigen können. © René Plaul

Kamenz/Haselbachtal. Das letzte Corona-Impfzentrum in Sachsen hat Ende der Vorwoche geschlossen. Jetzt sind vor allem die Hausärzte in der Region dafür zuständig, die Immunisierung zu übernehmen. Aber können sie das überhaupt leisten? Zumal jetzt auch die Grippeschutzimpfungen beginnen.

Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Hausarzt Dr. David Bannert aus dem Haselbachtal war bereits als Impfarzt im Kamenzer Impfzentrum tätig. Im Gespräch mit Sächsische.de erklärt er, was er nun erwartet und wie er die Corona-Situation einschätzt. Derzeit ist Bannert angestellter Facharzt in der Praxis von Dr. Gabriel Wähner, gemeinsam mit Diplommedizinerin Ute Beyer. Zum Jahresende wird er den Platz von Dr. Wähner einnehmen, der in den Ruhestand geht.

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Herr Bannert, rechnen Sie mit einem Ansturm von Impfwilligen nach Schließung der Zentren?

Ich rechne derzeit nicht mit einer größeren Impf-Welle. In den Impfzentren waren zuletzt etwa 150 Menschen pro Tag. Ich denke, das wird sich auf die Praxen verteilen und gut zu bewältigen sein. Aktuell werden die Zahlen in den Praxen vielleicht auch etwas steigen, weil die Impfzentren bis zum Schluss auch noch die Erstimpfung angeboten haben. Die Leute brauchen nun noch die zweite Dosis.

Welcher Personenkreis kommt jetzt außer dem Genannten zum Impfen?

Es sind jetzt nicht mehr die Risikopatienten, sondern meist Menschen, die sich von den politischen Gegebenheiten, von den Corona-Auflagen getrieben fühlen. Sie wollen komplikationslos in den Urlaub fahren, ins Theater oder Restaurant gehen. Es sind auch meist jüngere Leute, die die Dringlichkeit, sich zu immunisieren, bisher nicht so gesehen haben und nun mit dem steigenden Druck überlegen, ob sie sich doch dafür entscheiden. Einige Unentschlossene sind schon noch in der Warteschleife.

Wie viele Patienten haben in ihrer Praxis inzwischen die Immunisierung erhalten?

Bis zu den Sommerferien hatten wir immerhin bereits rund 1.000 Patienten aus der Region geimpft und uns dabei auf die besonders Gefährdeten ab 55 Jahren konzentriert: Chronisch Kranke und Alte, die nicht so mobil sind, um ins Impfzentrum zu fahren. In Hoch-Zeiten haben 50 bis 60 Menschen wöchentlich in der Praxis geimpft. Jetzt sind es noch bis zu zwölf Patienten in der Woche.

Wie sehen Sie den Druck, der jetzt politisch auf Erwachsene ausgeübt wird, wie wird der sich auswirken?

Da bin ich gespalten. Beim Personal in so wichtigen öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Schulen oder Kitas ist das aus meiner Sicht vertretbar. Die jüngsten Entscheidungen zur Lohnfortzahlung bei Quarantäne sehe ich durchaus kritisch. Natürlich könnten sich die Menschen impfen lassen, um den finanziellen Verlust zu vermeiden.

Aber dieser Druck droht auch, die Gesellschaft zu spalten und zu verändern. Es bleibt abzuwarten, wie diese Beschlüsse in der Gesellschaft ankommen, vielleicht Unmut provozieren. Es wäre besser, diesen Druck zu vermeiden. Einige Patienten wird der Druck auch noch in die Praxis bringen. Ich selbst bin nach wie vor der Meinung: Die Impfung ist das beste Mittel, um das Virus in den Griff zu bekommen.

Warum?

Dazu braucht man sich nur die Zahlen der Impfdurchbrüche anzusehen – also Menschen, die trotz Immunisierung erkranken. Das sind bei Immunisierung mit dem Biontech-Vakzin nur 600 Menschen bei einer Million Geimpften. Dafür spricht auch die Erfahrung aus unserer Praxis. In den vergangen zwei bis drei Monaten hatten wir keinen schweren Fall mehr in der Praxis.

