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Katholische Pfarrei feiert 150. Jubiläum, ist aber viel älter

Kamenzer mit katholischem Glauben hatten es im Lauf der Stadtgeschichte nicht leicht. Zeitweise durften sie gar nicht hier leben. Vor 150 Jahren kam die Wende.

Jörg Bäuerle (l.) ist Mitglied im Ortskirchenrat und hält anlässlich des Jubiläums zwei Vorträge zur Geschichte der katholischen Pfarrei bis 1871. Uwe Peukert ist seit 2020 katholischer Pfarrer in Kamenz.
Jörg Bäuerle (l.) ist Mitglied im Ortskirchenrat und hält anlässlich des Jubiläums zwei Vorträge zur Geschichte der katholischen Pfarrei bis 1871. Uwe Peukert ist seit 2020 katholischer Pfarrer in Kamenz. © Matthias Schumann

Kamenz. Eigentlich ist die katholische Kamenzer Pfarrei schon älter als 800 Jahre. Und damit fast älter als die Stadt überhaupt. Das sagt Jörg Bäuerle, der Mitglied im Ortskirchenrat ist und sich mit der Kirchen-Historie in jüngster Zeit intensiv beschäftigt hat. Dieser Tage jährt sich trotzdem erst das 150. Jubiläum der katholischen Kirchgemeinde, wie man sie heute kennt. Genau am 8. Oktober 1871 wurde nämlich der erste Pfarr-Administrator wieder in seinen Dienst eingeführt. Seit 1565 hatte es keinen mehr gegeben vor Ort.

Das denkwürdige Ereignis wird zum Anlass genommen, eine kleine Ausstellung im Rathaus-Foyer aufzubauen. In zahlreichen Vitrinen werden ab dem 5. Oktober historische Aufzeichnungen sowie zahlreiche Utensilien gezeigt. Darunter auch ein Messgewand, eine Prozessionsfahne und verschiedene andere wertvolle Kirchenobjekte. Zu sehen ist das Ganze bis Ende Oktober.

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Große Feier ist Höhepunkt des Festmonats

Jörg Bäuerle selbst hat die Exposition maßgeblich mitgestaltet und zudem zwei geschichtliche Vorträge vorbereitet. "Es wird ein ganzer Festmonat rund ums Jubiläum", sagt der Kamenzer. Am 31. Oktober endet dieser mit einem großen Gemeindefest, dem so genannten Festhochamt.

Bäuerle selbst konvertierte erst 1977 vom evangelischen zum katholischen Glauben. Hier fühlt er sich seitdem besser aufgehoben. Und seitdem liegt ihm auch die geschichtliche Aufarbeitung am Herzen.

Denn obwohl man "erst" das 150. Jubiläum begehen kann, sind die Wurzeln der Katholiken viel früher in der Stadtgeschichte zu suchen. Wenn man es genau nimmt, sogar vor dem offiziellen Anfang. "Als die Stadt 1225 gegründet wurde und Bischof Bruno II. von Meißen die Urkunde dafür ausstellte, wurden darin bereits die erneute Weihe der damaligen Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus und ihre Ausstattung dokumentiert", weiß Jörg Bäuerle. Diese war die Vorgängerin der heutigen Kirche "St. Maria Magdalena" am Bernhardsweg.

Die Pfarrei war unter Bernhard I., dem einstigen Herren von Vesta und Stadtgründer, mit notwendigen Dingen ausgestattet worden. Zum Beispiel mit einem großen Pfarrhof. Heute stehen dort die aktuelle Pfarrei, das Altenpflegeheim St. Georg, das Kinderhaus St. Bernhard, die Berufsschule und die sogenannte Spittelmühle. Und natürlich die Kirche.

Im Mittelalter war die katholische Pfarrei eine sehr wichtige Institution. 1248 wurde weiterhin das Kloster St. Marienstern im heutigen Panschwitz-Kuckau gegründet. "Die Herren von Kamenz hatten weit ambitionierte Vorstellungen und wollten statt ihrer Territorialherrschaft eine Landesherrschaft erringen", so Jörg Bäuerle. Bis 1263 gehörte die Pfarrei zum Kloster.

Auch die Städte Königsbrück, Hoyerswerda, Ruhland, Wittichenau, Pulsnitz und Elstra zählten zum Kirchsprengel, also dem kirchlichen Amtsbezirk. "Es muss ein blühendes religiöses Leben in der Region gewesen sein. Neben der Magdalenen-Kapelle wurden im 14. und 15. Jahrhundert im Gebiet der Stadt Kamenz noch mehrere Kapellen errichtet und gottesdienstlich genutzt", weiß Jörg Bäuerle.

Mehrere Kapellen wurden abgerissen

Dass diese Blüte ein jähes Ende fand, liegt an der Reformation. "Der letzte Stadtpfarrer war Dr. Gregor Günther, der Vater des bekannten Kamenzer Bürgermeisters Dr. Andreas Günther", so Bäuerle. "Mit seinem Tode 1536 wurde durch den Rat der Stadt Kamenz die Einführung des Protestantismus in Kamenz verfügt, und die katholische Pfarrei erlosch."

Durch das Franziskanerkloster am Schulplatz wurde zwar noch eine Zeit lang katholisches Leben in Kamenz aufrecht erhalten. Doch nicht lange. Schon 1542 wurden mehrere Kapellen abgerissen. In der Marienkirche vernichtete man fast alle Altäre. Zum Glück den Marien-Altar nicht. Ganze 335 Jahre gab es zudem kaum einen katholischen Gottesdienst in der Stadt. Und Katholiken erhielten kein Bürgerrecht, durften also nicht einmal in der Stadt leben.

Zwei Vorträge zur Geschichte

Eine Gleichberechtigung der katholischen Christen konnte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach dem Frieden zu Posen 1806 durch den „Code Napoleon“ erreicht werden. Diese gesetzliche Veränderung machte sich auch in Kamenz langsam bemerkbar und führte in einem mehrere Jahrzehnte langen Prozess zur Wiederbelebung katholischen Glaubens und zur Wiedererrichtung der Pfarrei Kamenz.

Heute sei man eine lebendige und junge Gemeinde, so Jörg Bäuerle. Etwa 1.600 Mitglieder groß, umfasst sie seit 2019 auch die Städte Bischofswerda, Radeberg und Königsbrück. Pfarrer Uwe Peukert aus Meißen ist seit Juli 2020 neuer Pfarrer .

Wer mehr zur Geschichte erfahren will, der ist zu den Vorträgen am 13. und 27. Oktober, jeweils um 19 Uhr im Elisabethsaal der Kirchgemeinde Maria Magdalena willkommen. Die Ausstellung im Rathaus ist zu den gewohnten Öffnungszeiten zu besichtigen.

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