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Kamenz: Ausverkauf bei der Arbeitslosenselbsthilfe

Bis zum Jahresende wird der Verein abgewickelt, die Mitglieder erleben schwere Wochen. Vor allem einen Schatz würden sie gern retten.

Abgesang bei der Kamenzer Arbeitslosenselbsthilfe: Chefin Anja Steinborn (r.) und Vize-Chefin Marina Griete wickeln in den nächsten Monaten den Verein ab.
Abgesang bei der Kamenzer Arbeitslosenselbsthilfe: Chefin Anja Steinborn (r.) und Vize-Chefin Marina Griete wickeln in den nächsten Monaten den Verein ab. © Matthias Schumann

Kamenz. Am 26. September ist es soweit: Die Arbeitslosenselbsthilfe  (ASH) Kamenz öffnet ihre Lager- und Werkstatträume für die Öffentlichkeit und lädt zum Räumungsverkauf. Stoffe, Büromöbel, Regale, Inventar, Kleinteile und Material aus der Schneiderwerkstatt, Restholzbestände und Gerätschaften aus der Holzwerkstatt - alles muss raus: von der Stecknadel über Wolle, Garne, Reißverschlüsse bis hin zur Pfaff-Nähmaschine.  

Das Ganze erfordert nicht nur eine perfekte Organisation, sondern vor allem zehrt es an den Nerven der Vereinsmitglieder. Nach 30 Jahren löst sich die ASH auf.  Einst beschäftigte  sie in Nähstuben, Kleiderkammern und Holzwerkstatt bis zu 200 Leute. Und nun wird das Ende besiegelt. Die Mitgliederversammlung beschloss den endgültigen Schritt im Januar. Dies hatte viele Gründe. 

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Anfangs mehr als 200 Mitglieder

Ein-Euro-Jobs lösten gut bezahlte ABM-Stellen ab. Projekte wechselten, immer weniger Aufträge flatterten herein. Zu Hochzeiten saßen allein in der Schneiderwerkstatt zehn Näherinnen, die Kostüme für Museen oder den Umzug zum Tag der Sachsen fertigten. Schon lange stehen die Maschinen still. Zuletzt wurden noch einmal  Mund-Nase-Schutzmasken genäht. Mittlerweile liegt Staub auf den alten Pfaff-Nähmaschinen.

"Das tut alles verdammt weh", sagt Marina Griete. Fast stehen ihr Tränen in den Augen. Ihren Kollegen geht es ähnlich. Keiner möchte daran denken, wie es ab Januar wird, wenn sie zurück in die Arbeitslosigkeit gehen. Auch die Chancen der 55-Jährigen stehen nicht gut. "Mit attestierten Rückenproblemen und in dem Alter wird man nicht mehr mit Kusshand genommen", sagt sie. 

Dieser Tage ist sie mit Chefin Anja Steinborn am Überlegen, "wie man die unerschöpflichen Lager am besten besenrein bekommt". Und das bis 31. Dezember. Dann endet der Mietvertrag mit dem Landratsamt. Was sich in 30 Jahren angesammelt hat, soll wenigstens ein paar dankbare Abnehmer finden. 

Kleiderkammern schließen bis Jahresende

Bereits 1990 wurde die ASH in Kamenz gegründet. Damals hatte man gut zu tun, über die Jahre entstanden neben den beiden Nähstuben für Kostüme, Trachten und Haushaltswäsche noch eine Holzwerkstatt, ein Kostümfundus sowie zahlreiche Kleiderkammern  in der Region, die von Hunderten bedürftigen Menschen genutzt wurden. Auch die Kleiderkammern stellen ihren Dienst ein. "Wir haben schon seit Wochen von insgesamt 180 Sammelcontainern nur noch sieben Stück draußen gehabt", so Chefin Anja Steinborn. In Zusammenarbeit mit dem DRK  gelangte die getragene Kleidung  zur ASH, wurde hier vorsortiert, ausgebessert und in die Kleiderkammern verteilt. Nun ist auch damit Schluss.  

Vize-Chefin Marina Griete  fährt dieser Tage die letzten Touren mit dem Mobil. Am 22. Oktober ist außerdem der letzte Öffnungstag der "Nächstenliebe", dem Geschäft der ASH an der Bautzner Straße in Kamenz. Erst vor ein paar Jahren hatte es geöffnet. Die Großröhrsdorfer Kammer schließt am 13. November, die Kamenzer an der Oswald-Kahn-Straße am 26. November. Spenden werden nur noch dort angenommen.

Alles muss raus - ob Stoffe, Möbel, Regale, Holzreste. Auch in der Holzwerkstatt nebenan wartet noch so manches Material auf Handwerker.
Alles muss raus - ob Stoffe, Möbel, Regale, Holzreste. Auch in der Holzwerkstatt nebenan wartet noch so manches Material auf Handwerker. © Matthias Schumann

Denn die Luft ist raus, das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei Mitte 60. Fast alle sind Frauen, auch in der Holzwerkstatt arbeitet nur ein einziger Mann. Dazu kommen finanzielle Sorgen. Immer größere Verluste musste der Verein in den letzten Jahren hinnehmen.  "Die brauchbaren Leute, die uns vom Amt vermittelt wurden, konnte man an einer Hand abzählen", so Anja Steinborn. "Wenn man morgens nur mit der Hälfte der Belegschaft dastand, war das nicht erbauend", so die 44-Jährige.

Soziale Strukturen haben sich geändert. Als die Arbeitslosenselbsthilfe vor 30 Jahren startete, wurde mit anderem Maß gemessen. Die Leute waren froh, dass sie hier zu tun hatten. Mit Kusshand nahm man die Angebote der ASH an. Mittlerweile sind solche Maßnahmen vom Arbeitsamt nicht mehr begehrt. "Die neue Generation scheint andere Mittel und Wege zu haben, sich durchzuschlagen."

Was wird aus den vielen Kostümen?

Nichtsdestotrotz heißt es, Zähne zusammenbeißen. In den kommenden Wochen wartet viel Arbeit auf alle. "Wir erhoffen uns vom Räumungsverkauf einiges. Vielleicht bekommen wir das Geld zusammen und können noch ein kleines Lager in der Altstadt  für ein Jahr anmieten, damit wir den Kostümfundus in Ruhe abwickeln können", sagt die Chefin. 

Die Stadtverwaltung weiß übrigens seit Monaten von der Auflösung der ASH. Und von  Hunderten historischen Kostümen, die man eventuell in fünf Jahren zur 800-Jahr-Feier der Stadt gut gebrauchen könnte. "Es wäre toll, wenn wir ein Zeichen und sogar  etwas Unterstützung bekommen könnten", heißt es von der ASH.  Die Zeit drängt.

Räumungsverkauf, ASH-Hallen Kamenz - Jesau, Oswald-Kahnt-Straße 3:  Sonnabend, 26. September, 9 bis 14 Uhr.

Abverkauf Kostümfundus zu den Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 7 bis 15 Uhr. Terminvereinbarung unter Telefon 0172 5241248

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