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Als Kamenz noch am Meer lag

Die neue Sonderausstellung im Museum der Westlausitz führt über 90 Millionen Jahre zurück. Damals war Sachsen eine kleine Inselwelt mitten in einem Ozean.

Von Miriam Schönbach
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Ausstellungskurator Jens Czoßek nimmt in der neuen Sonderausstellung „Seestern, Sandstein, Saurier“ die Besucher des Museums der Westlausitz in Kamenz in eine Zeit vor über 90 Millionen Jahren mit.
Ausstellungskurator Jens Czoßek nimmt in der neuen Sonderausstellung „Seestern, Sandstein, Saurier“ die Besucher des Museums der Westlausitz in Kamenz in eine Zeit vor über 90 Millionen Jahren mit. © Matthias Schumann

Kamenz. Das Meer glänzt aquamarin, säuselnd wischen die Wellen ans steinige Ufer. Rötliche Klippen staksen aus dem Wasser hervor. Durch die Luft schweben ein paar Flugsaurier, aus dem blauen Nass steckt ein Urzeitfisch sein Maul heraus. Am Strand liegen Schnecken und Muscheln.

Jens Czoßek betrachtet diese idealisierte Darstellung der Kreidezeit. „Vielleicht sah es so vor über 90 Millionen Jahren hier aus. Damals lag Kamenz am Rand einer Insel. Wenn es möglich wäre, ich würde sofort eine Reise in diese Zeit machen“, sagt der Kurator der neuen Sonderausstellung „Sandstein, Seestern, Saurier – Sachsen in der Kreidezeit“ im Museum der Westlausitz in Kamenz.

Diese Zeit ist so unvorstellbar lange her, wie ein Blick auf die geologischen Zeitalter gleich neben dem fiktiven Meeresbild zeigt. „Der Mensch lebt ja gerade einmal zwei Millionen Jahre, maximal“, sagt Museumsleiterin Friederike Koch-Heinrichs. Viel über die Zeit, als Sachsen noch eine Mini-Inselgruppe in einem Meer war, können jedoch fossile Versteinerungen aus dem Elbsandsteingebirge erzählen.

Museumsmitarbeiter Bodo Plesky beobachtet Pflasterzahnfische, die auch in der neuen Sonderausstellung zu sehen sind.
Museumsmitarbeiter Bodo Plesky beobachtet Pflasterzahnfische, die auch in der neuen Sonderausstellung zu sehen sind. © Matthias Schumann

Die außergewöhnlichen Felsformationen sind ein Ergebnis der Ablagerungen auf dem Meeresgrund zwischen der sogenannten Westsudetischen Insel und dem Böhmischen Massiv. Zusammen mit der ostsudetischen Insel sind sie der Ursprung Zentraleuropas.

Die Erde ist massiv in Bewegung. Sachsen liegt in der Kreide-Zeit ungefähr auf dem 42. Breitengrad auf der heutigen Höhe von Nordspanien und Mittelitalien. „Es ist subtropisch, 28 Grad im Sommer, der Meeresspiegel liegt 250 Meter über dem heutigen Niveau und schwankt nachweislich um 100 Meter, das können wir anhand von Ablagerungen festmachen. Es gibt immer wieder heftige Stürme. Mit dem Beginn der Kreidezeit finden wir erstmals auch Blüh- und Samengewächse. Das Jura-Erdzeitalter davor ist ja noch eine Welt ohne Blumen“, nimmt Jens Czoßek den Besucher mit auf eine gedankliche Zeitreise, bei der selbstverständlich auch die Saurier nicht fehlen dürfen.

Praktikant Kaspar Schilling klebt einem Pläsiosaurusmodell einen Zahn ein. Bei der Zeitreise 90 Millionen Jahre zurück, dürfen die Saurier nicht fehlen.
Praktikant Kaspar Schilling klebt einem Pläsiosaurusmodell einen Zahn ein. Bei der Zeitreise 90 Millionen Jahre zurück, dürfen die Saurier nicht fehlen. © Matthias Schumann

Der Geologe geht zu einer Vitrine mit Fossilien. Versteinerte Lorbeergewächse liegen in ihrem Inneren. Insgesamt werden in der Kamenzer Ausstellung 140 versteinerte Objekte gezeigt – vom Ammoniten über Kieselschwamm, Seestern, Stachelauster bis zu fossilem Kot. „Ihn erkennen wir an der Struktur, wir wissen aber nicht, um wessen Hinterlassenschaft es sich handelt“, sagt Jens Czoßek. Die Vielzahl der Exponate kommt aus den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden.

Die Mineralienforschung hat in Sachsen schon eine lange Geschichte. Sie steht im Zusammenhang mit dem Neubau der Frauenkirche im 18. Jahrhundert. Der ursprüngliche gotische Bau – bereits aus Sandstein - stand 1727 dem Nachfolgerbau von George Bähr im Wege. Durch das Abbruchmaterial wühlte sich seinerzeit der Student Johann Gottlieb Michaelis und fand in den Quadern „allerhand Arten von See-Muscheln abgebildet“.

Daraufhin folgte er seinen Funden in die Steinbrüche rund um Pirna. „Michaelis verdanken wir die erste systematische Sammlung von Kreidefossilien. Im 18. Jahrhundert war Sachsen bei den Geowissenschaften weltführend“, sagt Jens Czoßek. Auf Grundlage dieser Naturaliensammlung erhielt der Wissenschaftler 1727 auch eine Anstellung am sächsischen Hof als Kunstkammer-Adjunkt.

Ausstellungsmacher Jens Czoßek zeigt den versteinerten Seestern. Er gilt als das letzte erhalten gebliebene Fragment des Königlichen Naturalien-Cabinets im Dresdener Zwinger.
Ausstellungsmacher Jens Czoßek zeigt den versteinerten Seestern. Er gilt als das letzte erhalten gebliebene Fragment des Königlichen Naturalien-Cabinets im Dresdener Zwinger. © Matthias Schumann

Michaelis findet auch einen versteinerten Seestern, der sehr selten in der sächsischen Kreide ist. Er ist das letzte erhalten gebliebene Fragment des Königlichen Naturalien-Cabinets im Dresdener Zwinger. „Beim Mai-Aufstand 1849 wird der Zwinger abgebrannt und auch von der Petrefacten-Sammlung bleibt fast nichts übrig – bis auf den Seestern“, sagt der Ausstellungskurator. Für die Kamenzer Schau wurde eines der seltenen Exponate von einem Privatsammler ausgeliehen.

Zu der Ausstellung gibt es einen Katalog, eine „Kleine Kreidekunde“ für Kinder und ein umfangreiches Begleitprogramm im Museum der Westlausitz. Am 24. Oktober sind unter anderem Sonderführungen durch „Seestern, Sandstein, Saurier“ geplant. In den Herbstferien bietet die Museumspädagogik zwei Programme an. Für größere Entdecker heißt es am 21. Oktober „Als Kamenz noch am Meer lag“, die jüngeren Saurier-Liebhaber können am 28. Oktober mit der englischen Fossilienforscherin Mary Anning auf Ausgrabungstour im Museum gehen. Und von diesem Erlebnis aus ist es dann ja auch nur noch ein kleiner Schritt zur Reise ins Land vor unserer Zeit.

Weitere Informationen und Pädagogik-Programme für Kita und Schule finden Sie hier.