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Verrückter Brauch: So retteten Adlige ihren Familienbesitz

Vor 350 Jahren kann Maximilian von Schellendorff mithilfe eines waghalsigen Rittersprungs seinen Besitz in Königsbrück behalten. Ein Kunstwerk erinnert daran.

Peter Sonntag vor dem Epitaph auf der Empore der Königsbrücker Kirche. Es erinnert an Maximilian Freiherr von Schellendorff, der mit dem „Rittersprung“ auf der Ortenburg in Bautzen einst das Familienvermögen rettete.
Peter Sonntag vor dem Epitaph auf der Empore der Königsbrücker Kirche. Es erinnert an Maximilian Freiherr von Schellendorff, der mit dem „Rittersprung“ auf der Ortenburg in Bautzen einst das Familienvermögen rettete. © Matthias Schumann

Königsbrück/Bautzen. Die goldenen, üppigen Verzierungen fallen zuerst ins Auge. Bei der näheren Betrachtung des großen Epitaphs auf der Empore der Königsbrücker Kirche stechen so typische Ritterutensilien wie Helm mit Federbusch und Harnisch hervor.

Peter Sonntag steht vor dem Kunstwerk. „Die Gedenktafel erinnert an den Standesherrn Maximilian Freiherr von Schellendorff. Seine Frau Johanna Margaretha stiftete sie dem Verstorbenen aus Dankbarkeit“, sagt der Vorsitzende des Königsbrücker Heimatvereins.

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Schließlich rettete ihr Gemahl am 7. März 1671 mit dem Rittersprung auf der Bautzener Ortenburg das Familienvermögen. 350 Jahre ist dieses Spektakel her, den letzten „Vorritt“ indes gab es an der Spree wahrscheinlich im Jahr 1780 als ein Relikt aus Zeiten klappernder Rüstungen und alter Privilegien.

Brauch hält sich in Bautzen bis zur Zeit der Aufklärung

Zurück geht dieses mittelalterliche Vorrecht des Adels auf das Jahr 1544. Damals bestimmt Kaiser Ferdinand I. für die Ritterschaft in der Oberlausitz, dass Standesherren ohne männliche Nachkommen ihren Besitz als sogenanntes „erledigtes Lehen“ an den Landesherren zurückgeben müssen.

Retten können sie ihren Besitz in der Familie nur mit einem gewagten Sprung in voller Ritter-Rüstung auf ein stattliches Pferd und dem anschließenden Umreiten des Ortenburg-Hofes, womit der „erbenlose Lehensgutbesitzer seine geistige und körperliche Spannkraft“ unter Beweis stellen kann. „Bei Erfolg dürfen seine Hinterbliebenen die Standesherrschaft fortführen“, erklärt Peter Sonntag. Der 69-Jährige hat sich mit den Blaublütern aus Königsbrück und auch dem Rittersprung beschäftigt.

Dieser Brauch hält sich in Bautzen bis zur Zeit der Aufklärung und des aufstrebenden Bürgertums. Das „Brockhaus Conversations-Lexikon“ berichtet in der Ausgabe von 1809, dass „keine Deutsche Provinz, ja kein Reich in Europa uns bekannt ist, wo ... der Rittersprung einem adligen Rittergutsbesitzer heutigen Tages noch ein eignes Recht bewirkte … Nur in der Ober-Lausitz kommt er noch vor, wo er in den Jahren 1777 und 1778 zu Budissin, der Hauptstadt dieser, dem Churhaus Sachsen gehörigen Provinz, auf die feierlichste Weise zweimal nach einander … vollzogen worden ist.“ Der letzte Vorritt gehörte wohl Heinrich Siegfried Traugott von Schönberg am 3. April 1780.

Freiherr von Schellendorffs Söhne starben als Kinder

Doch zurück in die Zeit vor 350 Jahren. Bereits 1670 beantragt der Königsbrücker Standesherr dieses Sonderrecht, obwohl er damals erst 25 Jahre alt ist. Es lässt sich nur spekulieren, warum er bereits in so jungen Jahren auf diese Sonderregelung bestand.

Erst 1668 hatte der Adlige Johanna Margarete Freiin von Friesen geheiratet. Sie war bei der Hochzeit zarte 13 Jahre. Die drei Söhne aus der Ehe starben im Kindesalter. Doch das war beim Antrag auf den Rittersprung noch gar nicht absehbar.

