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Lessings letzte Lektüre findet Platz in Kamenz

Das Lessing-Museum rekonstruiert seit knapp zehn Jahren die Privatbibliothek des Aufklärers. Eins der Werke ist allerdings sehr begehrt bei den Scheichs im Orient.

Das Kamenzer Lessing-Museum trägt seit zehn Jahren die private Büchersammlung von Gotthold Ephraim Lessing zusammen. Leiterin Sylke Kaufmann ist stolz, dass schon 122 Titel vorhanden sind.
Das Kamenzer Lessing-Museum trägt seit zehn Jahren die private Büchersammlung von Gotthold Ephraim Lessing zusammen. Leiterin Sylke Kaufmann ist stolz, dass schon 122 Titel vorhanden sind. © Kristin Richter

Kamenz. Das Buch wirkt eher unscheinbar, seine Seiten riechen nach Vergangenheit. „Der Teutschen Scharpfsinnige Kluge Sprüch“ von „Julius Wilhelm Zincgrefs/der Rechten Doctor“ ist 1628 in Straßburg erschienen. Redewendungen und Sprichwörter sind in dem knapp 200-seitigen Band enthalten. Für Sylke Kaufmann ist das Werk des Juristen aus dem 17. Jahrhundert aber mehr als eine Anekdotensammlung. Mit einem zarten Bleistiftstrich hat jemand vor Jahren „264“ auf den hinteren Einband geschrieben. „Hinter dieser Nummer steht der letzte Titel aus Lessings Bibliotheksliste, die uns überliefert ist“, sagt die Leiterin des Lessing-Museums.

Das Mammutprojekt der Rekonstruktion der letzten privaten Büchersammlung von Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781) hat ihr Haus vor knapp zehn Jahren begonnen. „Wir haben uns von anderen Museen inspirieren lassen, so zum Beispiel durch das Gleimhaus, das als eines der ältesten deutschen Literaturmuseen die Bibliothek des Dichters und Sammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim wieder zusammenträgt, oder vom Bach-Museum in Eisenach, wo die theologische Bibliothek des Musikers wieder errichtet werden soll“, sagt die Kunsthistorikerin.

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Erbstreitigkeiten erweisen sich als Glücksfall

Doch woher wussten die Wissenschaftler überhaupt, welche Bücher beim berühmtesten Sohn der Stadt Kamenz zuletzt im Regal an seiner Wirkungsstätte in Wolfenbüttel standen? Der Grund ist so einfach wie heutig: Durch Erbstreitigkeiten der Erben wurde nach Lessings Tod sein Hab und Gut inventarisiert. „So genau, dass wie heute sogar noch sagen können, welche Ausgabe Lessing aus welchem Jahr besaß“ sagt Sylke Kaufmann. Nach der Zusammenstellung des Hausrats wurde eben die Gelehrtenbibliothek auseinandergerissen und zugunsten der Streithähne verkauft. In der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel aber blieb eine Kopie über seinen letzten Bücherbesitz.

Sylke Kaufmann legt einen Stapel Bücher auf ihren Tisch. 122 Titel von den einst 264 erfassten Büchern hat das Lessing-Museum mit Hilfe des Kulturstaatsministeriums und der Stadt sowie von Unternehmern und privaten Spendern zusammengetragen.

Lessing hatte in seiner privaten Bibliothek unter anderem Publikationen zu Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft sowie Ästhetik. Auch altertümliche Schriften und naturwissenschaftliche Arbeiten fehlten nicht.
Lessing hatte in seiner privaten Bibliothek unter anderem Publikationen zu Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft sowie Ästhetik. Auch altertümliche Schriften und naturwissenschaftliche Arbeiten fehlten nicht. © Kristin Richter

„Viele wundern sich, dass sich nur so wenige Bände im Besitz Lessings befanden. Aber als Bibliothekar in Wolfenbüttel konnte er ja jederzeit auf die Bestände seines Dienstherren zurückgreifen“, sagt die 52-Jährige. Die „Bibliotheca Augusta“ im kleinen Fürstentum im Harz gilt als eine der berühmtesten fürstlichen Büchersammlungen.

Der Verfasser von „Emillia Gallotti“ und „Nathan, der Weise“ indes legte nach Ansicht Kaufmanns eher weniger Wert auf eine Prestigebibliothek. „Er war ein Bücherfreund, aber hatte keinen Besitzerstolz“, sagt sie. Davon zeugt auch der Verkauf seiner gut 6.000 Bände umfassenden Bibliothek in seiner Breslauer Zeit von 1760 bis 1765. Er braucht das Geld damals für die Gründung der Verlagsgesellschaft nach seinem Wechsel 1767 in die Hansestadt Hamburg. Zuweilen soll der Literat und Philosoph auch den einen oder anderen Taler beim Glückspiel verloren haben. Zahlenlotterie soll seine Leidenschaft gewesen sein. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Im Portfolie fehlen weder Freunde noch Kritiker

In Lessings letztem Bücherregal finden sich Werke von A, wie Aristoteles, bis Z, wie eben Zincgref. Es sind Publikationen zu Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Ästhetik, altertümliche Schriften und auch einige naturwissenschaftliche Arbeiten - „ein Spiegelbild seiner Interessen“. Selbstverständlich fehlen auch Freunde wie Kritiker nicht im Portfolio.

Das älteste Buch ist 1551 erschienen, das jüngste Werk seiner Sammlung stammt aus dem Jahr 1779. Die Druckorte liegen in Deutschland wie im europäischen Umland, verfasst sind die Schmöker größtenteils auf Deutsch und Latein, aber auch in Spanisch, Englisch, Französisch, Niederländisch und Italienisch. Bei dem Erwerb der Sammlung arbeitet das Haus hauptsächlich mit einem Antiquariat in Dresden zusammen.

Sylke Kaufmann ist optimistisch, dass über kurz oder lang die Bibliothek fast in ihrer Gänze in Kamenz ihren neuen Platz finden könnte. Vorgesehen ist dafür die zweite Etage im Lessinghaus. Allein bei einem Buch könnte es schwierig werden, es wieder zu erwerben. Dabei handelt es sich um die lateinische Ausgabe eines reich illustrierten Falkenbuchs des Kaisers Friedrich II. aus dem Jahr 1596. Das Exemplar ist äußerst begehrt bei den Scheichs im Orient – und die meisten von ihnen können wohl dafür auch ohne große Umstände die fünfstellige Beschaffungssumme aufbringen. Aber vielleicht führt das Glück diese Rarität auch zurück unter das Dach des Kamenzer Museums.

Wer das Sammlungsprojekt unterstützen will, kann sich an das Lessing-Museum wenden. Telefon 03578 379111; E-Mail [email protected] 

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