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Auch Tina ist die "Nadel im Heuhaufen"

So etwas gibt es selten: Innerhalb weniger Wochen haben gleich zwei Kamenzer Stammzellen für erkrankte Menschen spenden können.

Tina Zander aus Kamenz hat Stammzellen für einen erkrankten Menschen gespendet. Innerhalb weniger Wochen wurden zwei Einwohner der Stadt auf diese Weise zum Lebensretter.
Tina Zander aus Kamenz hat Stammzellen für einen erkrankten Menschen gespendet. Innerhalb weniger Wochen wurden zwei Einwohner der Stadt auf diese Weise zum Lebensretter. © Matthias Schumann

Kamenz. Dieses Gefühl ist einfach nur gut. Es trägt Tina Zander über die letzten Wochen hinweg. Und lässt sie jeden Tag ein bisschen lächeln. Die Kamenzerin hat Ende März Stammzellen für einen kranken Menschen gespendet.

So etwas kommt selten vor. "Nur ein Prozent aller Registrierten kommt jemals als Spender infrage", sagt Julia Ducardus von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Umso erstaunlicher, dass innerhalb weniger Wochen gleich zwei Kamenzer Stammzellen gespendet haben. Mitte April hat auch der 32-jährige Nico Scholze auf diese Weise einem an Leukämie erkrankten Menschen helfen können.

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Nico Scholze aus Kamenz hat ebenfalls Stammzellen für einen kranken Menschen gespendet.
Nico Scholze aus Kamenz hat ebenfalls Stammzellen für einen kranken Menschen gespendet. © Matthias Schumann

Julia Ducardus bestätigt, dass dies ein wundervoller Zufall ist. "Wenn man sich die Wahrscheinlichkeit anschaut, dann ist es beeindruckend, dass in den letzten Wochen in so einer kleinen Stadt gleich zwei 'Nadeln im Heuhaufen' gefunden worden sind", sagt die DKMS-Pressesprecherin.

Ein Blick in die Statistik verrät: Nur sechs Kamenzerinnen und Kamenzer kamen seit Gründung der DKMS im Jahr 1991 überhaupt als Echtspender infrage. 156 waren es im gesamten Landkreis Bautzen. Bundesweit gibt es 26 Spenderdateien, deren Daten zur weltweiten Suche im Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschlands gespeichert sind.

Typisierung vor fünf Jahren für zehnjährigen Bautzner

Tina Zander ist von all dem berührt. Vor allem davon, dass ihr genetischer Zwilling gefunden wurde. Irgendwo auf der Welt kämpfte Anfang des Jahres ein Mensch um sein Leben. "Da überlegt man nicht lange, da macht man einfach. Und hofft bis zum Schluss, dass nichts schief geht", sagt die Kamenzerin.

Vor Jahren hatte sich die 45-Jährige registrieren lassen. "Ich erinnere mich noch daran, denn es war das letzte Kindergartenjahr meiner Tochter. Da hing im Kindergarten ein Aufruf für eine Typisierungsaktion in Bautzen. Ein kleiner Junge brauchte damals Hilfe", erzählt sie. Das Schicksal von Domenic habe sie gerührt. "Da schlägt einfach das Mutterherz im richtigen Takt", sagt Tina Zander. "Würde das eigene Kind betroffen sein, würde man sich auch Hilfe wünschen von vielen!"

In den letzten Wochen hat sie nachgeschaut, wie es Domenic seitdem ergangen ist. Sein Schicksal bewegte 2016 über 1.500 Menschen, die sich alle für den Zehnjährigen registrieren ließen. Ein Stammzellspender wurde für den an Leukämie erkrankten Jungen gefunden. Zwar nicht aus der Typisierungsaktion, aber aus der Kartei. Ein 61-Jähriger aus Memmingen kam infrage.

Für Tina Zander war es vor wenigen Wochen soweit: "Nun kann ich einem anderen Menschen das Leben retten. Das ist so ein Wahnsinnsgefühl. Ich glaube an das Schicksal. Es sollte so sein, dass ich damals das dringende Gefühl hatte, unbedingt zu der Typisierungsaktion nach Bautzen zu fahren", sagt die zweifache Mutter.

Ein langer Weg bis zur Spende

Bereits im Januar 2020 bekam sie den ersten Anruf von der DKMS. Es sollte ein langer Weg werden bis zur Spende. "Ich gehe sonst nie ran bei Nummern, die ich nicht kenne. Aber hier bin ich es doch. Und man sagte mir, dass ein Patient meine Stammzellenspende brauchte. Das war mein genetischer Zwilling. Ich stand sofort unter Strom", erzählt Tina Zander, die als Trainerin für Führungskräfte tätig ist.

Sie bekam ein Testpaket zur Blutabnahme beim Hausarzt zugeschickt, um genauere Komponenten zu ermitteln. Das ist gängige Praxis, dabei werden nochmals weitere Marker typisiert. Doch es ging viel Zeit ins Land, und Tina Zander hörte nichts mehr. "Ich war traurig, dass meine Hilfe nicht gebraucht wurde", sagt sie. Bei der DKMS habe man ihr erklärt, dass es immer wieder vorkomme, dass es dem Patienten entweder zwischenzeitlich besser geht - oder aber im schlimmsten Fall die Hilfe nicht mehr benötigt wird.

Das setzte Tina Zander besonders zu. "Da hat man die einzigartige Chance, für einen anderen Menschen da zu sein. Und die zerschlägt sich. Ich dachte, dass mir so etwas kein zweites Mal passiert", erzählt die 45-Jährige.

Doch es passierte. Am 1. März 2021 klingelte das Telefon erneut. Der selbe Patient brauchte doch ihre Hilfe. Und nun sollte alles schnell gehen. Tina Zander wurde in einer Dresdner Privatklinik durchgecheckt. Dann musste sie sich fünf Tage lang spritzen. Wie bei Nico Scholze wurde auch bei ihr die periphere Stammzellspende favorisiert. Hierbei werden die Stammzellen aus dem Venenblut gewonnen. Dafür muss ihre Zahl erhöht werden. "Ich habe alles gut vertragen", sagt Tina Zander.

Zwei Jahre anonymisieret Briefe

"Die größte Belastung war, dass ich Angst hatte, mir etwas einzufangen bis zur Spende. Ich hab' mir alles dreimal überlegt. Bin nicht vor die Tür gegangen." Denn nach dem OK des Spendenden wird auch das Immunsystem des Empfängers herunter gefahren. "Wenn man dann aus irgendeinem Grund nicht mehr spenden kann - das wäre das Schlimmste überhaupt", sagt Tina Zander. Angst wegen Corona spielte zusätzlich hinein.

Doch alles ging glatt, die Spende ging Ende März auf den Weg zu einem erwachsenem Mann irgendwo im europäischen Ausland. "In den nächsten zwei Jahren können wir uns anonymisierte Briefe schreiben. Und im Anschluss treffen. Ich würde unglaublich gern wissen, ob er es geschafft hat." Und Tina Zander fügt hinzu: "So eine Aktion lehrt einen echte Demut vor dem Leben!"

Sachsenweit gibt es über 258.000 registrierte Spender bei der DKMS. Der Landkreis Bautzen steht mit 20.000 gut da. "Doch es geht immer noch mehr", sagt Julia Ducardus. "Corona hat einen schönen Nebeneffekt: Die Spendenbereitschaft ist gestiegen. Und es war noch nie so einfach, direkt von der Couch aus mit wenigen Klicks zum Lebensretter zu werden", erklärt sie. "Wir danken Menschen wie Frau Zander, dass sie für andere da sind. Davon lebt Gemeinschaft!"

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