Leichte Fälle gibt es immer wieder, zwei ungefähr in der Woche, meist Ungeimpfte, die sich wie bei einer Grippe zu Hause auskurieren können. In der kalten Jahreszeit werden die Infektionszahlen mit Covid-19 wieder etwas steigen, aber eben nicht mehr so, dass die Krankenhauskapazität zu stark belastet wird. So ist es gut, dass die Zahl der stationär behandelten Menschen jetzt mit bei der Bewertung der Corona-Lage herangezogen wird.

Es ist deutlich ablesbar, dass die Impfungen etwas bringen. Auch bei meinen Bereitschafts- und Notarztdiensten sind momentan kaum Covid-19-Fälle zu verzeichnen gewesen, nur sehr vereinzelt, vielleicht einmal pro Woche.

Sie sprachen die Unentschlossenen an. Führen Sie auch Diskussionen?

Diskussionen gibt es nach wie vor mit dem einen oder anderen. Solche Einzelfälle wie Thrombosen oder Herzmuskelentzündungen nach Impfungen, die haben sich eingebrannt ins Gedächtnis. Da ist immer noch Aufklärungsarbeit zu leisten, um mögliche Vorbehalte aufzulösen.

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Bei dem schwankenden Teil, Patienten mit etwas Unbehagen im Bauch, ist das möglich. Zum Beispiel, wenn wir beim Gesundheitscheck der Patienten den Impfstatus überprüfen und auch die Corona-Impfung anbieten. Ungeimpfte haben das Risiko, schwer zu erkranken. Richtig ist, dass Langzeiterfahrungen noch eingeschränkt sind. Aber die Nebenwirkungen sind überschaubar. Einige lassen sich beraten, andere sagen nein. Strikte Gegner lassen sich nicht bekehren.

Wie stehen Sie zum Impfen bei Kindern?

Kinder sind weniger gefährdet, weil sie selten schwer erkranken. Eine Immunisierung sollte erfolgen, wenn sie bestimmte Vorerkrankungen haben und dadurch gefährdeter sind. Das sollte im Einzelfall besprochen werden. Für eine flächendeckende Impfung bei nicht vorbelasteten Kindern würde ich mir eine breitere Langzeitbetrachtung wünschen.

Wann geht es mit den Booster-Impfungen los?

Im Grunde jetzt. Ich rechne damit, dass in den nächsten Monaten mehr Menschen die Booster-Impfung nutzen. Gerade für die Älteren und chronisch Kranken, die schon am Jahresanfang immunisiert wurden, wäre es dann an der Zeit. Wir sprechen die Patienten direkt an. Ich schätze, dass es zwischen 300 und 400 Patienten sind allein in unserer Praxis, die für eine Auffrischung infrage kommen. Es ist die Gruppe ab 70 Jahren, auch chronisch Kranke oder Menschen mit Immunschwäche.

Die Zeit der Infekte beginnt jetzt – nicht nur mit Corona – wie gehen Sie damit um?

Derzeit haben wir deutlich mehr andere Infektionen als Corona-Kranke. Am besten ist es, mit den Anzeichen für einen Infekt, immer vorher anzurufen. Dann bestellen wir die Patienten zur Infektionssprechstunde. Die Symptome sind ja ähnlich: Gliederschmerzen, Fieber, Husten, Schnupfen, Heiserkeit. So ist der Umgang in der Praxis leichter. Alle Patienten mit den Symptomen müssen getestet werden. Derzeit ist etwa ein Corona-Fall unter 20 Getesteten.

Kann die Covid-Impfung mit der Grippeimpfung kombiniert werden?

Das ist möglich. Wer es wünscht, kann eine Impfungen in den linken und eine in den rechten Arm bekommen. Wir können aber auch zwei Termine vereinbaren. Ich erwarte gerade bei den Booster-Impfungen keine großen Nebenwirkungen. Abzuwarten bleibt, wie die Interaktion der beiden Vakzine ausfällt.

Wie kommen die Patienten zu ihrem Termin?

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