Vielleicht wollte aber der Baron für die Familie einfach vorsorgen. Sein Vater und sein älterer Bruder starben kurz nacheinander, sodass er früh Verantwortung übernehmen musste und der Adelsstammbaum seiner restlichen Äste beraubt war. Das zerbrochene Schellendorffsche Wappen im Epitaph steht für das Ende einer Dynastie.

Bedeutendes Meisterwerk sächsischer Bildhauerkunst

Vielleicht war es aber auch eine „kleine Kungelei“ zwischen Schellendorff und seinem Schwager Curt Reinicke Freiherr von Callenberg um das „freie Erbe“, vermutet Peter Sonntag. Von Callenberg ist seinerzeit der Landvogt und Vertreter des Landesherrn, bei dem der Vorritt beantragt werden muss.

Für den Rittersprung selbst wird damals eine Rüstung angefertigt und per Pistolenschuss auf ihre Festigkeit getestet. „Es ist überliefert, dass sie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Landständischen Haus in Bautzen gestanden hat“, sagt Peter Sonntag. Aus dieser Zeit gibt es Beschreibungen der Rüstung und des Helms mit Federbusch, so wie sie auf dem Epitaph in der Königsbrücker Kirche dargestellt werden.

Das Monument ließ Johanna nach dem Tod ihres Mannes 1703 anfertigen. Sie sparte beim Auftrag nicht. Die vier Meter hohe und mehr als drei Meter breite, vergoldete Arbeit aus der damaligen Super-Star-Werkstatt des Barock-Bildhauers Paul Heermann (1673 – 1732) zählt heute zu den bedeutendsten Meisterwerken sächsischer Bildhauerkunst.

Das Spektakel zieht Bürger wie Adlige an

Nach einer Zeit des Vergessens ist das Epitaph nach der Restaurierung für gut 80.000 Euro seit vergangenem Jahr wieder ein Blickfang in der Kirche. Experten sehen in dem Kunstwerk auch ein letztes bildliches Relikt des Rittersprungs im Markgrafentum Oberlausitz.

Den Schellendorffschen Vorritt indes wollte an jenem 7. März 1671 niemand verpassen. Der Rittersprung ist ein Spektakel, das Groß und Klein, Bürger und Adlige anzieht. Es ist überliefert, dass die Schloßstraße in Bautzen bis hin zum Schlosstor mit Stadtsoldaten sowie landvogtlichen Untertanen besetzt ist, im Schlosshof versammeln sich Bürger und an der Schlosstreppe sitzen die Standesherren des Markgraftums. Die Zugbrücke belagern die Untertanen aus der Seidau.

Der Landvogt oder sein Stellvertreter kommt für das Spektakel auf den Schlossbalkon. Jetzt steht dem Rittersprung nichts mehr im Wege. Der Klang von Trompeten begleitet schließlich den Ritter zu seiner Prüfung, der vor seinem gewagten Sprung aufs Pferd noch dem Landesherrn die Treue schwört. Maximilian Freiherr von Schellendorff absolviert die Prüfung erfolgreich.

Rittersprung beim Bautzener Altstadtfest?

„Nicht jeder Ritter hat das geschafft, mancher kam gar nicht erst oben an, andere sausten durch den Schwung auf der anderen Seite gleich wieder runter“, weiß Peter Sonntag. Die Geschichte um die Bautzener Besonderheit hat er inzwischen an den Bautzener Tourismusverein herangetragen. Das Interesse sei da, das Spektakel bei einem Altstadtfest wieder aufleben zu lassen.

Der Königsbrücker Standesherr rettet mit dem „Rittersprung“ den Familienbesitz. Schon einen Tag später erhält er den Allodifikationsbrief durch den Kurfürsten Johann Georg II. Der Weg ist frei, sein Erbe in der Familie weiterzugeben. Schellendorff stirbt mit nur 58 Jahren. An dessen Leber habe die Galle seiner Frau genagt, wird erzählt. Johanna soll gern den Streit gesucht haben, aber das wäre schon eine neue Geschichte.

Die Witwe folgt ihrem Gemahl 1726 ins Grab. Geblieben aber ist in der Königsbrücker Kirche das prunkvolle Epitaph – und eine Ausstellung zu den Schellendorffs und dem Rittersprung vor 350 Jahren auf der Ortenburg in Bautzen.

Die Hauptkirche in Königsbrück ist ganztägig geöffnet.

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