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Kamenz: Ist die Lindenterrasse noch zu retten?

Die einstige Ausflugsgaststätte ist nur noch eine Ruine. Die Stadt kaufte sie vor acht Jahren, um sie zu sichern. Bislang ist nicht viel passiert. Doch Nachbarn haben Pläne.

Vom einstigen Glanz der beliebten Kamenzer Ausflugsgaststätte "Zur Lindenterrasse" ist nicht viel übrig geblieben.
Vom einstigen Glanz der beliebten Kamenzer Ausflugsgaststätte "Zur Lindenterrasse" ist nicht viel übrig geblieben. © Ina Förster

Kamenz. Noch stehen ein paar Linden vor dem Haus. Groß sind sie geworden. Und verdecken die Ruine des ehemaligen Kamenzer Gasthauses "Zur Lindenterrasse" fast vollständig. Früher saßen hier im Biergarten gern Kamenzer und Ausflügler bei Bier und Wein. Heute wächst Gras über die Sache. Schon lange. Das einzig Funktionierende ist nebenan die sanierte ehemalige Kegelbahn, die Uwe Wendt vor ein paar Jahren erwarb und heute darin allerdings seine Hutberg-Imkerei betreibt. Noch immer bringen ihm alte Kamenzer manchmal Fotos aus längst vergangenen Zeiten, als noch Kugeln über die Bahn rollten.

Auf der linken Seite wird die Gasthaus-Ruine von einem kleinen Imbiss-Häuschen begrenzt. Familie Fischer aus Steina betreibt hier am Hutberg-Parkplatz seit 27 Jahren ihren Truck-Stopp mit Erfolg. Verkauft Bockwurst, Pommes, Kaffee und Co. "Es gab schon erste Gespräche mit der Stadt, dass wir eventuell einen kleinen Teil des Hauses für die Unterbringung einer festen Kunden- und Personaltoilette nutzen könnten", erzählt Roy Fischer. Doch diese sind aktuell im Sand versickert. Corona kam dazwischen. Und andere wichtige Dinge.

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Imbissbetreiber wollen Toiletten einbauen

Das Haus befindet sich seit 2013 wieder im Besitz von Kamenz, nachdem es der Freistaat versteigerte. Die Stadt hatte es erworben, um es sichern zu können. Viel mehr Pläne gab es seitdem nicht. Zeitweise nutzte man das Haus als Lager, waren hier Marktstände und sperrige Utensilien aus dem Fundbüro untergebracht. Doch auch das ist vorbei.

"Es gab seitens des Imbissbetreibers das Ansinnen, hier einen kleinen, von außen zugänglichen Bereich für einen WC-Bereich abzugrenzen und selbst auszubauen. Dafür bedarf es eines Antrages, um eine Entscheidung im Finanz- und Wirtschaftsförderungsausschuss herbeiführen zu können. Solch ein Antrag liegt aber bisher nicht vor", bestätigt Stadtsprecher Thomas Käppler.

Roy Fischer und seine Frau Romy müssen das Ganze deshalb forcieren. "Eigentlich wollten wir noch im Herbst durchstarten", so der 55-Jährige. Nachdem sie eine neue Kochstrecke in die Hütte eingebaut haben, sollte das neue WC angegangen werden. "Das wäre in Eigenleistung mit relativ geringem Aufwand machbar", so Fischer.

Vor 150 Jahren eine gefragte Sommerfrische

Allerdings würde dieses wohl nur ein Fünftel des Gebäudes einnehmen. Die Stadt hätte den Fischers gern das ganze Haus angeboten, doch dessen Ausbau sei einfach eine zu Nummer zu groß für die Steinaer. "Wenn das mit der Toilette klappt, würden wir uns aber wenigstens um den Eingangsbereich kümmern", so Roy Fischer.

Derzeit ist das Saalgebäude ungenutzt und ohne Ausbauleistungen auch nicht nutzbar. "Aber das Dach dicht ist, so dass es zu keiner Verschlechterung der baulichen Situation und Substanz kommt", sagt Thomas Käppler. Doch sonst tut sich nichts auf dem Areal. Immer wieder gibt es Fragen zum Objekt. Dabei hat die Restauration viele Stürme gut überstanden. Und gehörte vor über 150 Jahren zu den gefragtesten Sommerfrischen der Stadt.

Von 1840 stammt die erste Erwähnung des Hauses. Bereits von 1866 gibt es einen Eintrag, dass die Restauration einen "neuen Eigentümer" bekommen hatte - Johann Christian Neumann. Dies ist die erste vorhandene schriftliche Erwähnung. Der Restaurateur aus Kamenz verkaufte dem Bäcker Friedrich Herrmann Ehlemann aus Arnsdorf allerdings schon 1880 die an der "Kamenz-Königsbrücker Chaussee" gelegene Restauration "Zum guten Moritz".

Nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890 sei das Lokal ein sehr beliebter Treffpunkt der Sozialdemokraten gewesen. Und auch der "Kamenzer Turnverein 1846" nutzte den Saal zum Abhalten seiner Übungsstunden.

Ab 1908 gehörte das Haus Emil Karl Adolf Piwonka. Der Glasmacher stammte aus Annahütte. Und taufte die Gaststätte um. Aus dem "Guten Moritz" wurde die heutige "Lindenterrasse". Woher man das weiß? Piwonka inserierte im Kamenzer Tageblatt Folgendes: "Lindenterrasse: Montag, zum Geburtstag seiner Majestät des Königs, abends 7 Uhr an: Öffentliche Ballmusik mit Kaffee-Visite, wozu die geehrten Damen und Herren freundlichst einladet Emil Piwonka!"

Bis 1973 war die "Lindenterrasse" in Kamenz eine sehr beliebte Ausflugsgaststätte.
Bis 1973 war die "Lindenterrasse" in Kamenz eine sehr beliebte Ausflugsgaststätte. © Repro
Ein alte Postkarte zeugt vom einstigen Glanz der Gaststätte.
Ein alte Postkarte zeugt vom einstigen Glanz der Gaststätte. © Repro
Das Grundstück befindet sich am Fuß des Hutberges.
Das Grundstück befindet sich am Fuß des Hutberges. © Repro
Früher wurde auch noch nebenan in der Kegelbahn gesportelt. Zwischen 1938 und 1941 wurde die bereits vorhandene Kegelbahn erweitert und ausgestaltet.
Früher wurde auch noch nebenan in der Kegelbahn gesportelt. Zwischen 1938 und 1941 wurde die bereits vorhandene Kegelbahn erweitert und ausgestaltet. © privat
Diesen alten Haupteingang könnte Roy Fischer nutzen, wenn er eine Kunden- und Personaltoilette einbauen würde.
Diesen alten Haupteingang könnte Roy Fischer nutzen, wenn er eine Kunden- und Personaltoilette einbauen würde. © Ina Förster
Die "Lindenterrasse" heute. Seit 2013 gehört das Gebäude wieder der Stadt Kamenz.
Die "Lindenterrasse" heute. Seit 2013 gehört das Gebäude wieder der Stadt Kamenz. © Ina Förster
Die alten Linden vor der Tür geben von der Straße kaum noch den Blick aufs Gebäude frei.
Die alten Linden vor der Tür geben von der Straße kaum noch den Blick aufs Gebäude frei. © Ina Förster
Das alte Geländer des ehemaligen Biergartens erinnert an frühere Zeiten.
Das alte Geländer des ehemaligen Biergartens erinnert an frühere Zeiten. © Ina Förster
Nach der Wende nahm der ehemalige Besitzer ein paar Sanierungsarbeiten vor.
Nach der Wende nahm der ehemalige Besitzer ein paar Sanierungsarbeiten vor. © Ina Förster
Familie Fischer betreibt seit 27 Jahren den Imbiss an der Königsbrücker Straße. Eventuell bauen sie nun eine feste Toilette in die alte "Lindenterrasse" ein. Erste Gespräche dazu gab es.
Familie Fischer betreibt seit 27 Jahren den Imbiss an der Königsbrücker Straße. Eventuell bauen sie nun eine feste Toilette in die alte "Lindenterrasse" ein. Erste Gespräche dazu gab es. © Ina Förster

Zwischen 1938 und 1941 wurde die bereits vorhandene Kegelbahn erweitert und ausgestaltet. Ein Kleinkaliber-Schießstand kam hinzu. Sohn Arnold übernahm die Geschäfte 1941. Das Haus blieb im Besitz der Familie. Der letzte Wirt, Günter Nitzschmann, betrieb mit seiner Frau - einer geborenen Piwonka - die Gaststätte in HO-Kommission. Bis 1973. Ab da stand sie verwaist. Und es ging bergab.

Ende der Siebziger kaufte der Rat der Stadt Kamenz das Grundstück mit Gaststätte, Kegelbahn, Anbau und Hinterhaus. Eigentlich wollte die Stadt die inzwischen geschlossene Restauration wiedereröffnen und einen Jugendklub einrichten. Der Zentrale Jugendklub bemühte sich zwar in den Jahren 1978 und 1979 um den Ausbau. Ein Erfolgskonzept hatte man allerdings scheinbar auch nicht.

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