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Kamenz: Neue Pläne für die alte Baderei

Weil Fördermittel weggefallen sind, müssen die Eigentümer neue Wege gehen. Bis zum Stadtjubiläum soll sich aber wie angekündigt einiges tun.

Anne Hasselbach und Jan Eickhoff sanieren die alte Kamenzer Baderei und die benachbarte frühere Motorenfabrik Steudel. Ein Stopp für bestimmte Fördermittel stellt sie nun vor neue Hürden.
Anne Hasselbach und Jan Eickhoff sanieren die alte Kamenzer Baderei und die benachbarte frühere Motorenfabrik Steudel. Ein Stopp für bestimmte Fördermittel stellt sie nun vor neue Hürden. © Matthias Schumann

Kamenz. Aufmerksame Passanten müssen schon sehr genau hinschauen, um den rötlichen Schriftzug entziffern zu können. Zur Baderei steht über dem Erdgeschoss des Gebäudes Pulsnitzer Straße 32 in Kamenz. Die Farbe ist verblasst und blättert zusehends ab. Das soll sich bis zur 800-Jahr-Feier der Stadt Kamenz im Jahr 2025 ändern.

Der Plan stand fest. Das Sanierungs- und Neubaukonzept erhielt sogar einen Preis beim Städte-Wettbewerb „Ab in die Mitte!“ zur Belebung der Stadtzentren. Damit soll ein Schandfleck durch Sanierung und Abriss aus der Altstadt verschwinden oder besser zwei Schandflecken mit der ehemaligen Motorenfabrik Steudel, dem Nachbarhaus Pulsnitzer Straße 34.

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Doch nun kam eine schlechte Nachricht für die Eigentümer: Die erhofften Fördermittel für den Abbruch des besonders baufälligen Steudelschen Vorderhauses werden nach jüngsten Änderungen in der sächsischen Förderpolitik nicht fließen, da es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude handele. Das bedeutet: Auch das Fabrikantenhaus muss nun saniert werden. Damit werden zugleich Stadtratsbeschlüsse zur Abriss-Förderung quasi über den Haufen geworfen.

In ein Sanierungs-Abenteuer gestürzt

Eigentümer sind seit 2019 mit Anne Hasselbach und Jan Eickhoff, zwei Kamenzer Geschäftsleute aus der Nachbarschaft – immer mit Blick auf den Verfall. Lange hatten beide mit sich gerungen. Bis sie sich in das Sanierungs-Abenteuer stürzten, bevor es zu spät ist, insbesondere für die historisch bedeutsame Baderei - die Akten der Kamenzer Badestube gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück.

Obwohl deutlich jünger ist das frühere Wohn- und Geschäftshaus Steudel noch stärker mitgenommen. Löcher im Dach haben über viele Jahre durch Wind und Wetter für extreme Schäden gesorgt. Schwamm zerstört die Balken und nahezu alle Arten von Holzkäfern bohren sich durch die Substanz.

Deshalb erschien auch der Abriss als beste Lösung. Während die kleine Fabrikhalle im Hinterhof, im Anschluss an das Wohnhaus von vornherein erhalten bleiben sollte. Die hat inzwischen auch ein Dach - das alte war heruntergebrochen – und einen rustikalen Ziegelboden. Hier sollen Veranstaltungen oder Feiern stattfinden.

Der Förder-Stopp war im ersten Moment vielleicht ein Schock für die Sanierer. Denn es ist schon etwas anderes, abzureißen und neu zu bauen als zu sanieren. Dem Projekt hat es letztlich eher noch einen Schub gegeben.

In diesem Gewölbe - wo einst in Wannen gebadet wurde - könnten künftig Kneipp-Anwendungen angeboten werden.
In diesem Gewölbe - wo einst in Wannen gebadet wurde - könnten künftig Kneipp-Anwendungen angeboten werden. © René Plaul

Es sei inzwischen ihr Hobby, nahezu jede freie Minute auf der Baustelle zu verbringen, sagt Anne Hasselbach: „Es ist unser zweites Zuhause geworden.“ Was sich in den vergangenen zwei Jahren vor allem aus eigener Kraft bisher getan hat, ist weniger an der Pulsnitzer Straße, als vielmehr im Hinterland zu sehen, wo bereits baufällige Substanz großflächig abgerissen wurde und sich der Blick in den Hof öffnet: Der nun schon ganz anders erlebbar ist mit seiner wunderschönen uralten Eibe im Herzen. Die Baderei sei entrümpelt worden und begehbar. Sie steht gegenüber dem Steudelhaus deutlich solider da, obwohl sie viel älter ist.

Eigentümer wollen an Badetradition anknüpfen

Und diese Tradition soll wieder aufleben. Die mittelalterlichen Gewölbe geben eine beeindruckende Kulisse ab. Dort wo früher Wannen standen, sind Kneipp-Anwendungen vorgesehen. Der Saunatrakt soll neu gebaut werden und im Gartensalon ist unter anderem auch die Ruhezone für die Saunagäste geplant.

Besucher können schon ahnen, wie die Pensionszimmer einmal aussehen werden. Mit individuell historisch möblierten Zimmern. Dafür haben die Eigentümer schon zu sammeln begonnen. Bei Haushaltsauflösungen, auf Trödelmärkten, auch über das Internet.

Da ist eine Kirchenbank aus Bischheim, die auf dem Müll geflogen wäre, Kommoden, Bettgestelle, ein Eisschrank für den künftigen Frühstücksraum im Erdgeschoss, wo eine barocke Balkendecke zutage gekommen ist. Und viele Details bis zu Türbeschlägen. So lerne das Paar auch viele neue Leute kennen, die Vertrauen in das Baderei-Projekt haben und ihnen auch Mut machen würden.

Jan Eickhoff entdeckte seine Leidenschaft für Holzarbeiten, die an Türen und Fenstern zu sehen ist. Schließlich habe er als Produktdesigner eine Universalausbildung. Inzwischen habe sich das Bewusstsein der Eigentümer so für das Alte geschärft, dass die beiden Sanierer auch die Hiobsbotschaft mit dem Sorgenkind Steudel-Haus nicht mehr erschrecken kann. Das Konzept muss allerdings umgeplant werden.

„Am Wichtigsten ist es jetzt, das Gebäude schnellstens zu sichern, um den fortschreitenden Verfall zu stoppen“, so Jan Eickhoff.

Substanz muss gesichert werden

Allein dafür liegen die Kosten bei etwas über 200.000 Euro. Zumindest ein Anteil soll nun durch Fördermittel gedeckt werden. Der Stadtrat fasste jetzt den entsprechenden Beschluss. Welche Bausumme Summe am Ende insgesamt steht, lasse sich heute kaum abschätzt. Aber die enormen Investitionen, seien durch künftige Einnahmen kaum wieder reinzuholen.

Noch in diesem Jahr soll auf jeden Fall das Dach repariert und die Planung für das Gesamtensemble vorangetrieben werden. Im Vorjahr habe flächendeckend Schnee im Haus gelegen, so Anne Hasselbach. Das dürfe nicht noch einmal passieren.

Das Projekt sei mühsam und erfüllend zugleich. Jede Fenstersprosse müsse mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden. Handwerker seien derzeit schwer zu bekommen. Bis zum Stadtfest, so bleibt es auch unter den neuen Bedingungen das Ziel, soll das Ensemble zu erleben sein, vielleicht noch nicht komplett fertig, aber ein ganzes Stück weiter und mit sanierter Fassade.

Der Artikel wurde am 29. September, um 13.10 Uhr ergänzt.

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